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aus Heft 05/2009 Gesellschaft/Leben 5 Kommentare

Was geschah mit Petra S.?

Seite 2

Von Alexandros Stefanidis 




Als ihre Tochter starb, erhielt sie rund 5000 Briefe von Menschen, die ihr Beileid bekunden oder Trost spenden wollten. Manchmal liest sie auch heute noch in diesen Briefen, sagt die Freundin. Auf der Einfahrt, gleich hinter dem schmiedeeisernen Tor mit den Lettern »Petra Polis«, zeigt der Asphalt ein paar Risse. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Draußen ist es ruhig wie auf einem Friedhof. Die weiblichen Steinskulpturen im Garten tragen grüne Längsstreifen vom jahrelangem Regen; in der offenen Garage steht ein dunkelblaues Mercedes Cabrio. Die Kulisse erinnert an die Anfangssequenz eines Derrick-Krimis. Petra Schürmann sitze oft im Wohnzimmer und schaue fern, sagt die Freundin. »Am liebsten die Sendungen, die sie selbst moderiert hat – oder alte Krimis.«
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Nach dem Tod der Tochter stand monatelang ein Fernglas auf dem Balkon, damit Petra Schürmann immer das Grab ihrer Tochter auf dem Aufkirchener Friedhof sehen konnte. Das Fernglas hatte sie einst gekauft, um gemeinsam mit der halbwüchsigen Alexandra in die Sterne zu schauen. Doch mit dem Tod Alexandras verwandelte sich das Fernglas in ein Instrument, um in die Vergangenheit zu blicken.

Wie sehr muss Petra Schürmann der Schmerz über den Verlust ihrer Tochter getroffen haben, dass es ihr die Sprache verschlug? Patricia Riekel, Chefin der Zeitschrift Bunte, schrieb kurz nach Gerhard Freunds Tod im August 2008: »Der Kummer trennt Petra Schürmann von der Welt wie eine Amputation. Die Bilder der letzten Jahre zeigen eine in sich zusammengesunkene Frau, erstarrt in Trauer. Ihr Schicksal bewegt uns, weil ihr Leben mal als Blaupause für alle jene diente, die nach Glück und Erfolg strebten. {...} Das Schicksal hat ihr alles geschenkt und auch alles wieder genommen.« Aber der Verlust der Sprache und ihrer motorischen Fähigkeiten sind nicht nur dem Schicksal geschuldet. »Petra ist krank«, sagt die Freundin.

Der Kreis der Schürmann-Freunde ist geschrumpft, seit sie sich nicht mehr mitteilen kann. Vielleicht eine Handvoll Menschen besuchen sie noch regelmäßig. Da ist etwa Anselm Bilgri, der ehemalige Prior des Klosters Andechs, der im Juni 2001 die Hochzeit von Alexandra und ihrem Verlobten Ralph Schmid vorbereiten sollte und im selben Monat Alex-andras Beerdigung leiten musste. »An dem Tag vor dem Unfall war Alexandra mit ihrem Bräutigam Ralph bei mir, um die Hochzeit zu besprechen, die einen Monat später hätte stattfinden sollen. Nachmittags um fünf haben die beiden sich fröhlich von mir verabschiedet, und am nächsten Tag ruft mich Petras Freundin Ursula Prinzessin von Bayern an und erzählt mir von dem Unfall.«

Im Polizeibericht steht, dass am 21. Juni um 8 Uhr 45 der Geisterfahrer Tobias B. aus Rosenheim mit seinem Mercedes frontal in den VW Passat von Alexandra Freund raste. Man geht davon aus, dass die 34-Jährige noch im selben Moment starb. Es war der Moment, der Petra Schürmanns Leben zertrümmerte. Sie stand damals im Wohnzimmer, eine Tasse Tee in der Hand. Vielleicht machte sie sich gerade Gedanken darüber, dass eigentlich sie für die Moderation in der Nähe von Rosenheim vorgesehen und Alexandra nur eingesprungen war, weil es ihr selbst nicht gut ging. Das Radio lief, von einem Unfall auf der A8 war die Rede, und Petra Schürmann fühlte, dass etwas Schreckliches passiert war.

Ursula Prinzessin von Bayern, Alexandras Firmpatin, ist seit mehr als vierzig Jahren Petra Schürmanns engste Freundin. Sie sagt nicht »Petra«, wenn sie von ihrer engsten Freundin redet, sondern nennt sie immer »Frau Schürmann«. Aus Respekt.

»Frau Schürmann hat vor dem Unfall Alexandras sehr oft von ihr geträumt. Immer denselben Traum: Beide gehen spazieren, das Kind läuft vor, plötzlich tut sich ein Abgrund auf, und das Püppchen steht auf der anderen Seite und ruft: ›Mami, hilf mir doch! Hilf mir doch!‹ Aber Frau Schürmann kann ihr nicht helfen. Die pure Ohnmacht. Nach dem Unfall hat Frau Schürmann diesen Traum nie wieder geträumt. Sie hatte immer ein tiefes Unbehagen, dass dieser Traum eines Tages wahr werden würde – und als der Tag kam, hat er sie mit all der Wucht davongefegt, wie ein Herbstblatt im Sturm. Die Wunde, die der Tod Alexandras in ihr Leben gerissen hat, ist so tief, die wird nie heilen. Püppchen war ihr Leben.«

Vier Tage nach dem Unfall sagt Petra Schürmann der Süddeutschen Zeitung: »Ich werde nie mehr dieselbe sein. Aber eine tragische Figur werde ich auch nicht werden.«

Doch für Petra Schürmann beginnt mit dem 21. Juni 2001 ein anderes Leben. Auf dem sonnigen Königreich Petra Polis liegt seitdem ein Schatten. Auf die Frage, ob sie ihrer Tochter am liebsten in den Tod gefolgt wäre, antwortet Schürmann noch im Jahr 2003: »Ja! Aber da war immer die große Angst, sie nicht zu treffen. Selbstmord ist doch eine Todsünde. Dann wäre Alexandra im Himmel und ich nicht.« Für Petra Schürmann wird dieses christliche Bekenntnis zum wichtigsten Bestandteil ihres neuen Lebens. Der Trost, den sie im Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits findet, klammert sie ans Leben.

Ihr Buch Und eine Nacht vergeht wie ein Jahr, das sie im Jahr 2002 über die Beziehung zu ihrer Tochter schrieb, schließt mit den Worten: »Ich liebe dich, Alexandra, und habe eine unstillbare Sehnsucht nach dir. Doch jetzt trennen uns nicht nur zwei Türen voneinander, sondern Lichtjahre. Aber dann, wenn wir uns treffen, ist es wie eine Feierlichkeit.«

Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod der Tochter will Petra Schürmann wieder vor die Kamera treten – mit der Talkshow Unter 4 Augen fürs Bayerische Fernsehen. Doch ein paar Wochen vor dem Sendetermin sagt sie ab, sie kann den Schmerz nicht überwinden. Im Oktober 2001 sagt sie der Bunten: »Ich mache mir Vorwürfe, weil vorgesehen war, dass ich im Salzbergwerk drehen sollte. Aber Alexandra hat auf mich eingeredet: ›Mami, du bist überarbeitet! Mach eine Pause!‹ Hätte ich, wie geplant, gedreht, wäre ich zwei Stunden später gefahren. Alexandra brach nur so früh auf, weil sie abends Sendung hatte.«

In den folgenden Jahren zieht sich Petra Schürmann immer öfter allein in Alexandras Zimmer zurück. Nach Alexandras Tod hat die ehemalige Moderatorin mehrere Trauertherapien begonnen, aber nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Zweimal pro Woche geht sie wegen ihrer Sprachprobleme zu einer Logopädin. Wenn Petra Schürmann in Starnberg einkauft, zeigt sie stumm auf die Ware, die sie gern haben möchte. Auf der Straße bleiben Passanten stehen, starren und tuscheln hinter ihrem Rücken.

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Kommentare

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  • Ida Sons (0) Sehr schön, ich schlieβe mich meinem Vorgänger an, denn es handelt sich hier um einen fundierten Bericht, der meines Erachtens nichts mit dem Stil der Boulevardmagazine gemeinsam hat. Außerdem wird hier auf behutsame Weise mit einem Thema umgegangen, das eben gerade interessant ist, weil es einen Wiedererkennungswert besitzt und doch so weit weg zu sein scheint, wenn es sich um Persönlichkeiten wie Frau Schürmann handelt. Mich hat der Artikel dahingehend inspiriert mich mit dem Thema des 'Stimmverlustes' auf verschiedene Art und Weise auseinanderzusetzen was wiederum die Besonderheit von Petra Schürmanns Fall kennzeichnet.
  • Stefan Maurer (0) Ich habe den Text eben auch mal gelesen - und finde ihnsehr gut. Als Abonnent der SZ frage ich mich: Seit wann ist denn die Berichterstattung über gesellschaftlich relevante Themen/Menschen nur Sache von Bunte/Gala etc.? Der Autor geht meines Erachtens sehr behutsam mit dem Schicksal von Frau Schürmann um. Also: Über was regen Sie sich eigentlich auf? Interessanterweise haben Sie, meine Damen, alle den Text ja gelesen. Das sagt schon mal einiges. Und woher wissen Sie eigentlich so genau, was in Bunte/Gala/Brigitte steht? Kurz: Als Leser einer Tageszeitung will ich "umfassend" informiert UND unterhalten werden. Basta.
    Für bildungsbürgerliche Frömmeleien gibtes bestimmt irgendeinen Blog, dem Sie sich geschlossen anschließen können.
  • Marie Nienhaus (1) Gehts noch? Lese ich die Süddeutsche oder "Frau mit Herz im Spiegel"?
  • Agnes Schüllner (0) Ich kann mich meiner "Vorschreiberin" nur anschließen. Bei jedem Todesfall bleiben Menschen zurück die mit ihrem Schicksal dann klarkommen müssen. Ich weiß dass aus Erfahrung.
  • Bettina Kromen (1) Herzlichen Glückwunsch! Dieser Text qualifiziert den Autor dazu, umgehend bei BunteGalaBrigitte Chefredakteur zu werden- den Stil beherrscht er schon trefflich. In der SZ hat ein solcher Artikel meines Erachtens nichts verloren.