aus Heft 19/2007 Familie Noch keine Kommentare
Der Großvater, der Vater, der Sohn
Der Großvater war im Zweiten Weltkrieg Panzerfahrer in der Wehrmacht, die Millionen von Menschen tötete. Der Vater machte jahrzehntelang Karriere in der Bundeswehr, die nie einen Schuss auf den Feind abgab. Der Sohn will Offizier werden in einer deutschen Armee, für die Soldaten wieder sterben. Die Geschichte der Familie Gerhard. Von Jan Heidtmann (Text); Andrea Diefenbach (Foto)
Max Gerhard hat Menschen getötet. Wenn er daran denkt, dann meist an dieses eine Ereignis, das ihn jahrelang nicht losgelassen hat. Das ihn nachts, wenn seine Frau schlief und es still war auf dem Eschberg in Saarbrücken, wo ihr kleines Haus steht, regelmäßig aufschrecken ließ. Das eine Ereignis an der Ostfront, das für ihn den Schrecken des Krieges bündelt.
Er war damals 24, Obergefreiter bei der 12. Panzerdivision, stationiert in der Nähe von Minsk. Agenten hinter den feindlichen Linien hatten den Divisionsstab informiert, dass die Russen die Front durchbrechen wollten. Max Gerhard und seine Kameraden parkten die vier Lkws mit den darauf montierten Geschützen an der angegebenen Stelle, über Kreuz, so wie es ihnen befohlen worden war. Damit der Kugelhagel eine undurchdringliche Wand von Geschossen bilden würde. Dann kamen die Russen, 300 oder 400 müssen es gewesen sein, »die liefen vollkommen ahnungslos auf uns zu. Als sie hundert Meter entfernt waren, haben wir gefeuert«, erzählt Gerhard. »Das war, als hätten wir sie durch einen Fleischwolf gedreht.« Die Schreie der Getroffenen, mehr ein tierisches Gebrüll, der Geruch nach Pulverdampf, die Hitze, das Blut, die Fleischfetzen – »Ich stand vollkommen unter Schock.« Max Gerhard, der das Sterben und Töten an der Front schon mehr als drei Jahre erlebt hatte, brauchte erst einmal acht Tage Ruhe.
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Max Gerhard ist jetzt 85 Jahre alt, ein sympathischer Mann mit einem wachen Verstand. Sein jungenhaftes Lächeln ist schon auf den Bildern zu sehen, die er aus dem Wandschrank im Wohnzimmer hervorgekramt hat. Sie zeigen ihn in Uniform, rauchend oder mit den Kameraden beim Essen, es sind Bilder von einem fast idyllischen Soldatenleben. Max Gerhard schüttelt den Kopf und sagt: »Alles, was mit Krieg zu tun hat, kann nicht gut sein.«
Sein Enkel, Peter Gerhard, hat in den vergangenen anderthalb Jahren gelernt, wie man mit der Pistole und dem Gewehr umgeht, eine Sprengfalle konstruiert, die eigene Stellung ausbaut und provisorische Brücken legt. Beim Einzelkämpferlehrgang musste er sich vier Wochen lang mit ein paar Kameraden durchs Unterholz schlagen, »da hieß es durchhalten, das war hart«. Peter Gerhard meint, danach »kann einen nichts mehr umhauen«. In ein paar Tagen ist die erste Etappe seiner Ausbildung zum Offizier vorbei, anderthalb Jahre von zwölf Jahren, auf die er sich bei der Bundes-wehr verpflichtet hat. Peter Gerhard wird dann 21 sein, noch ein paar Streifen mehr auf seinen Schulterklappen tragen dürfen und bald das Maschinenbaustudium an der Bundeswehruniversität beginnen. Dass er vielleicht auch irgendwann einen Menschen töten muss, darüber hat sich Peter Gerhard nur wenige Gedanken gemacht. »Wenn es einmal so sein sollte, dann mach ich das, um mein Land zu verteidigen«, sagt er. »Es gibt ja auch im Krieg Regeln, die bestimmen, wann getötet werden darf und wann nicht.«
Manchmal denkt Max Gerhard, er hätte seinem Enkel und seinem Sohn mehr vom Krieg erzählen sollen.
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