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aus Heft 05/2009 Außenpolitik 4 Kommentare

Der Geisterkrieg

Seite 4

Von Jürgen Todenhöfer 



Dabei vergisst man die Terroristen vor unserer Haustür.
Der Gazakrieg war trotz des militärischen Sieges kein wirklicher Erfolg für Israel. Er hat die Zahl seiner Feinde erhöht und das israelische Terrorismusproblem vergrößert. Auch Palästinenser kommen nicht als Terroristen auf die Welt. Darf man das als Freund und Bewunde-rer Israels so offen aussprechen? Oder muss man, opportunistisch applaudierend, zuschauen, wie Israel seinen moralischen Kredit und seine Identität gefährdet?

Israel muss menschlicher sein als seine Feinde. Seine Zukunft liegt nicht in der Feindschaft, sondern in der Freundschaft seiner Nachbarn. Die gewinnt man nicht mit Kriegen. Das kluge Israel wird daher trotz aller Schwüre eines Tages mit der Hamas verhandeln – so wie es heute mit der einst terroristischen Fatah spricht. Die schroff einseitigen Erklärungen, mit denen Teile der Bundesregierung die Schuld am Krieg ausschließlich den Palästinensern gaben, helfen niemandem, auch nicht Israel. Sie schwächen nur die Position Deutschlands als ehrlicher Makler.
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Statt präventiver Kriege sollte der Westen im ganzen Mittleren Osten präventive Verhandlungen im Stil der KSZE initiieren, die einst den Ost-West-Konflikt überwand. An dieser Konferenz für Sicherheit, Abrüstung, Zusammenarbeit und Menschenrechte müssten, unter Führung des UN-Sicherheitsrats, alle Akteure der Region teilnehmen – auch der Iran, Syrien, Israel und die gewählten Vertreter Palästinas.

Vor allem die USA müssen über ihren Schatten springen und auf ihre Erzfeinde zugehen – wie einst der ägyptische Präsident Sadat auf Israels Ministerpräsidenten Begin und US-Präsident Reagan auf Generalsekretär Gorbatschow. Die ausgestreckte Hand des neuen US-Präsidenten Obama würde nicht ausgeschlagen werden. Muslime sind nicht extremistischer als wir. Kein muslimisches Land hat in den letzten 200 Jahren den Westen überfallen, aber unzählige Male sind wir in ihre Welt einmarschiert. Statt zu versuchen, die muslimische Welt niederzuringen, sollte der Westen versuchen, sie aufzubauen, wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland aufgebaut haben. Was könnte man nicht alles mit dem jährlichen US-Kriegsbudget von 186 Milliarden Dollar erreichen!

Im Irankonflikt bedeutet eine Politik präventiver Verhandlungen, dass die USA endlich auf den Iran zugehen. Sie müs-sen ihn aus der Haltung eines Desperados, der nichts zu verlieren hat, herausholen – mit einem »Grand Bargain«, bei dem die USA die Wirtschaftssanktionen aufheben und die Sicherheit des Iran garantieren, während der sich in der Nuklearfrage bewegen und konstruktiv an der Lösung des Irak- und des Palästinakonflikts mitarbeiten müsste.
 
Iranische Politiker erklären, die berüchtigten Äußerungen Präsident Ahmadine-dschads über die »Ausradierung« Israels beruhten auf einer falschen Übersetzung. Einige westliche Medien haben dies inzwischen eingeräumt. Die Macht im Iran liegt zudem nicht bei Ahmadinedschad, sondern bei Religionsführer Ali Chamenei, der diesen mehrfach wegen seiner polarisierenden Verbalattacken gerüffelt hat.

Der Iran hat seit Jahrhunderten kein Land angegriffen. Im persönlichen Gespräch bestätigen hochrangige Gesprächspartner in Teheran, dass der Iran auch Israel nie angreifen werde. Ein »Grand Bargain« wäre eine gute Gelegenheit, eine Nichtangriffserklärung gegenüber Israel und einen gegenseitigen Gewaltverzicht in völkerrechtlich verbindliche Form zu gießen.

Im Irakkonflikt bedeutet eine Politik präventiver Verhandlungen, dass die USA wie in Vietnam Verhandlungen mit dem legitimen Widerstand führen müssen. Die überwiegende Mehrheit der Iraker steht hinter dem Widerstand. Ich habe die Führung der »Patriotischen, Nationalen und Islamischen Befreiungsfront« mehrfach getroffen. In ihr kämpfen über 100000 Schiiten, Sunniten, ja sogar Christen. Sie ist jederzeit zu Verhandlungen über den von Obama vorgeschlagenen »verantwortungsbewussten« Truppenrückzug bereit.

Ohne eine Einigung mit ihr wird es keinen stabilen Frieden geben. Die im Westen völlig überschätzte »Vichy-Regierung« Al-Maliki hat die Unterstützung der Iraker längst verloren. Sie gilt als Kollaborateur der USA und des Iran. Mit den weniger als 1000 ausländischen Wander-terroristen, die sich auch hier Al-Qaida nennen, gibt es nichts zu verhandeln. Mit ihnen werden die Iraker allein fertig.

3. Integration statt Ausgrenzung

Innenminister Schäuble hat den klugen Satz gesagt: »Muslime sind Teil der deutschenGesellschaft, damit Teil unserer gemeinsamen Zukunft.« Gerade weil der Diaspora-Terrorismus auch in Deutschland gärt, müssen wir die überwältigende Mehrheit friedlicher Muslime integrieren – wir alle, nicht nur der Staat. Ein freundliches Wort, eine Einladung für den muslimischen Nachbarn erreichen oft mehr als staatliche Anordnungen.

Integration ist keine Einbahnstraße. Auch die Muslime müssen ihren Beitrag leisten. Wer im Westen leben will, muss die hart erkämpften Grundwerte des Westens respektieren. Aber Integration heißt nicht Assimilation. Unsere jüdischen Freunde leben vor, wie man als verantwortungsbewusster Bürger westlicher Staaten seine Religion, seine Sitten und Bräuche hochhalten kann.

Eigentlich sollte hier als vierte Forderung stehen, dass alle westlichen Politiker, die für Kriege stimmen, dreißig Tage an die Front müssten. Das hieße: deutsche Politiker in Spähtrupps nach Kunduz und US-Politiker auf Patrouillenfahrt nach Mosul und Kandahar. Damit sie einmal in die Augen der Menschen schauen, über deren Leben sie so »großzügig« entscheiden.

Ich weiß, diese Forderung klänge absurd – vor allem wenn man sich einige unserer Sofa-strategen an der Front vorstellt. Aber ist es nicht noch absurder, Bomben auf Menschen zu werfen, die uns nichts getan haben? Und junge Soldaten in Kriegen sterben zu lassen, über deren Torheit man noch in Jahrhunderten fassungslos staunen wird? Hat Peter Ustinov nicht recht, wenn er sagt: »Krieg ist der Terrorismus der Reichen«? Könnte es sein, dass die Staatsraison des Westens, Terroristen seien immer nur die anderen, eine zynische, selbstgerechte Lebenslüge ist?


Fotos: dpa, Reuters, Google Earth

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  • andrea schindler (0) Lieber Herr Todenhöfer, mir hat Ihr Artikel gut gefallen und dasselbe, was Sie zu der Reaktion auf tote Muslime sagen, ist mir so durch den Kopf gegangen, als die Israelis Gaza bombardiert haben und sicher einige gemäßigte Palästinänser danach zu Fundamentalisten wurden - würde ich auch, wenn mein Kind beim Bombardement einer (von uns finanzierten) Schule ums Leben käme - leider scheint das allen weit weg zu sein - momentan interessiert es in unseren Breiten kaum jemanden - vielleicht tragen Berichte, wie Ihre dazu bei, dass sich das ändert Gruß A.S.
  • Jefferson Pointer (0) In einer FORSA-Umfrage wollen 78% der Muslime in BeNeLux und GB die Sharia. Und eder Rest könnte wegen der Verpflichtung zur Taquilla noch stärker dafür sein.
    Wie blind muß man sein, daß man einen solchen Unsinn zusammenschreibt?
  • Hilde Jacobs (0) Lieber Herr Todenhöfer,

    auch ich freue mich, wie Herr Vogt, zu Ihrer Offenheit zum Krieg in Afghanistan, und ich bedanke mich für Ihren Artikel. Ich bin "nur" eine einfache Frau, lebe in großer Armut als Rentnerin in Deutschland, habe aber in den 60er Jahren lange in Pakistan gelebt und war mit einem Diplomaten dort verheiratet. Infolge der Politik von Diktatoren wie Zia-ul-Haq konnte ich nach der Geburt unserer Tochter in Deutschland nicht wieder nach Pakistan zurückkehren. Aber die neuerliche Verbindung zu Verwandten meines inzwischen verstorbenen Mannes ermöglicht mir, die jetzige Lage dort zu beurteilen.

    Ein pakistanischer Anwalt und politischer Analyst ist indirekt mit mir verwandt. Er schreibt unzählige Artikel über sein Land, die über seine Website zu öffnen sind. Aber werden sie außer von seinen Landsleuten wirklich gelesen? Natürlich sind sie in Englisch verfasst, und nach meinen Erfahrungen scheuen die Deutschen und andere Europäer die englische Sprache (Ausnahmen bestätigen die Regel).

    Warum werden nicht Anstrengungen unternommen bzw. warum gelingt es nicht, hochintelligente Analysten wie er einer ist, in die ganze Debatte um sein Land und die Nachbarländer wie Afghanistan und Indien mit einzubeziehen? Könnten Sie, lieber Herr Todenhöfer, sich nicht dafür einsetzen - wenn nicht schon geschehen -, dass Menschen wie er nach Deutschland eingeladen werden, damit wir h i e r erfahren, wie es w i r k l i c h in den vom Zerfall bedrohten Ländern aussieht? Es muss doch auch eine Möglichkeit geben, seine Artikel übersetzen zu lassen und zu publizieren, damit das Interesse der Menschen hier im Westen durch einfache Mittel (z.B. über gute Interviews und Talkshows) geweckt wird, denn in seinem eigenen Land ist er seit langem bekannt und wird als unermüdlicher Kämpfer für Frieden und Toleranz hoch geschätzt.

    Diese Art von Zusammenarbeit mit dortigen verzweifelt für Frieden Kämpfenden gehört auch mit zu den - wie Herr Vogt sagt - Kriterien für Voraussetzungen von zivilem Wiederaufbau und Rechtsstaatlichkeit sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan.

    Mir selbst gelingt es nicht, Freunde und Verwandte auch nur ansatzweise davon zu überzeugen, dass einfache Menschen wie ich -außer richtig zu wählen - dazu beitragen können, die Lage in diesen Ländern zu verbessern. Hier ist Aufklärung dringend notwendig! Die diesbezügliche Ignoranz der Menschen aus dem Volk (auch der Mittelschicht) hier in Deutschland ist unglaublich! So wird Furcht und Hass gegenüber dem Islam geschürt!

    Bitte helfen Sie, lieber Herr Todenhöfer, diesen Zustand schnell zu verbessern!

    Freundliche Grüße

    Hilde Jacobs
  • Hans Peter VOGT (0) Lieber Herr Todenhöfer,

    Ihre Offenheit zum Krieg in Afghanistan freut mich. Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich nach sechs Jahren der Beratertätigkeit aus Kabul nach Deutschland zurückgekehrt bin. Ich kann Sie in jeder Hinsicht bestätigen.

    Wann werden Sie sich zu den Rahmenbedingungen (und Hindernissen) des zvilen Wiederaufbaus in Afghanistan äußern? Wann kann man von Ihnen zu Themen wie Verfassung, Rechtsstaat und Gewaltenteilung am Hindukusch lesen - Kriterien, die wir gerne zu Voraussetzungen unserer Entwicklungszusammenarbeit machen.

    Ich bin gespannt.

    Herzliche Grüße,
    Ihr

    HPV