aus Heft 06/2009 Wissen 8 Kommentare
Die Verdrehung der Arten
Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren - und seit 150 Jahren wird er falsch verstanden: Seine Theorie der natürlichen Auslese war nie dazu gedacht, das Verhalten des Menschen zu erklären. Trotzdem missbrauchen Wissenschaftler und Ideologen sie bis heute dazu.
Von Richard David Precht Foto: Joachim Baldauf
Glücklich war er in seinem Garten. Auf dem Rücken lag er auf der Wiese, von Käfern und Bienen umsummt. Der Harvard-Professor John Fiske, der ihn Anfang der 1870er- Jahre in seinem Haus nahe London besuchte, beschreibt Charles Darwin als den »liebenswürdigsten, freundlichsten, reizendsten Großpapa, den es je gab. In allem, was er tut, strahlt er eine bezaubernde Art von ruhiger Kraft aus.«
Als Fiske abreiste, fühlte er sich über die Maßen beglückt. Der Hochverehrte dagegen zeigte sich erleichtert über das Ende des Besuchs. Er hatte wieder Zeit für seine Arbeit. Mit »ruhiger Kraft« vergiftete der Großpapa weiter seine fleischfressenden Pflanzen. Strychnin, Chinin und Nikotin erwiesen sich als tödlich, Morphium nicht, und Kobragift förderte sogar das Wachstum.
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1875 erschien Insectivorous Plants. Darwin lebte noch sieben Jahre. Vier weitere Bücher sollten in dieser Zeit folgen, drei über Botanik und eines über Regenwürmer. Über seine Evolutionstheorie äußerte er sich kaum noch. Wenn er heute zu seinem 200. Geburtstag dafür gefeiert wird, hätte er sich vermutlich lieber zurückgezogen. »Niemals glücklich außer bei der Arbeit« hatte er sich selbst beschrieben.
Seine Anhänger dagegen fürchtete er wie seine Gegner. Was hatte man nicht alles aus ihm gemacht! War er tatsächlich der »Nihilist«, zu dem seine Feinde ihn stempelten? Sollte er sich umgekehrt wohl fühlen, wenn er als Kronzeuge für den »Kampf ums Dasein« auch unter den Menschen herangezogen wurde, als Apostel der gnadenlosen Auslese, des »survival of the fittest«? Beide Begriffe stammten noch nicht mal von ihm!
Missverständnisse und eigenwillige Interpretationen von Darwins Evolutionstheorie gibt es mehr als genaue Lektüren. Thomas Henry Huxley, Ernst Haeckel und Herbert Spencer – ein Schiffsarzt, ein Quallenspezialist und ein Wirtschaftsjournalist haben mehr zum »Darwinismus« beigetragen als Darwin selbst. Ihre Vorstellungswelten dominierten das späte 19. Jahrhundert und reichen bis in die Gegenwart.
Dass der Mensch von Natur aus eine Bestie, also amoralisch, egoistisch und schlecht sei, ist eine Idee des alten Huxley nach dem Tod seiner Tochter. Dass die Biologie mit Darwins Evolutionstheorie im Gepäck alle »Welträtsel« löse, eine Anmaßung des deutschen Biologen Haeckel. Und dass in der Natur alles vollkommen gestaltet sei und sich zu stets Höherem entwickle, ist der schräge Optimismus Spencers. All diese Ideen machten in Darwins Fahrwasser Karriere. Tatsächlich aber sind sie ein Teil des Problems der Evolutionstheorie und nicht Teil der Lösung.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite über Darwins Arbeit an seinem Werk "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl".)
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22 Uhr 08
ich habe mir eben extra einen Account angelegt, um Ihnen zu sagen:
Sie haben nicht den geringsten Schimmer von Evolutionsbiologie.
Mit freundlichen Grüßen, TH
18 Uhr 50
Wenn ebenjener Herr Hammel behauptet, Herr Precht hätte die Evolutionstheorie nicht ganz verstanden, so muss ich ihm sagen, er habe Herrn Precht nicht ganz verstanden. Herr Hammel bringt das Affenbeispiel, übersieht dabei aber, das in diesem Fall tatsächlich gilt: "survival of the luckiest". Ich habe in einem zugegebenermaßen schon etwas älterem Langenscheid-Lexikon nachgeschlagen, was "fit" bedeutet, nämlich entweder in körperlich guter Verfassung zu sein, oder angepasst zu sein, usw.
Nun ist es aber nicht so, das ein Erdbeben stattfindet, und dann passt sich ein Affe an, wird schwächlich und zieht sich in seine Höhle zurück, wo er vom Erdbeben nicht getötet wird und sich fortpflanzen kann. Das Erdbeben passiert einfach, und ob ein Affe getötet wird oder nicht, hängt in keinster Weise mit seiner genetischen oder physischen Ausstattung zusammen, sondern ist schlicht und einfach Zufall. Ebenso denkbar wäre ja auch, das sich einer der "starken" Affen kurz woanders, an einem sicheren Platz aufgehalten hätte, z. B. aufgrund von Nahrungssuche, Revierverteidigung, etc., und umgekehrt hätte der schwächliche Affe auch irgendwo sein können, wo ihn das Erdbeben auch erwischt hätte.
Aber, und das ist sehr wichtig, das bedeutet nicht, das die Entstehung der Arten nichts mit der Anpassung der Lebewesen an ihre Umgebung zu tun hätte, und das behauptet Herr Precht auch gar nicht, sondern lediglich, das eben manchmal noch andere Dinge wichtig sind wie die Gene und das man von Dingen, die man in der Natur beobachtet hat, nicht umbedingt auf den Menschen schließen sollte.
Das was Herr Precht will, ist nichts anderes wie eine Differenzierung, das eben nicht alles auf genetische Determination geschoben wird, ebensowenig, wie alles Zufall ist.
02 Uhr 11
14 Uhr 07
13 Uhr 39
Der Artikel von R.D.Precht ist tatsächlich mehr als unglücklich. Spätestens auf den zweiten Blick scheint er fatal mißraten. Auf die unhaltbaren Aussagen und Schlüsse Herrn Prechts, die auf sein vermutlich völlig unzureichendes Verständnis klassischer und moderner Evolutionstheorien weisen, muß ich hier nicht weiter eingehen. Das haben Tillmann Schulze Buschhoff und Markus Hammel in ihren Kommentaren vom 08. bzw. 10.02. schon getan; in m.E. hervorragender Weise. Danke und Respekt dafür.
Aber leider ist zu befürchten, dass die, "die es nötig hätten", beide doch recht umfangreiche Kommentare zu lesen, genau das nicht tun und/oder nicht ausreichend versuchen sie zu verstehen.
Schließlich hat der Publizist(!) Precht in seinem Artikel einige vermeintlich trifftige Gründe geliefert, sich nicht weiter ernsthaft mit aktuellen Evolutionstheorien und deren kaum zu überschätzenden Implikationen und Konsequenzen zu beschäftigen.
Und da Prechts Artikel den Anschein aufwändiger Recherchen und klugen Nachdenkens vermittelt, werden sich vermutlich viele am Thema "halb-interessierte", v.a. aber viele vom Thema irritierte beruhigt abwenden, und sich wieder mit dringlicherem wie etwa Handytarifen beschäftigen.
In Momenten von "Welt-Erklärungs-Not" greifen sie dann wieder zu nicht-validierbaren, mehr oder weniger religiösen und/oder tautologischen Binsenweisheiten. Da eckt man auch nicht an ...
Also diesen Vorwurf an den Autor Precht muß man nochmal machen: Sein Artikel hält vermutlich zu viele Personen davon ab, sich den Aufwand zu machen, "die Evolution und so" best möglich zu verstehen. Einige davon würden das sicher erfolgreicher schaffen, als dieser prechtige Publizist. Was unsere Welt verbessern könnte.
09 Uhr 07
Precht verfehlt nicht nur das selbst gesteckte Ziel „die Mythen und Missverständnisse, die im Zusammenhang mit Darwins Lehre in der Öffentlichkeit kursieren und bis heute selbst von renommierten Wissenschaftlern verbreitet werden (zu untersuchen)“. Auf Basis von Plattitüden, schlechter Recherche und bemerkenswerter Ignoranz begnügt sich Precht damit, auf selbstgefällige Art und Weise renommierte Naturwissenschaftler und Theoretiker mit den einfältigen Argumenten der Kreationisten zu „konfrontieren“.
Precht postuliert, dass Darwin falsch verstanden und missbraucht worden sei. Er untermauert diese These mit der Aussage, dass Darwins Lehre nie dazu gedacht gewesen wäre, das menschliche Verhalten zu erklären und geht dabei so weit, dass er modernen, aufgeklärten Wissenschaftlern, die versuchen beobachtete Phänomene in die Evolutionstheorie zu integrieren – wir reden hier nicht von den Demagogen des „Sozialdarwinismus“ - vorwirft, Darwins Lehren zu missbrauchen, um in deren Fahrwasser ihre eigenen laut Precht „schrägen“ Thesen zu platzieren.
Mal davon abgesehen, dass wissenschaftliche Theorien – anders als z.B. die Dogmen der Kreationisten - sich stets im Wandel befinden und mit dem Zuwachs an Erkenntnis verändern (was letztlich von Darwins ersten Beobachtungen und Ableitungen zur modernen Evolutionsbiologie geführt hat), frage ich mich, woher der Autor zu wissen glaubt, dass Darwin heute – nach 200 Jahren Wissenszuwachs und gesellschaftlichem Wandel - Wissenschaftler wie z.B. Richard Dawkins und dessen, wie er urteilt, „schrägen Lehren“ ablehnen würde.
Precht schreibt: „Sie rufen Darwin, aber in Wahrheit meinen sie nur sich.“ - und tut genau das in seinem Aufsatz selbst unablässig und auf eine – aufgrund der unglaublich schlechten Argumente, gepaart mit einer Arroganz, deren Berechtigung man mit Verzweiflung suchen mag- geradezu unerträglich dogmatischen Art.
Vermeintlich in Darwins Namen – hatte er nicht eben noch gut recherchiert Darwins Person und Lebensweg nachgezeichnet? – missbraucht der Autor den Darwin der Vergangenheit, um mit Thesen und Personen der Gegenwart abzurechnen, die dem Autor offensichtlich nicht schmecken.
In seiner Kritik bedient er sich den oberflächlich scheinbar schlüssigen Fragen und Argumenten, wie man sie bereits zur Genüge aus dem Lager des Intelligent Designs kennt und offenbart doch dabei in all seinen „Argumenten“ lediglich eines, nämlich, dass er den Kern der Evolutionstheorie offensichtlich nicht begriffen hat: „survival of the fittest“ bedeutet eben nicht, dass zwangsläufig der Stärkste, Egoistischste, Schönste, Größte (etc.) überlebt. Es bedeutet - vereinfacht gesprochen - dass diejenige Gruppe von Individuen überlebt, die den momentanen Anforderungen ihrer Umwelt am besten angepasst ist. Und welche Gruppe das ist, bzw. welche Eigenschaften benötigt werden, ist – anders als bei einer Zuchtauswahl durch menschliche Vorgaben ist die biologische Variabilität über ungerichtete (!) und damit wertneutrale Mutation oder epigenetischen Ereignisse implementiert - stets erst a posteriori erkennbar. Somit ist es keinesfalls absurd, oder gar ein Beleg für das Scheitern der Evolutionstheorie, wenn „the fittest“ in einer sich ändernden Umwelt nicht der Größte und Stärkste, sondern der Kleinste, Leichteste, Vorsichtigste, Dickste, oder Hilfsbereiteste wird. Vielmehr beweist dies, dass die Evolutionstheorie funktioniert ! Um als Population in wechselnden Umweltbedingungen überleben zu können, ist es unablässig, dass es eine große Variabilität in den Eigenschaften – und damit auch im Verhalten - ihrer Individuen gibt.
Um beim Erdbebenbeispiel des Autors zu bleiben: Gäbe es nur Große und schöne Affen, welche sich auf dem Pavianfelsen präsentieren, so würde die gesamte Population dem Erdbeben zum Opfer fallen (ähnlich wie beim Pizbefall einer genetisch identischen Monokultur); da es aber auch „mickrige“ Individuen gibt, die durch ihr variables Verhalten eben nicht auf dem Pavianfelsen stehen, sondern sich „durch Zufall“ woanders aufhielten (z.B. in einer Felshöhle, in die das „fitte“ Männchen nicht hineinpasst) kann die Art weiter existieren. Ob ein Verhalten, oder ein Merkmal eines Individuums, oder einer Art „sinnvoll“ – übrigens auch im Sinne der Evolutionstheorie – ist, verbirgt sich dem menschlichen Betrachter daher zwangläufig in einer Momentaufnahme, da es stets vom (sich ändernden) Selektionsdruck begünstigt, oder benachteiligt wird. Eine Wertung individueller Eigenschaften, wie der „besten Gene“ oder „mickrig“ erfolgt stets nur durch Moralisten, nicht durch die Natur (Mutationen sind ungerichtet!) – und übrigens auch nicht durch den Naturwissenschaftler, der die Eigenschaften lediglich beschreibt.
Die notwendige Variabilität in genetischer Ausstattung und Verhalten innerhalb einer Population als Folge der ungerichteten Mutationen innerhalb eines Genpools beinhaltet auch alle Spielarten des laut Precht „biologisch widersinnig(en)“ Verhaltens – übrigens, hatten derartigen Wertungen nicht in Vergangenheit zur Vernichtung „unwerten Lebens“ geführt ? - wie Liebe, Paarung mit kranken Partnern, Verzicht auf Reproduktion, Homosexualität, etc, die er als „Argumente“ gegen das Zutreffen der Evolutionstheorie beim Menschen anführt.
Wie gesagt, ob etwas „sinnvoll“ oder „fit“ war (nicht ist!), zeigt sich erst a posteriori - dann nämlich, wenn diejenigen Gene, die ein Individuum innerhalb eines selektiven Prozesses mit momentan günstigen Eigenschaften - auch Prädispositionen - ausgestattet haben, sich im Genpool der Gesamtpopulation wiederfinden.
Die Karten für die „besten Gene“ werden in Abhängigkeit des Selektionsdrucks durch Umwelteinflüsse also stets neu gemischt und entziehen sich demnach zwangsläufig der Möglichkeit einer Wertung durch den Betrachter.
Es setzen sich demnach sehr wohl stets die „besten Gene“ durch, nur ändern sich stets die Definitionen von „die besten“ – „survival of the fittest“ steht folglich in keinerlei Widerspruch zur Interpretation der ursprünglichen Darwinschen Evolutionslehre durch z.B. Dawkins, sondern untermauert diese – sie steht lediglich im Widerspruch zur – verzeihen Sie - bemerkenswert einfältigen Interpretation Prechts von „the fittest“.
Bemerkenswert ist übrigens auch die Einschätzung des Autos, die „von Dawkins gefeierte Idee der Gesamtfitness“ sei eine „Karikatur der Darwinschen Sicht“ (wovon eigentlich?). Auch hier liegt das Geheimnis der scheinbaren Unsinnigkeit in der biologischen Variabilität: Selbstverständlich gibt es in Abhängigkeit der besetzten biologischen Nische tausende unterschiedlicher Strategien, um den Fortbestand von Genen – über das Individuum hinaus – zu sichern. Das reicht eben von Staaten bildenden Insekten wie Bienen und Ameisen, bei denen ein Heer an unfruchtbaren Verwandten sich einzig und allein um den Nachwuchs einer einzelnen Schwester - der Königin - kümmern, über Spinnen, die sich von ihrem Nachwuchs fressen lassen, Delfinschulen, Mäusesippen, Pinguinen, die sich beim Brüten gegenseitig wärmen, Krokodilen, die ihre Jungen fressen etc. bis hin zu Seeigeln, die Oozyten und Sperma einfach in das umgebende Wasser absetzen. „Sinn“ – im Sinne des Autors - macht eine Interpretation eines individuellen Verhaltens im Kontext der Gesamtfitness natürlich erst bei genauerem Hinsehen: Zahl der Nachkommen, Ausstattung der Nachkommen bei Geburt, Zahl der Würfe pro Jahr, Lebensalter, Fressfeinde, Fressverhalten, Komplexität des Sozialverhaltens etc. sind ihrerseits wiederum Parameter für „sinnvolles“ Verhalten und eine erfolgreiche Strategie.
Das Herausgreifen einzelner Beispiele – wie das peinliche Argument der sich entfremdeten Verwandten bei Menschenfamilien - sagt selbstverständlich noch nichts über die Gesamtstrategie aus und erlaubt sicherlich nicht die Theorie der Gesamtfitness als „Karikatur“ zu Brandmarken.
Des Weiteren scheint es Precht offensichtlich zu missfallen, den Menschen, der nicht nur von den Kreationisten als die „Krone der Schöpfung“ gepriesen wird, in all seiner Gottesgleichheit den Gesetzen der Evolution zu unterwerfen. Die Perfektion, Komplexität und Schönheit der Natur scheint Precht für den Menschen nicht ausreichend – es muss etwas Besseres für ihn geben, als die Gesetze nach denen sich „Pilze, Würmer und Pfauen“ entwickeln.
Als scheinbaren Beweis dafür, dass für den Menschen die Evolutionstheorie nicht in dem Maß gilt, wie für die übrigen Tiere, führt der Autor selbsterfundene „Argumente“ ins Feld, die er, so bald er sie der Evolutionstheorie untergeschoben hat jubelnd in der Luft zerfetzt. Traurig jedoch, um welch schlechte Argumente und Beispiele es sich dabei wiederum handelt:
Wie bei anderen Tieren auch, machte es evolutionsbiologisch Sinn, sich bei der Aufzucht der Jungen die Arbeit zu teilen. Dies geschieht größtenteils geschlechterspezifisch, wobei sich die Aufgaben der einzelnen Geschlechter zwischen den Arten stark unterscheiden. Damit verbunden ist z.B. beim Menschen eine – hormonell bedingte und damit veränderbare! – Verschiedenheit der Priorisierung, Gefühlswelt und Denkweise zwischen den Geschlechtern – wie gesagt, auch hier gibt es wieder ein hohes Maß an Variabilität. Wer im Übrigen eine solche an sich neutrale Aussage verwerflich findet, muss sich fragen, worin diese Verwerflichkeit besteht. Erst die Bewertung einer Denk- oder Handlungsweise als besser oder schlechter führt zur potentiellen Verwerflichkeit. Nicht der, der eine Beobachtung macht ist verwerflich, sondern der Moralist ist es, welcher die neutrale Beobachtung als verwerflich bewertet - und sich somit als der eigentlich Abwertende outet. Anstelle die Bewertung zu hinterfragen wird dann vielerorts – vor allem in unaufgeklärten Kreisen - lieber die Beobachtung verleugnet, oder kurzerhand – wie durch Herrn Precht - verunglimpft.
Spätestens seit der Erkenntnis, dass auch menschliche Verhaltenseigenschaften wie Frustrationstoleranz etc. molekularbiologisch erklärt und damit genetisch und epigenetisch beeinflusst (das bedeutet nicht zwangsläufig determiniert !) werden können, ist es nur logisch zu untersuchen, wie sich menschliche Verhaltensweisen in die moderne Evolutionstheorie integrieren lassen.
Auch hier gibt es natürlich wieder alle möglichen Spielarten, Variabilitäten und einen großen Einfluss der Umwelt – und sicherlich sind Menschen, wie andere Tiere auch, nicht einzig ein determinierter Spielball ihrer (epi)genetischen Ausstattung. Aber nur weil ein Paar gewollt kinderlos ist, es Homosexuelle gibt, Menschen füreinander da sind oder es weibliche Gewaltverbrecher und männliche Alleinerziehende gibt, ist das kein Beweis dafür, dass die auf Darwin gründende moderne Evolutionstheorie gescheitert ist – im Gegenteil.
Und das – mit Verlaub Herr Precht– hätte auch ein aufgeklärter Charles Darwin des 21ten Jahrhunderts unterschrieben.
21 Uhr 01
• Warum die durchgängige Betonung von Darwins (subjektiven) Absichten, vom möglichen „Mißbrauch“ seiner Theorie? Entscheidend ist doch letztlich deren (objektive) Bedeutung für die Nachwelt: Darwins Theorie über die Entstehung der Arten lieferte v.a. erstmals ein wissenschaftliches Erklärungsmodell für die Entstehung der Arten, das einer rationalen Überprüfung zugänglich is!
Das machte den Weg frei zur Emanzipation vom bisherigen Monopol der Religionen zur Ausdeutung des Phänomens Artenvielfalt, ja, vom absoluten Anspruch religiöser Heilslehren überhaupt. Diese Bedeutung kann gar nicht unterschätzt werden – und bleibt von Precht unerwähnt.
• Dass sich die Darwinsche Theorie – parallel zum Forschungsstand, z.B. in Sachen Genetik – weiterentwickeln mußte, ist so banal wie die Tatsache, daß es hierbei Fehlentwicklungen gab. Darin, wie Precht, eine besondere Mißbrauchsgefahr zu wittern, verkennt Darwins o.g. Verdienst: Seitdem hat sich jede dieser Thesen zur Artenentwicklung dem wissenschaftlichen Diskurs zu stellen!
Ein „Mißbrauch“ ist per definitionem nur denkbar, soweit dieser Diskurs nicht wirklich wissenschaftlich betrieben wird – was wiederum wissenschaftlich überprüfbar und korrigierbar wäre. Allein von dieser „wissenschaftlichen Redlichkeit“ hinge wohl Darwins Urteil über die spätere Weiterentwicklungen seiner Theorie ab.
• Eindeutig kritisch fiele daher wohl Darwins Urteil über Prechts Artikel aus. Denn hier werden zentrale Aussagen von Evolutionstheoretikern ohne Not verkürzt bzw. verfälscht. Absichtlich? Aus Unkenntnis?
So scheint Precht konsequent zu ignorieren, daß die zentrale These vom „survival of the fittest“ als treibender Kraft der Evolution – natürlich! – nicht eng bzw. wörtlich zu verstehen ist, d.h. im Sinne von „Überleben des stärksten Individuums“. Ganz offensichtlich geht es doch um eine viel komplexere Frage: Ob das Vorhandensein eines bestimmten „Merkmals“ bei einem Lebewesen per saldo die Überlebenswahrscheinlichkeit seiner Art gegenüber konkurrierenden Lebewesen im Durchschnitt erhöht.
Diese bessere „Anpassung an die Umwelt“ geschieht auf vielfältige Weise:
o Sie kann Merkmale betreffen, die genetisch oder – bei lernfähigen Tieren bzw. insbes. Menschen – sozial festgelegt sind.
o Sie kann sich auf die Überlebensfähigkeit des Individuums (d.h. Lebensdauer) oder auf seine Fertilität beziehen (d.h. Reproduktionsrate)
o Sie kann auch auf Kosten des Individuums erfolgen (sog. „altruistische“ Eigenschaften)
o Sie geschieht nicht „zielgerichtet“, sondern rein zufällig, und kann daher durchaus mit negativen Begleiterscheinungen verbunden sein (die aber per saldo die Konkurrenzfähigkeit der Art nicht verschlechtern). Gene „streben“ also nach gar nichts! Es passiert schlicht und einfach, daß Gene, die mit „umweltgerechteren“ Eigenschaften verknüpft sind und mithin bevorzugt weitergegeben werden, d.h. sich stärker verbreiten als weniger „umweltgerechte“.
Hier unterläuft auch Precht eine erstaunlich oft vorkommende Verwechselung von Ursache und Wirkung, eine Unterstellung von Finalität, wo es keine gibt bzw. geben muß! Insofern entwickelt sich Evolution nicht zwangsläufig zum Besseren. Sie führt schlicht zu Veränderungen, die sich bewähren – oder nicht.
All diese Aspekte zeigen, daß viele Beispiele Prechts für angebliche Defizite der späteren Evolutionstheoretiker nicht der Rede wert sind. So ist z.B. völlig unerheblich, daß laut Precht „offensichtlich immer wieder Lebewesen [incl. Precht] entstanden und überlebten, die ihre Möglichkeiten zur Reproduktion nicht voll ausschöpfen.“ Es kommt eben nicht auf den Einzelfall an, sondern auf die gesamte Population einer Art und ihre Konkurrenzsituation. Im Klartext: Genetische Potentiale müssen gar nicht 100%ig ausgenutzt werden, sondern eben nur etwas besser als die der konkurrierenden Art.
Auch Prechts provokativ gestellte Frage zum evolutionären Sinn von menschlicher Moral oder Liebe zwischen Mann und Frau hilft nicht weiter. Sie schürt zwar emotionalen Widerstand gegen schnöde Input-Output-Überlegungen, liefert aber kein überzeugendes Indiz gegen diese Möglichkeit bzw. Wahrscheinlichkeit. Dasselbe gilt für Prechts Ausführungen zur Bedeutung von Verwandtschaft unter Tieren oder Menschen. Ob zutreffend oder nicht: Dies ist eben nur ein Aspekt unter vielen, die über die Frage der Reproduktionsrate entscheiden. Ein Aspekt kann den anderen, gegenläufigen (über-)kompensieren. Das liefert auch die Antwort zu Prechts Frage, inwieweit die Verhaltensmuster des „modernen“ Menschen noch von dem des ersten Homo Sapiens geprägt sind. Auch – aber nicht nur: wegen der sozialen Selektion!
Besonders abwegig sind Prechts Äußerungen zu Dawkins. So liegt Dawkins nichts ferner, als in den evolutionsbestimmenden Faktoren, wie Genen, Memen etc. „in tief religiösem Atheismus“ einen besseren Gott zu suchen. Oder in „alttestamentarischer Weise“ deren Allmacht zu propagieren. Im Gegenteil: Dawkins zeigt lediglich auf, was man wissenschaftlich integer überhaupt aussagen kann. Und warum man die (nie von Dawkins geleugneten) Wissenslücken nicht unkritisch mit Gottes- bzw. Schöpfervorstellungen füllen sollte.
Hier fragt man sich unwillkürlich, ob Precht die von ihm zitierte Literatur überhaupt verstanden (oder gelesen) hat. Im übrigen zeigt Dawkins – aus guten Gründen, wie Prechts Artikel beweist – überzeugend auf, daß und warum wir uns dem Gedanken stellen müssen, inwieweit die Weiterentwicklungen von Darwins Theorie nicht doch eine „Bauanleitung für Theorien zur Erklärung der menschlichen Natur“ bietet. Wohlgemerkt: das steht nicht fest, ist aber auch nicht auszuschließen – jedenfalls nicht so leicht, wie Precht sich das vorstellt.
Angesichts der Wichtigkeit dieser Fragestellung verbietet sich ein derart feuilletonistischer Umgang mit der Materie, wie Precht es tut. Nochmals: Darwins Verdienst ist bis heute, daß er durch seinen wissenschaftlichen Ansatz einen Mißbrauch der Artentstehungsfrage (durch Religionen und Ideologien) erschwert. Vorausgesetzt, man argumentiert auch wissenschaftlich …