Medien | Heft 06/2009

"Vanity Fair ist noch auf dem Weg, eine eigene unverwechselbare Stimme zu finden."

Nein - jetzt schweigt das Magazin für immer. Bernd Runge war bis Dezember als Geschäftsführer des Condé Nast Verlags verantwortlich für das neue Heft. Dann legte er sein Amt vom einen auf den anderen Tag nieder. Kurz darauf gab er dem SZ-Magazin das folgende Interview.

Von Max Fellmann und Jan Heidtmann (Interview)  Fotos: Christopher Thomas


SZ-Magazin: Herr Runge, Sie haben elf Jahre lang den deutschen Teil des Condé Nast Verlags geleitet und Zeitschriften wie Vogue, GQ, AD, Glamour und zuletzt auch Vanity Fair herausgegeben.
Jetzt, da die Finanzkrise das Anzeigengeschäft ruiniert, haben Sie völlig überraschend Ihren Abschied verkündet. Warum?

Bernd Runge: Das hat ausschließlich persönliche Gründe. Für mich waren in diesem Verlag, nicht nur in Deutschland, die großen Schlachten geschlagen. Ich habe meinen Job – die Entwicklung neuer Märkte – weitgehend gemacht, jetzt konnte ich mir überlegen, verwaltest du das weiter oder machst du einen Break.

Von außen sieht es so aus, als würden Sie angesichts stürmischer Zeiten das Schiff verlassen. Der Verlag steht gut da. Und so kurzfristig wie nach außen verkündet war der Schritt dann doch nicht.

Jetzt hat auch noch Nikolaus Albrecht angekündigt, dass er bald die Chefredaktion von Vanity Fair niederlegt. Beide Entscheidungen sind völlig unabhängig voneinander. Und »bald« ist noch ein ganzes Jahr. Nikolaus Albrecht ist Ende 2007 quasi als Feuerwehrmann eingesprungen, er hat von Beginn an klargemacht, dass er dies nur für eine bestimmte Zeit machen wird.
Ein in der Branche verbreiteter Verdacht lautet: Die Chefs des amerikanischen Mutterkonzerns haben eine dreistellige Millionensumme in den Start der deutschen Vanity Fair investiert, sehen jetzt, dass es nicht läuft wie gewünscht – und haben in Form von zwei Personalentscheidungen die Reißleine gezogen. Sprechen sie von Interpretationen, die meist bestenfalls Stammtischniveau haben? Ernsthaft: Eine dreistellige Millionensumme stimmt nicht, die Reißleine auch nicht.

Trotzdem legt Ihr Abgang den Verdacht nahe: Lifestyle-Zeitschriften haben in der Krise keine Perspektive mehr. Ich glaube, dass der Zeitgeist nach neuer Ernsthaftigkeit verlangt, durchaus. Aber das stellt den Lifestyle-Journalismus nicht infrage und meinen Rückzug nicht in diesen Kontext.

Besteht etwa kein Grund zur Unruhe in der Branche?
Ich bin ja nicht mehr in der Zeitschriftenbranche. Also zerbreche ich mir auch heute nicht den Kopf über deren Zukunft.

Warum also haben Sie genau jetzt Ihre Arbeit bei Condé Nast beendet? Sehen Sie, ich habe dem Verlag neue Märkte und Erlösquellen erschlossen, in Russland und vielen anderen Ländern. Unter meiner Regie und Mitwirkung wurden mehr als 20 Zeitschriften in einem Dutzend Länder lanciert, ungefähr 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 350 in Deutschland. Eine gewisse Reise- und Amtsmüdigkeit war unausbleiblich, also ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören.

Ihre Meisterprüfung sollte Vanity Fair sein, ein Heft mit hohem gesellschaftspolitischen Anspruch; das »Magazin für ein neues Deutschland«, wie es anfangs in der Werbung hieß. Das hat nicht so ganz hingehauen, oder? Ich möchte nicht eingebildet klingen, aber meine Meisterprüfung habe ich schon mit 33 als erfolgreicher Chefredakteur der französischen Gala in Paris bestanden. Vanity Fair in Deutschland war und ist ein sehr wichtiges Projekt für Condé Nast und für mich persönlich, aber dennoch nur ein Projekt unter vielen. Als wir mit der Vorbereitung vor vier Jahren starteten, dachte jeder in diesem Land, dass die wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung überwunden sind. Deutschland entwickelte sich vom kranken Mann Europas zur Lokomotive Europas. Wir hatten sechs Prozent Wachstum. Es schien wirklich so, dass Deutschland ein neues Selbstbewusstsein entwickeln würde. In der Beziehung war der Zeitpunkt, zu dem wir das Heft gestartet haben, der richtige.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Wenn, dann gab es Brüche in meinem gesamten Leben. Ein rastloses Element steckt einfach in mir.") 

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