Medien | Heft 06/2009

"Vanity Fair ist noch auf dem Weg, eine eigene unverwechselbare Stimme zu finden."

Von Max Fellmann und Jan Heidtmann (Interview)  Fotos: Christopher Thomas





Jetzt sind wir fünf Jahre weiter, haben eine massive Wirtschaftskrise und Vanity Fair dümpelt vor sich hin. Die Wirtschafts- und Finanzkrise war so vor vier, fünf Jahren nicht abzusehen. Das Heft dümpelt aber nicht vor sich hin, sondern kämpft um seinen Platz. Wenn wir einen Fehler gemacht haben, dann den, dass wir Zeitpunkt und Chance über die Risiken gestellt haben. Wir waren als Verlag in Deutschland nicht genügend auf diese Größenordnung von Wachstum mit einem solchen Magazin vorbereitet. Wir mussten rund hundert neue Mitarbeiter einstellen und hatten im alten Gebäude nicht mal einen freien Arbeitsplatz für sie. Der gesamte Apparat war über den Anschlag hinaus belastet und in Teilen nicht bereit für ein solches Projekt.
Liegen die Probleme vielleicht auch darin, dass das Unternehmen Condé Nast, das vor allem Mode-Magazine verlegt, einfach nicht mit einem gesellschafts-politischen Magazin umgehen kann? Nein. Dass das kein Spaziergang wird, war allen klar. Wir reden hier nicht nur über das Konzept, sondern vor allem über Menschen, die zusammen jede Woche etwas Unverwechselbares und Neues gestalten wollen. Das ist bei Vanity Fair nicht auf Anhieb durchgehend gelungen. Das Magazin ist noch auf dem Weg, eine eigene unverwechselbare Stimme zu finden.

»Es gibt Zeiten, in denen man innehalten und reflektieren muss«, das war Ihre offizielle Begründung für den Abschied. Sind Sie jetzt reif für die einsame Insel? Nein, ich möchte einfach mal neue Dinge ausprobieren. Sehen Sie sich mein Leben an: mit 18 Armee, dann Volontariat, anschließend, in den frühen Achtzigerjahren, zum Studium nach Moskau, fünf Jahre. Studium hieß damals Sechs-Tage-Woche, von neun bis fünf Uhr Unterricht. Extrem viel Lehrstoff, insgesamt 60 bis 70 Stunden in der Woche. Ende des vierten Studienjahres wurde meine Tochter geboren, nicht mal zwei Jahre später mein Sohn. Nach meinen ersten Redakteursstellen in Dresden und Berlin wurde ich als Ungarn-Korrespondent der DDR-Agentur ADN berufen. 1990 habe ich dann als Trainee beim Springer-Verlag begonnen, dann 1992 für Gruner und Jahr nach Paris, 1994 Chef der französischen Gala. 1997 begann das Abenteuer Condé Nast, 1999 kam das dritte Kind. Die letzten zehn Jahre waren dann sehr schnell und komplex.

Wenn man Ihre Biografie so sieht, hat man den Eindruck, da ist einer ständig weggelaufen.
Nein, wovor?

Vor den Brüchen seiner DDR-Biografie? Um endlich im Westen anzukommen? Wenn, dann gab es Brüche in meinem gesamten Leben. Ein rastloses Element steckt einfach in mir.

Zu Ihrer Biografie gehört auch, dass Sie als Student und als Korrespondent in Ungarn Informationen an die Staatssicherheit der DDR geliefert haben. Bekannt wurde das erst 2004 durch Focus und Spiegel, also nach 14 Jahren steilster Karriere nach der Wende. Wie hat Sie das damals erwischt? Ich war in London, in der Nacht vor Drucklegung habe ich ein Fax vom Spiegel bekommen. Bis dahin hatte ich keine Ahnung von meiner Akte, auch keine Informationen von der Birthler-Behörde, dass sie diese bereits Wochen früher an die Presse weitergegeben hatte. Einen Tag später kam dann auch ein Fax von Focus. Gleichzeitig standen Reporter vor meinem Haus in München und wollten sogar meine Kinder ausfragen. Das war heftig. Und die Artikel, die dann erschienen, waren – sagen wir es mal neutral – nicht sehr freundlich. Das war ein Schlag in die Magengrube, das hat mich schon stark getroffen. Ich selbst habe die Akte erst Monate später auf Verlangen meiner Anwälte erhalten.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Aber die eigentliche Frage ist doch: Was war wirklich schuldhaft?")

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