Medien | Heft 06/2009

"Vanity Fair ist noch auf dem Weg, eine eigene unverwechselbare Stimme zu finden."

Von Max Fellmann und Jan Heidtmann (Interview)  Fotos: Christopher Thomas





Aber es ist doch logisch, dass die Stasi-Kontakte eines Mannes in so exponierter Position ein gefundenes Fressen für die Presse waren.
Mag sein. Aber es wäre auch anders gegangen. Es gab keine ernsthafte Auseinandersetzung, kein Gespräch, kein Abwägen. Dazu kein Verständnis der Umstände und Ignoranz gegenüber entlastenden Fakten, die auch in der Akte stehen.

Das klingt jetzt, als seien Sie grundlos angegriffen worden. Aber es gab die Kontakte zur Stasi. Ja, es gab diese Kontakte. Ist man auf die stolz? Nein, man ist nicht auf die stolz. Man bedauert es. Aber die eigentliche Frage ist doch: Was war wirklich schuldhaft? Wenn du dich im Spiegel ohne große Gewissensbisse anschauen kannst, dann kann man damit auch umgehen.

Wie kamen die Kontakte denn zustande?
Das erste Mal sind die Stasi-Leute gekommen, da war ich 19 und Soldat bei der Volksarmee. Die wollten etwas über angebliche Waffendiebstähle in meiner ersten Dienststelle in Schwerin wissen – so von Genosse zu Genosse. Ich wusste da aber nichts, und dann haben sie gesagt, sie würden mich mal irgendwann wieder anrufen. Man fühlte sich natürlich erst einmal gebauchpinselt, wichtig. Dann haben die sich während meines Studiums gemeldet und die Kontakte Schritt für Schritt intensiviert. Sie dürfen sich das aber nicht so vorstellen, dass die da irgendwie mit Schlapphut auftauchten. Das war viel banaler. 1984 habe ich eine enge und wirkliche Zusammen-arbeit und Karriere mit der Stasi abgelehnt. Da war ich 23 Jahre alt.

Trotzdem haben Sie an die Stasi berichtet.
Nehmen wir die Zeit, als ich Korrespondent in Ungarn war: Personeneinschätzungen und ähnliches habe ich abgelehnt, mich aber einverstanden erklärt, mit ihnen Einschätzungen zur Lage des Landes zu teilen. Ich habe Ihnen dann einfach übersetzte Artikel aus der ungarischen Presse, die ich für die Nachrichtenagentur ADN geschrieben hatte, geliefert.

Mehr nicht? Schwer zu glauben.
Im Kern war es nicht mehr. Natürlich frage ich mich heute, was mich davon abgehalten hat, die Gespräche einfach abzubrechen. Ein Grund war, dass mir aus damaliger Sicht ja kein Feind gegenübersaß. Das waren erwachsene, gereifte Männer, zum Teil kluge Männer, die sich mit großen Aufgaben schmückten, Verteidigung der DDR und Frieden und so. Und es ging ja nicht darum, dass ich Nachbarn bespitzeln sollte, man konnte es sich also schönreden.

Aber Sie hatten bei der Zusammenarbeit mit der Stasi immer Ihre Karriere im Blick. Ja, da war auch Opportunismus im Spiel. Kein Korrespondent der staatlichen Medien – Fernsehen, Radio und Presseagentur – wurde ohne das ausdrückliche und schriftliche Okay des Geheimdienstes und der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED ins Ausland geschickt. Aber was für mich heute damals viel gefährlicher war, war meine jugendliche Selbstüberschätzung, die Annahme, ich wäre cleverer als die.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Dass ich heute vieles anders machen würde, steht auf einem anderen Blatt.")

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