aus Heft 07/2009 Gesellschaft/Leben 11 Kommentare
Land unter
Der Staat am Boden, die Politik korrupt, die Wirtschaft in den letzten Zügen. Und der Einzige, der die Macht hätte, daran etwas zu ändern, ist der Regierungschef. Aber den interessiert nur sein Geld. Italien, was hast du bloß aus dir gemacht?
Von Alexander Stille Foto: Attila Hartwig
Manchen Politiker verfolgt ein einziger dummer Spruch sein Leben lang. Bei Silvio Berlusconi aber tut man sich schon schwer, nur die jeweils letzten Entgleisungen im Kopf zu behalten. Über das Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa und die unwürdigen Lebensbedingungen dort sagte er kürzlich, es sei »kein Konzentrationslager«, die Insassen könnten »jederzeit auf ein Bier gehen«. Zum Thema Vergewaltigungen meinte er, sie zu verhindern sei in Italien im Prinzip unmöglich, »weil unsere Frauen so schön sind«. Und nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen nannte er Barack Obama »sonnengebräunt«.
Das sind die Sprüche eines Industriemagnaten, der es gewohnt ist, von Untergebenen und Lakaien umgeben zu sein, die automatisch über jeden noch so dummen Witz lachen. Eines Mannes, der eine solche Macht besitzt, dass er nicht mehr zwischen privatem und öffentlichem Verhalten unterscheidet, der sich überall benimmt wie an seinem eigenen Esstisch, wo auch ein taktloser Witz garantiert Gelächter hervorruft. Und Berlusconi ist so sehr an die handzahme italienische Presselandschaft gewöhnt, dass es ihn überrascht, wenn internationale Medien ihm nicht mit ähnlicher Unterwürfigkeit begegnen.
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Es ist eines der seltsamsten und ungewöhnlichsten politischen Phänomene unserer Tage: Seit 14 Jahren wird Italien nahezu durchgehend von einem launenhaften Milliardär regiert, der in 17 Strafprozessen vor Gericht stand und dennoch eine enorme Mehrheit im Volk hinter sich weiß. Berlusconi mag im Ausland vielleicht als Witzfigur wahrgenommen werden, seine Beliebtheit im eigenen Land wird jedoch nur noch von seiner eigenen Selbstverliebtheit übertroffen.
Deswegen konnte er seit seinem ersten Erscheinen auf der politischen Bühne im Jahr 1993 immer wieder Wahlen gewinnen, obwohl Italien im gleichen Zeitraum einen dramatischen Niedergang erlebte: Aus einer der größten europäischen Erfolgsgeschichten wurde eine der schwächsten Volkswirtschaften auf dem Kontinent.
Die Tatsache, dass Italien Berlusconi und seine Mätzchen nicht nur akzeptiert, sondern gutheißt, ist ein Symptom für ein krisengeschütteltes Land mit stagnierender Wirtschaft. Ein Land, paralysiert und zutiefst frustriert, fest im Griff einiger weniger Interessengruppen und weder in der Lage noch willens irgendetwas daran zu ändern. Ein Land, dessen Volk seine politische Klasse im Grunde verabscheut und deshalb den Mann wählt, der wenigstens nicht verhehlt, dass es ihm vor allem um den eigenen Vorteil geht.
Noch 2006 galt dieser Berlusconi auch in Italien als das größte Problem Italiens. Seine unzähligen krummen Geschäfte und seine Interessenkonflikte als Italiens reichster Mann, größter Medieneigentümer, berühmtester Angeklagter und Ministerpräsident ließen das Land bewegungsunfähig werden und verursachten nahezu ein wirtschaftliches Nullwachstum.
Viele Wähler dachten, wenn Berlusconi erst weg sei, käme das Land wieder in Schwung. Aber die Regierung von Romano Prodi, eine fragile Neun-Parteien-Koalition mit einer winzigen Mehrheit von einer Stimme im italienischen Senat, fuhr nicht viel besser: Als sie Marktreformen einführen wollte, rebellierte die mit im Regierungsboot sitzende kommunistische Linke. Bei anderen Gesetzesvorlagen, wie der Anerkennung homosexueller Partnerschaften, meuterte ein anderer Teil der Koalition: die rechte Fraktion der Katholiken.
Eine der wenigen Vorlagen, die durchgingen, war eine allgemeine Amnestie für Verbrecher, die von Berlusconi forciert wurde und die so gestrickt war, dass sie Berlusconis leitenden Firmenanwalt Cesare Previti vor einer Haftstrafe wegen Bestechung eines Richters bewahren sollte. Wenig später ärgerte sich die italienische Öffentlichkeit über 260 00 freigelassene Kriminelle, darunter etliche, die sich schnell wieder auf Diebstähle, Vergewaltigungen und Morde verlegten, wohingegen eine Meute von Wirtschaftsverbrechern, unter ihnen auch Previti, sich zu Hause ihrer unrechtmäßig erworbenen Gewinne erfreuen konnten.
Unter Prodi setzte die Wirtschaft außerdem ihre Talfahrt fort und vollbrachte 2006 und 2007 zwei weitere Jahre Nullwachstum. Zur gleichen Zeit türmten sich der Hausmüll und der Giftmüll in und um Neapel zu Bergen. Und trotz dieser Probleme traten die Parteien der Mitte-Links-Koalition in der Öffentlichkeit vor allem zankend in Erscheinung. So sahen die Wähler kaum mehr einen Unterschied zwischen Linken und Rechten und betrachteten die politische Elite zur Gänze als eine Kaste, die sich – bei außer-ordentlichen Privilegien und überzogenen Honoraren – vor allem um ihre Selbsterhaltung kümmerte.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Informationen Abhörprotokolle über Berlusconis Machenschaften preisgaben.)
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
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CUS




09 Uhr 23
10 Uhr 53
Vielleicht noch einen anderen Gedanken: Viele Italiener nehmen bereits jetzt wahr, dass einige junge EU Staaten quasi am Aufholen sind, wenn es um Lebensstandart, Jobaussichten und Perspektiven geht. Das wird noch zunehmen und sicherlich böse aufstoßen. Es ist ein langsames Aufholen, das gepaart mit dem Selbstbewusstsein und der Energie der Neuen aber schon heute spürbar ist. Viele Polen, Tschechen, Rumänen können sich schon heute einen Urlaub in Italien leisten.
Ich würde mich sehr über einen ähnlichen Artikel zu Groß Britannien freuen. (Habe 4 Jahre in Italien und 1 Jahr in UK gelebt.)
11 Uhr 35
es mag alles zutreffen, was Sie da über Herrn Berlusconi zu berichten wissen. Nur, wenn der Fussballverein dieses Herrn gegen
jenes Aushängeschild des deutschen Fussballs spielt, das geradezu ein Ausbund an Seriosität, Rechtschaffenheit und Solidität sein will - dann setzt es für den FC Ruhmreich seit Jahren regelmäßig Niederlagen.
Offensichtlich ist es zumindest im Sport wohl doch nicht so, wie es der Verfasser des Artikels glauben machen will. Ach ja, einen Tost hat man hierzulande: Man hat die schöneren Stadien, ist doch auch etwas.....
15 Uhr 18
Beschreiben Sie nicht in Wirklichkeit Deutschland? –
Oder möchten Sie mit Ihrem Bericht darstellen, wie toll es hier in Deutschland ist? –
Jetzt, wo George W. Bush nicht mehr da ist, nimmt sich die „Feine“ Presse Berlusconi vor. Der Präsident der Italienischen Republik, ist frei gewählt worden! –
Hat ein Gericht Berlusconi oder Prodi für schuldig erklärt?
Ihre Berichterstattung ist „abfällig“ und aus dem Bauch heraus! –
Populistische Berichterstattung.
Warum berichten Sie nicht über die Korruption in D und wie diese verschleiert wird!
Warum gibt es immer reiche Menschen in D?
Zur Wiederwahl Berlusconis hat Herr Prodi alles beigesteuert! –
Zu den Politiker Honoraren: In Italien sind diese öffentlich!
Und in Deutschland?
Honorare + Aufwandsentschädigen + Reisekosten: Streng Geheim! –
Was ist das für eine Transparenz? –
Zu den Politikerkasten: Wie ist es denn Deutschland?
Zu Ausländern: Zu den Berufsaussichten für Ausländische Akademiker:
Deutschland ist Schlusslicht aller OECD-Länder.
Warum sagt man Deutschland: Beziehungen sind das halbe Leben! –
Es ist schade, dass die SZ solche einen populistischen Bericht veröffentlicht! –
Alle mir Bekannten Italiener - egal welcher Parteiausrichtung – empfinden es als Verleumdung und üblere Nachrede.
Läuft das Unternehmen der SZ so schlecht, dass man Bericht unter der Gürtellinie veröffentlichen muss?
Gerardo Señoráns Barcala
Politologe - Economist - Freelance Journalist
15 Uhr 16
Wollte Gott, Berlusconi wäre das größte Problem Italiens! Es wäre genug, ihn nicht mehr zu wählen. Aber die Mehrheit von uns hat ihn dreimal gewählt. Warum? Es gibt zwei Möglichkeiten: die meisten Italiener sind dumm oder Berlusconi war/ist der am wenigsten Schlimme. Schlussfolgerung: die Italiener sind das größte Problem Italiens!
11 Uhr 28
09 Uhr 24
Aber wenn sie nachfragen, niemand hat ihn jemals gewählt.
Anderseits kann auch nicht die Deutschen verstehen, die Italien als das Land der Lebensfreude sehen, Oberflächlichkeit nenne ich das Lebensgefühl in Italien.
Aber was will man auch verlangen von Menschen die nach dem Mittagessen ihren „Cappuccino“ trinken, auf jedem Fall können sie die Lebensumstände in Italien nicht beurteilen.
Ich werde in absehbarer Zeit wieder zurück nach „Europa“ ziehen, Südamerika hat mir nie gefallen!
00 Uhr 03
Als Bananenrepublik erwarte ich etwas mehr Zurückhaltung von den Cisalpinen!
Wie wäre es, einige Hundertschaften deutscher Beamter und Politiker (machen dort ja immer Urlaub) nach Italien zu schicken, damit die Colleghi am deutschen Wesen endlich genesen.
Warum haben eigentlich die Italiener in ihrem Chaos mehr Spaß am Leben als wir griesgrämigen Deutschen in unserem tollen Land? Das soll die vorhandenen Probleme nicht verharmlosen aber die Penetranz mit der deutsche Medien (und vor allem die Süddeutsche) auf Italien rumhackt ist mir unverständlich.
Wahrscheinlich alles frustrierte Fussballfans...
21 Uhr 11
Übrigens, die Kosten für das Opera Haus in Hamburg kamen auch etwas teuerer als geplant, Steuer Hinterziehung war immer der Lieblingszeitvertreib der Menschen, einschließich in Deutschland. Die Finanzkrise hat der seriöse Deutsche Finanzminister als lokales (also damals amerikanisch) Ereignis geschilderd, und das ohne die Milderung einer nacht in der Diskotek.
Haben Sie in The Economist gelesen (oder von der FAZ), was nach 100 Tage Berlusconi Regierung geschrieben wurde?
Ihr Leser
13 Uhr 34