Tatsache bleibt aber: Italien ist während der vergangenen 14 Jahre, in denen Berlusconi die italienische Politik bestimmte, dramatisch abgestürzt. Mehr als 40 Jahre lang, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis etwa 1990, galt Italiens Wirtschaft als eine der erfolgreichsten der Welt – in einem Atemzug genannt mit Japan und Westdeutschland. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wuchs sie durchschnittlich um etwa fünf Prozent, in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch um solide drei Prozent, was in einem Land, das lange Jahre Mühsal und Not gewohnt war, für Wohlstand, Bildung und einen großzügigen Sozialstaat sorgte.
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Für Studenten zeitgenössischer Politik stellte Italien ein faszinierendes Paradoxon dar: Einerseits schien das Land ein entsetzliches politisches System zu besitzen – andauernd gaben sich Regierungen die Klinke in die Hand, Skandale und Regierungskrisen grassierten und dazu ein hohes Maß an Korruption in einem verschwenderischen, ineffizienten Beamtenapparat; und dennoch wuchs die Wirtschaft Jahr für Jahr weiter. Bis zirka 1989 hatte Italien ein etwa gleich hohes Bruttoinlandsprodukt wie Großbritannien.
Doch in den letzten 15 Jahren ging die ungewöhnliche italienische Gleichung – Korruption und Sand im Getriebe plus hohes Wirtschaftswachstum – nicht mehr auf. Italiens Bruttoinlandsprodukt nahm zwischen 1996 und 2006 um durchschnittlich 1,1 Prozent pro Jahr zu, im Vergleich zu den 2,3 Prozent in Großbritannien, den 2,8 Prozent in Spanien und den 1,7 Prozent im gesamten Euro-Gebiet. Mit der Folge, dass Italiens Wirtschaftsrate nun um zwanzig Prozent geringer ausfällt als die Großbritanniens und Italien auch von Spanien überholt wurde.
Das italienische System, das in der Ära geschützter Märkte einigermaßen funktionierte, ist im Zeitalter der EU, der Einheitswährung und des intensiven Wettbewerbs mit Niedriglohnländern in Asien schwer ramponiert worden. So kostet eine Firmengründung in Italien im Durchschnitt 5012 Euro und es dauert 62 Tage, bis die 16 verschiedenen bürokratischen Hürden bewältigt sind. Zum Vergleich: In Großbritannien sind es 381 Euro, vier Tage und fünf Verwaltungsvorgänge, in den USA 167 Euro, vier Tage und vier solcher Vorgänge.
Der Sand im Getriebe knirscht nun in nahezu allen Bereichen des italienischen Alltags, auf eine Weise, die einen unfassbar negativen Synergieeffekt mit sich bringt. Zum Beispiel gefährdet die Lähmung des Justizsystems das Rechtsstaatsprinzip, einen der Grundpfeiler eines funktionierenden Wirtschaftssystems. Die durchschnittliche Dauer eines Verfahrens bei Vertragsbruch liegt in Italien bei 1210 Tagen (fast vier Jahren), in Spanien (dem zweitschlimmsten Land in dieser Hinsicht) sind es 515, also nicht einmal halb so viele, in Frankreich 331 und in Großbritannien nur 217 Tage. In Italien dauert es unvorstellbare neunzig Monate, fast acht Jahre, das Haus eines säumigen Zahlers zwangsversteigern zu lassen. In Großbritannien braucht man dazu zehn Monate, in Frankreich 17 und in Dänemark sechs Monate.
Ein derart schwerfälliges System mag einem wie heller Wahnsinn vorkommen, aber dahinter steckt Methode: Es wurde mit Absicht so gestaltet, um seine Mitwirkenden unentbehrlich zu machen. Die Vervielfachung der Verwaltungsvorgänge, Genehmigungsverfahren, Regularien und bürokratischen Engstellen schafft eine extrem hohe Zahl an Hebeln, mit denen die Regierung ein Projekt kontrollieren, verzögern, beerdigen oder vorantreiben kann.
Jeder dieser Schritte ist eine Gelegenheit zur Machtausübung und Vetternwirtschaft, zur Bewilligung und Einforderung von Gefälligkeiten. Eine autostrada, deren Baukosten sich verdoppeln, hat große Vorteile – nicht nur für die Politiker, die dafür Provisionen einstreichen, sondern auch für alle, die daran arbeiten. Klar: Für den Rest des Landes bringt so etwas nur Nachteile. Dort muss man sich mit zweitrangiger Infrastruktur, hohen Steuern, miesem Service und einem System herumplagen, das zum genauen Gegenteil einer Leistungsgesellschaft verkommen ist. Es überrascht dann auch nicht weiter, dass Italien auf dem Global Competitiveness Index, dem Index für weltwirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit, vom 32. auf den 64. Platz abgerutscht ist.
Unfassbarerweise hat Berlusconi sich dennoch beim italienischen Volk in seinen 14 Jahren eine Art Wundertäter-Image zugelegt. In einem Interview Anfang 2008 maulte er halb darüber, halb protzte er damit, dass er wie ein Rockstar oder König behandelt werde, dessen Berührung Heilkräfte zugeschrieben würden. »Schwangere Mütter bitten mich, ihnen die Hand auf den Bauch zu legen. Anderen soll ich die Augen berühren, weil sie schlecht sehen… manchen – man stelle sich das nur vor – den Kopf, weil sie eine Glatze bekommen. Aber denen gebe ich einfach die Telefonnummer meines Arztes.«
Und im September 2008, mitten in der Finanzkrise, versicherte Berlusconi nach einer langen Nacht in einer Diskothek, dass er noch genügend Energie habe, alles zu bewältigen: »Nach drei Stunden Schlaf habe ich Schwung für weitere drei Stunden Sex.« Aber um Italien aus seinem derzeitigen Chaos zu befreien, braucht es viel mehr als nur Berlusconis königliche Hand und spätpubertäres Potenzgeprahle.
Hier können Sie noch einmal unsere Geschichte "Lecko mio" aus dem Jahr 2006 lesen.
- Seite 1: Land unter
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09 Uhr 23
10 Uhr 53
Vielleicht noch einen anderen Gedanken: Viele Italiener nehmen bereits jetzt wahr, dass einige junge EU Staaten quasi am Aufholen sind, wenn es um Lebensstandart, Jobaussichten und Perspektiven geht. Das wird noch zunehmen und sicherlich böse aufstoßen. Es ist ein langsames Aufholen, das gepaart mit dem Selbstbewusstsein und der Energie der Neuen aber schon heute spürbar ist. Viele Polen, Tschechen, Rumänen können sich schon heute einen Urlaub in Italien leisten.
Ich würde mich sehr über einen ähnlichen Artikel zu Groß Britannien freuen. (Habe 4 Jahre in Italien und 1 Jahr in UK gelebt.)
11 Uhr 35
es mag alles zutreffen, was Sie da über Herrn Berlusconi zu berichten wissen. Nur, wenn der Fussballverein dieses Herrn gegen
jenes Aushängeschild des deutschen Fussballs spielt, das geradezu ein Ausbund an Seriosität, Rechtschaffenheit und Solidität sein will - dann setzt es für den FC Ruhmreich seit Jahren regelmäßig Niederlagen.
Offensichtlich ist es zumindest im Sport wohl doch nicht so, wie es der Verfasser des Artikels glauben machen will. Ach ja, einen Tost hat man hierzulande: Man hat die schöneren Stadien, ist doch auch etwas.....
15 Uhr 18
Beschreiben Sie nicht in Wirklichkeit Deutschland? –
Oder möchten Sie mit Ihrem Bericht darstellen, wie toll es hier in Deutschland ist? –
Jetzt, wo George W. Bush nicht mehr da ist, nimmt sich die „Feine“ Presse Berlusconi vor. Der Präsident der Italienischen Republik, ist frei gewählt worden! –
Hat ein Gericht Berlusconi oder Prodi für schuldig erklärt?
Ihre Berichterstattung ist „abfällig“ und aus dem Bauch heraus! –
Populistische Berichterstattung.
Warum berichten Sie nicht über die Korruption in D und wie diese verschleiert wird!
Warum gibt es immer reiche Menschen in D?
Zur Wiederwahl Berlusconis hat Herr Prodi alles beigesteuert! –
Zu den Politiker Honoraren: In Italien sind diese öffentlich!
Und in Deutschland?
Honorare + Aufwandsentschädigen + Reisekosten: Streng Geheim! –
Was ist das für eine Transparenz? –
Zu den Politikerkasten: Wie ist es denn Deutschland?
Zu Ausländern: Zu den Berufsaussichten für Ausländische Akademiker:
Deutschland ist Schlusslicht aller OECD-Länder.
Warum sagt man Deutschland: Beziehungen sind das halbe Leben! –
Es ist schade, dass die SZ solche einen populistischen Bericht veröffentlicht! –
Alle mir Bekannten Italiener - egal welcher Parteiausrichtung – empfinden es als Verleumdung und üblere Nachrede.
Läuft das Unternehmen der SZ so schlecht, dass man Bericht unter der Gürtellinie veröffentlichen muss?
Gerardo Señoráns Barcala
Politologe - Economist - Freelance Journalist
15 Uhr 16
Wollte Gott, Berlusconi wäre das größte Problem Italiens! Es wäre genug, ihn nicht mehr zu wählen. Aber die Mehrheit von uns hat ihn dreimal gewählt. Warum? Es gibt zwei Möglichkeiten: die meisten Italiener sind dumm oder Berlusconi war/ist der am wenigsten Schlimme. Schlussfolgerung: die Italiener sind das größte Problem Italiens!
11 Uhr 28
09 Uhr 24
Aber wenn sie nachfragen, niemand hat ihn jemals gewählt.
Anderseits kann auch nicht die Deutschen verstehen, die Italien als das Land der Lebensfreude sehen, Oberflächlichkeit nenne ich das Lebensgefühl in Italien.
Aber was will man auch verlangen von Menschen die nach dem Mittagessen ihren „Cappuccino“ trinken, auf jedem Fall können sie die Lebensumstände in Italien nicht beurteilen.
Ich werde in absehbarer Zeit wieder zurück nach „Europa“ ziehen, Südamerika hat mir nie gefallen!
00 Uhr 03
Als Bananenrepublik erwarte ich etwas mehr Zurückhaltung von den Cisalpinen!
Wie wäre es, einige Hundertschaften deutscher Beamter und Politiker (machen dort ja immer Urlaub) nach Italien zu schicken, damit die Colleghi am deutschen Wesen endlich genesen.
Warum haben eigentlich die Italiener in ihrem Chaos mehr Spaß am Leben als wir griesgrämigen Deutschen in unserem tollen Land? Das soll die vorhandenen Probleme nicht verharmlosen aber die Penetranz mit der deutsche Medien (und vor allem die Süddeutsche) auf Italien rumhackt ist mir unverständlich.
Wahrscheinlich alles frustrierte Fussballfans...
21 Uhr 11
Übrigens, die Kosten für das Opera Haus in Hamburg kamen auch etwas teuerer als geplant, Steuer Hinterziehung war immer der Lieblingszeitvertreib der Menschen, einschließich in Deutschland. Die Finanzkrise hat der seriöse Deutsche Finanzminister als lokales (also damals amerikanisch) Ereignis geschilderd, und das ohne die Milderung einer nacht in der Diskotek.
Haben Sie in The Economist gelesen (oder von der FAZ), was nach 100 Tage Berlusconi Regierung geschrieben wurde?
Ihr Leser
13 Uhr 34