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aus Heft 07/2009 Stars

"Ich bin ein schreckliches Vorbild"

Max Fellmann (Interview) 

Bond, Bowie, Bielski: ein Gespräch mit dem Schauspieler Daniel Craig über Männerrollen und Selbstfindung.

Daniel Craig im Februar 2009 bei der Preisverleihung der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst
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SZ-Magazin: Herr Craig, wir wollten mit Ihnen über männliches Selbstverständnis reden.
Daniel Craig:
Warum mit mir?

Sie spielen James Bond, der ist so was wie der absolute Mann. Ein Symbol, auf das sich viele einigen können.
Stimmt. Und er sieht aus wie ich.

Sie haben mal erzählt, dass Sie als junger Mann ein großer Fan von David Bowie waren. Das ist ja jemand, der mit der Inszenierung von Männlichkeit viel experimentiert hat, sich wie eine Frau geschminkt hat… Ah, ich verstehe, worauf Sie rauswollen. Ja, Bowie war in den Siebzigerjahren der androgyne Typ, der versucht hat, die Grenzen zu verwischen. Und Bond dagegen ist der harte, heterosexuelle Mann. Aber ich glaube, tough zu sein hat überhaupt nichts mit Sexualität zu tun. Die härtesten Männer, die ich kenne, sind schwul. Und die härtesten Frauen, die ich kenne, sind Lesben… Na gut, das ist irgendwie logisch, viele Lesben wollen ja gerade hart sein. Was ich meine, ist: Hart zu sein, das hat gar nichts mit Sexualität zu tun. Ich spiele Bond, ja. Und der ist ein Macho-Symbol, ja. Aber privat interessiere ich mich für Kunst, für Theater, und der Beruf Schauspieler ist ja auch nicht unbedingt so hart wie Baggerfahrer, oder?

Was hat Sie an der Androgynität von David Bowie fasziniert?
Ich fand immer Menschen spannend, die Grenzen ausloten. Bowie, Lou Reed, Bryan Ferry – die kamen ja aus einer ziemlich restriktiven Zeit. Und darauf haben sie mit ihrem Aussehen reagiert. Sie haben versucht, aus den alten Klischees rauszukommen, aus den Regeln, die für Männer und Frauen bis dahin galten. Das war ja auch gesellschaftlich ein ganz wichtiger Bruch. Wir reden hier von den Siebzigerjahren, da haben die Leute die ganze bis dahin geltende Moral in Frage gestellt.

Haben sich dadurch die gängigen Männerbilder verändert?
Nicht nur die. Besonders auffällig finde ich die Veränderung des klassischen Familienbildes. Da gelten heute viele veraltete Vorstellungen nicht mehr. Eine Familie kann heute aus einem Kind und zwei Adoptivvätern bestehen, oder es kann ein Paar mit Kindern aus vorigen Beziehungen sein, und so weiter. Das wird akzeptiert – und das macht die Familie ja im Grunde auch nicht weniger normal. Wichtig ist nur, dass die Familie funktioniert, dass alle füreinander da sind. Dass allein diese Funktion heute als moralisch wertvoll betrachtet wird – und eben nicht die Zusammensetzung einer Familie –, das ist ein ganz großer Erfolg der damaligen Zeit.

Hat sich die Art, wie Männer Frauen behandeln, verändert?
Auf jeden Fall. Ich glaube, da herrscht heute mehr Respekt. Aber ich muss dazu sagen: Ich bin aufgewachsen als Sohn einer alleinerziehenden Mutter – da lernt man von vornherein, Frauen ganz anders zu behandeln. Mir wurde früh Respekt gegenüber Frauen beigebracht.

Ist es heute überhaupt noch möglich, einer Frau in den Mantel zu helfen? Oder muss das schon als altmodische Macho-Geste gelten?
Oh, ich versuche das ständig! Ich bin so erzogen worden.

Und – schon mal passiert, dass Sie dafür schräg angesehen wurden?

Ja, immer wieder. Aber was bleibt einem übrig? Ich entschuldige mich – und dann helfe ich der Frau trotzdem in den Mantel. Ich kann nicht anders.

Welche Rolle hat sich in den letzten dreißig Jahren stärker verändert? Die der Männer oder die der Frauen?
Eigentlich die der Frauen, würde man meinen. Der Feminismus der Siebzigerjahre war schließlich ein großer Sprung nach vorn. Aber ich fürchte, die Emanzipation ist in den letzten Jahren wieder ein Stück zurückgeworfen worden.

Inwiefern?
Frauen werden heute wieder stark zu Objekten gemacht. Eigentlich fast mehr als zu der Zeit, als ich jung war. Ihre Körper, ihr Aussehen… Dieser ganze Körperfaschismus. Das ist heute alles schlimmer als früher. Und das ist natürlich nicht nur ein äußerliches Problem, sondern auch ein psychologisches. Die einen machen etwas vor, die anderen ahmen es nach. Aber das gilt ja für Männer auch. Und prompt bin ich ein Teil dieses Problems, ich in meiner winzigen Badehose in Casino Royale.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Ich bin ein totaler Versager in allem, was mit Business zu tun hat.")
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