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Oscar-Blog 18. February 2009 Noch keine Kommentare

Goldrausch in Kalifornien

Wie fühlt es sich an, in Hollywood auf einen Oscar zu warten? Mathias Forberg erlebt das gerade zum ersten Mal. Sein Film Revanche gehört zu den fünf Kandidaten für den Auslands-Oscar. Für uns schreibt er aus Hollywood. (Folge 4, Sonntag: Spottende Konkurrenten, eine Grippe und letzte Hoffnung)

Von Mathias Forberg 





Sonntag, 22.12.

Nach einer guten, tief durchschlafenen Nacht heute Früh in guter Verfassung. Zunächst mal habe ich den Gesetzestext der Academy für Teilnehmer an der Oscar-Gala durchgeackert. Welche Security Kontrollen da stattfinden, mit welchen Papieren die Limousine ausgestattet sein muss, welche Ausweise und Tickets wir bei uns haben müssen, was wir dürfen und was nicht. Die Hausordnung ist strenger als jede andere, die ich kenne. Ich sehe schon, ich muss noch ein genaues Briefing veranstalten.
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Am Samstag, am Tag davor, stieg das Oscar-Fieber. Eigentlich hatte ich erwartet, dass es ein Kampf gegen die Nervosität werden wird, nun ist es ein viel realeres Fieber. Die Klimaanlagen haben ganze Arbeit geleistet, mit Vitaminen und dem ganzen sonstigen Drugstore-Sortiment kämpfe ich erbittert gegen die Grippe. Aber sie wird mich nicht kleinkriegen. Diesmal nicht.

Vormittags dann das Symposium für die Nominierten des besten ausländischen Films. Alle stellen sich und ihre Filme vor. Ich bin der Produzent und ziemlich nervös: Wie wird sich Götz Spielmann, unser Regisseur, präsentieren? Wie wirkt er im Vergleich zu den Anderen? Mitten in der Veranstaltung dämmert mir dann, wie bescheuert diese Überlegungen sind. Die Abstimmungen sind ja schon am Montag abgeschlossen worden, wozu also die ganze Aufregung.

Götz erzählt über jene langen Zeiten, in denen er vergeblich auf eine Idee für einen Film wartet, bis sie dann plötzlich unvermutet irgendwo auftaucht. Gegen Ende der Veranstaltung muss er dann ganz dringend austreten und verlässt das Podium unauffällig. Als der Moderator dann seine abschließende Frage an Götz richten will und überrascht feststellt, dass er nicht mehr da ist, meint Laurent Cantet, der Regisseur des französischen Beitrags „La classe": „Ich glaube, er hat eben eine Idee gehabt!" Der Saal zerkugelt sich vor Lachen. Das ist Teamwork unter Konkurrenten. Friendly competition.

Nachmittags dann der Empfang im deutschen Konsulat. Schöne Villa, unendlich viele Leute, unendlich lange Reden. Kein Wunder, dass „Wes Herz voll ist, dem geht der Mund über" ein deutsches Zitat ist. Am Abend Verzicht auf weitere Partys. Irgendwie haben wir einfach das Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen, bevor es morgen losgeht. Meine Frau, mein Sohn und ich sitzen mit Götz gemütlich auf der Terrasse unseres Hotels, verdrücken ein herrliches Steak und plaudern über die Erlebnisse und die Erwartungen an morgen. Es tut gut, für einen Moment wieder zu sich selbst zu finden…

Und jetzt: noch ein gemeinsamer Brunch, dann rein in den Smoking und los geht’s. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung steht heute, wenn es sowas wie Gerechtigkeit in Hollywood gäbe, dann müsste unser Film, müsste „Revanche" den Oscar kriegen. Auch wenn danach nüchtern konstatiert wird, dass es die nicht gibt, so ist es doch schön, als Sieger der Herzen in den Kampf zu ziehen…

Drücken Sie mir die Daumen, gleich ist es soweit. Ich melde mich, vorausgesetzt ich darf mein Handy mitnehmen.


Freitag 18.2.


Das war jetzt also der erste offizielle Tag bei der Academy. Morgens Pressekonferenz. Viel Blitzlichtgewitter, viele Journalisten und Kamerateams aus allen möglichen Ländern. Zum Teil wissen die Leute gar nicht recht, was sie uns über unseren nominierten Film 'Revanche' fragen sollen und dementsprechend schwierig ist es, einigermaßen vernünftige Antworten zu geben: „Wie macht man es, so viele verschiedenartige Charaktere in einem Film unterzubringen?" Da antworte mal drauf.

Cool war auch eine Gruppe von Studenten, die wissen wollten, welche Botschaft für College-Studenten in unserem Film zu finden sei. Raube keine Bank aus, sonst kommt deine Freundin womöglich ums Leben, wäre die Top-Antwort gewesen. Ist leider keinem von uns spontan eingefallen. Wir haben hier auch die anderen für den Auslandsoscar nominierten Regisseure kennengelernt, die direkten Konkurrenten also. Die sind alle so sympathisch, dass wir plötzlich gar nicht mehr wissen, wem wir, außer uns selbst natürlich, so richtig die Daumen drücken sollen. Am Nachmittag dann Interviews, wie üblich, bin ich schon fast geneigt zu sagen. Die Österreicher bemühen sich wirklich sehr, das Besondere an dieser neuerlichen Nominierung herauszustreichen. Dass es jetzt gar nicht so sehr darauf ankommt, ob wir das Ding mit nach Hause bringen, sondern dass hier wirklich ein österreichisches Filmwunder stattfindet, auf welches reagiert werden muss, von der Politik, von den Zuschauern, von den Filmschaffenden.

Wahrscheinlich ahnen die Journalisten schon, dass für den Fall, dass wir nicht gewinnen, eine typisch österreichische, selbstzerstörerische kollektive Depression ausbrechen könnte, die die ganze Aufbruchsstimmung jäh vernichtet. Dabei ist das doch alles eine unglaubliche Chance.

Am Abend dann die Cocktail Reception der Academy für die Nominierten des Auslandsoscars. Tolles Buffet, viele Leute, gute Stimmung. Allenthalben wird herausgehoben, welch außergewöhnlich hohes Niveau diese fünf in der Kategorie nominierten heuer hat. Da ist man wirklich gerne dabei, das geht schon runter wie Öl.

Der Präsident der Academy eröffnet den offiziellen Teil der Veranstaltung, wo den fünf Regisseuren die Certificates of Nomination, die Nominierungsurkunden, überreicht werden. Die Laudatios werden von prominenten Mitgliedern der Akademie gehalten, Marion Cotillard, die Oscar Preisträgerin des vergangenen Jahres, Keanu Reeves, den ich mit seinem Vollbart kaum erkannt habe, Florian Henkel von Donnersmarck, den man auf Grund seiner Größe wohl erkennen muss.

Mein Sohn wird von allen als Vertreter der Future Generation begrüßt und wächst sichtbar um mehrere Zentimeter. Ein Autogramm von Keanu Reeves zu holen, traut er sich allerdings noch nicht. Da gilt es noch einiges dazu zu lernen, denn wenn man hier eines können muss, dann ist es kommunizieren und Verbindungen knüpfen…


Donnerstag 17.2.

Erste Meldung aus der Stadt der Traumfabriken. Der Fahrer, der uns am Flughafen abholt, muss uns suchen wie eine Nadel im Heuhaufen. Aber dann fährt man durch industriell anmutende Vorstadtgebiete und plötzlich ist man am Sunset Boulevard. Der Gebäudekomplex rund um das legendäre Kodak Theatre ist eine Shopping Mall, so hässlich und zweckmäßig wie irgendeine Shopping Mall auf dieser Welt. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, sie ist hier, die größte Kinoindustrie der Welt, auch wenn man sie nicht auf den ersten Blick sieht.

Götz Spielmann, der Regisseur, war schon bei einigen Produktionsfirmen, Harvey Weinstein hat uns schon ein Mail mit Gratulationen geschrieben, er hat sich den Film angeschaut und findet, dass er völlig zu Recht nominiert ist. So dünn ist plötzlich die Trennlinie, wenn man nominiert ist. Wobei es letztlich nur auf die Nominierung ankommt, habe ich mir von Insidern aus LA sagen lassen. Ob man dann tatsächlich gewinnt, ist eigentlich wurscht. Glückssache oder Geschmackssache oder wie man es auch immer nennen will. So ist das hier, bei uns ist es ein bisschen anders. Bei uns schnellen die Besucherzahlen erst richtig rauf, wenn man das Ding gewinnt. Vielleicht sind wir Österreicher eben einfach anspruchsvoller als alle Anderen.

Angebote und Drehbücher für Filme mit Budgets, so groß, dass wir die bei uns gar nicht kennen, landen jetzt plötzlich auf dem Tisch unseres Regisseurs. Meine Frau Eva hat sich schon anerboten, einige Bücher vorab zu lesen und dann einen Pitch zu liefern. Im Moment liest sie gerade einen Gothic Horror Stoff mit Fantasyelementen. Genau das Richtige für einen Regisseur wie Götz, der im Kleinen das Große sucht. Ausgerechnet so ein Film für ihn! Es gibt viel zu lachen bei unserem kleinen Familienunternehmen. Die Laune ist gut, morgen geht es mit dem offiziellen Teil los, Pressekonferenzen der Academy, Cocktail-Empfang für die Nominees und was nicht noch sonst alles. Kann ruhig so weitergehen, wir sind ziemlich entspannt und freuen uns schon richtig auf den Sonntag…

Montag 16.2.

Morgen fliege ich nach Los Angeles zur Oscar-Verleihung. Mit dabei meine Frau, mein Sohn und die beiden Hauptdarsteller. Unser Film Revanche ist unter den fünf nominierten Filmen für den Auslands-Oscar. Ich bin der Produzent, Götz Spielmann, der Regisseur, ist schon gestern geflogen. Ich glaube nicht wirklich, dass wir gewinnen, weil Waltz with Bashir meiner Meinung nach zu Recht haushoher Favorit ist, zum anderen weil Österreich letztes Jahr schon mit Die Fälscher den Auslands-Oscar gewonnen hat.

Ich rechne nicht damit, aber wenn wir doch gewinnen, würde es mich auch nicht mehr wundern. Es war bisher eh alles schon ein Wunder, was passiert ist: Dieser kleine Film, der nur zwei Millionen Euro gekostet hat, ist sicher der billigste aller nominierten Filme in diesem Jahr. Das österreichische Publikum mochte den Film nicht besonders: Das Drama um eine Prostituierte und ihren Freund, da sagten sie sich: Das ist ja so deprimierend und wir fühlen uns ohnehin schon so schlecht.



Ursula Strauß, unsere Hauptdarstellerin, strahlte am Sonntag noch, als wir vom Wiener Kulturstadtrat verabschiedet wurden und eine Schneekugel mit dem Wiener Rathaus und dem Stephansdom als Glücksbringer geschenkt bekommen haben. Heute ist Ursula ein schniefendes Häufchen Elend und sieht gar nicht wie jemand aus, der morgen früh, von vielen Kameras begleitet, als Repräsentantin des österreichischen Films ins Flugzeug steigen wird. Mein Sohn liegt mit Fieber und geschwollenen Mandeln im Bett und lässt die Sorgenfalten auf der Stirn meiner Frau erblühen, die ihrerseits von Magenkrämpfen geplagt wird. „Das ist das Oscar-Fieber", so der lakonische Kommentar eines befreundeten Regisseurs.

Als ich bei der Schule meines Sohnes anrief, dachte ich, ich könnte die Direktorin mit meiner Begründung in Erstaunen versetzen: „Gnädige Frau, ich würde meinen Sohn gern nach Los Angeles mitnehmen, weil unser Film für den Oscar nominiert ist." Aber sie wunderte sich gar nicht, fast schien es so, als hätte sie damit gerechnet.

Es hat sich also rumgesprochen - mindestens in Österreich. Jetzt muss morgen nur noch der Sicherheitsbeamte mit dem Schmuck für unsere Hauptdarstellerin - gesponsert von einem amerikanischen Juwelier und locker seine 50.000 Euro wert - trotz Schneechaos zum Flughafen eilen, um ihn ihr zu übergeben. Hoffentlich können wir bei dem Wetter hier überhaupt starten.

Der Schmuck macht mich ganz schön nervös: Ist der versichert oder läuft das so wie in den Hotels in L.A., wo du dir am Tag der Oscar-Verleihung Schmuck ausborgen kannst und dann erfährst, dass die Devise gilt: you loose it, you bought it. Ist einer Bekannten von mir passiert, die voriges Jahr dabei war. Die hat dann den ganzen Abend ihr Geschmeide umklammert, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her.

Erst als ich schwarz auf weiß vor mir sehe, dass der Sponsor die volle Versicherung trägt, kann ich mich einigermaßen entspannen, wobei die Frage bleibt: Warum machen die das alles? Was haben sie eigentlich davon, ihre Klunker um die halbe Welt zu schicken? Vielleicht finde ich die Antwort ja in Hollywood. Sie hören von mir.

Rückblick: 22. Januar.

Heute Nachmittag werden die Nominierungen auf CNN bekannt gegeben. Es wäre ein Wunder, wenn wir dabei wären, also mache ich mich nicht verrückt. Das Team und die Schauspieler habe ich jedenfalls am Abend in ein Lokal eingeladen, wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Wenn es nix wird, dann trinken wir halt gemütlich einen und freuen uns über das, was wir erreicht haben.

Aber als um 15 Uhr die Pressekonferenz von CNN übertragen wird, wo die Nominierten kurz und schmerzlos bekannt gegeben werden, da liegen meine Nerven schon ziemlich blank. Und dann kommen die Nominierten für den besten nicht-englischsprachigen Film: Der Baader-Meinhof-Komplex zuerst, dann Entre les murs, der Cannes-Gewinner, dann Departures, der hoch gelobte japanische Beitrag, und dann sind es noch zwei, wovon einer sicher Waltz with Bashir, der israelische Golden-Globe-Gewinner, sein wird.

Und in dem Moment passiert's: Austria, Revanche, sagt Forrest Whitaker mit freundlichem Lächeln und dann kommt noch der Israeli und dann geht's zur nächsten Kategorie. So einfach ist das. Fünf Minuten später gleicht mein Büro der New Yorker Börse und die Handys benehmen sich wie ausgebrochene Vulkane. Und als ich am Abend leicht betäubt in unser Stammlokal zum Team komme, blitzen uns die Kameras entgegen, dass man glauben könnte, der Jüngste Tag sei gekommen.

Und in dem Moment weißt du, dass für einen Monat, bis zur Oscar-Nacht am 22. Februar, nichts mehr so sein wird, wie es jemals zuvor war...
(Foto: Reuters, afp)

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