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aus Heft 10/2009 Das Prinzip 2 Kommentare

Kassiererin

Ein bislang eigentlich unauffälliger Berufsstand wird gerade entdeckt: Kassiererin. Spätestens seit dem Fall der entlassenen Kassiererin Barbara E. diskutiert die Öffentlichkeit über die oft unzumutbaren Arbeitsbedingungen an der Kasse.

Von Andreas Bernard 



Reichen nicht schon die Geräusche der Scannerkassen aus, um einen Eindruck von der Anstrengung dieser Arbeit zu bekommen? Die Tonlagen sind verschieden hoch, manche geben ein besonders helles, andere ein tieferes, volleres Geräusch von sich, wenn die Ware durchgezogen wird. Auch die Rhythmen unterscheiden sich, je nachdem, wie groß die Einkäufe der wartenden Kunden ausfallen.

Aus der einen Kasse, der schrillsten von allen, tönt es stockend, doch nebenan erklingt das anhaltende Piepen eines Großeinkaufs, regelmäßig wie das Signal eines viel zu laut eingestellten Kardiogramms. Ein Stakkato der Dissonanzen spielt sich ab rund um die Supermarktkassen, und man fragt sich, wie es den Angestellten gelingt, dieses Geräusch irgendwann nicht mehr zu beachten.
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Dass die Arbeitsbedingungen der Kassiererinnen oft unzumutbar sind, ist spätestens seit dem Überwachungsskandal bei der Firma Lidl im letzten Frühjahr allgemein bekannt. Eine von ihnen wird derzeit sogar wie eine Ikone der Entrechtung herumgereicht: die Berliner Kassiererin Barbara E., die nach gut 15 Dienstjahren bei Kaiser’s entlassen wurde, weil sie zwei Pfandmarken im Wert von insgesamt 1,30 Euro unterschlagen haben soll.

Der Fall hat in den letzten Monaten erstaunliche Resonanzen erzeugt, von flächendeckenden E-Mail-Aufrufen politischer Organisationen bis hin zu Demonstrationen. Am Schicksal der Kassiererin scheinen sich also noch einmal Debatten der Ausbeutung und Entfremdung zu entzünden, die ein überwunden geglaubtes Bild von Arbeit repräsentieren.

Doch warum ist es gerade dieser Berufsstand, dem im Moment ein solches Maß an Aufmerksamkeit entgegengebracht wird? Tatsächlich stehen die Bedingungen an der Supermarktkasse – nur drei Minuten Pause pro Stunde, die Unmöglichkeit, die Arbeit eigenständig zu unterbrechen – weit unter den mittlerweile obligatorischen Rechten am Fließband. In der Logik der Arbeitgeber erscheinen die Angestellten eher als reibungslos funktionierender Teil der technischen Apparatur.

Auch wenn die Figur der Kassiererin in der gegenwärtigen Literatur auftaucht, dann in erster Linie als passives Anschauungsobjekt großstädtischer Flaneure. In Wilhelm Genazinos Roman Die Kassiererinnen etwa kehrt der Erzähler immer wieder in einen Supermarkt zurück, um die gleichförmige Tätigkeit der Frauen zu beobachten und sich in Mutmaßungen über ihre unscheinbaren Existenzen oder in eine Sexfantasie zu verlieren. »Sie setzte sich in das kleine Kabuff hinter ihrer Kasse, das genau ihren Körpermaßen angemessen schien«, heißt es über eine von ihnen. »Sie hockte wie eine fleischliche Füllung in der Sitzverkleidung und arbeitete stundenlang nur mit den Händen.«

Dieses von Unmündigkeit gekennzeichnete Bild, das die Vorschriften der Arbeitgeber wie die Imaginationen der Literatur bestimmt, wird nun durch ein überraschend erfolgreiches Buch relativiert: Die Leiden einer jungen Kassiererin von Anna Sam. Die Französin hat acht Jahre lang an der Kasse eines großen Supermarkts gearbeitet, und die lakonischen Notizen über ihren Arbeitsalltag, ursprünglich als Blog begonnen, sind auch in Deutschland zu einem Bestseller geworden.

Der Erfolg des Buches verdankt sich zweifellos dem Status der Kassiererin als fremdbestimmtes Wesen schlechthin: Es weckt die Neugier im Leser, wie sich ausgerechnet eine Supermarktkassiererin, die »fleischliche Füllung in der Sitzverkleidung«, in eine souveräne Beobachterin des Geschehens, in das Subjekt einer Autorin verwandeln kann.

Anna Sam weiß um diese Spannung genau, und indem sie von ihren Bemühungen erzählt, in der stundenlangen Monotonie des Scannens und Handaufhaltens kleine Momente der Souveränität zu finden – durch ihr komplizenhaftes Verhältnis zum Fließband, durch ihr Auftreten gegenüber unverschämten Kunden –, gibt sie dem gedemütigten Stand der Kassiererin ein wenig Würde zurück. Unendlich mehr, als es jede weitere Solidaritätsadresse engagierter Politiker und Organisationen an Barbara E. tun könnten. Denn die Frau hinter der Kasse erscheint plötzlich, allen Widrigkeiten zum Trotz, als selbstbestimmte, handelnde Person und nicht als ausgestelltes Opfer.


(Foto: ap)

Kommentare

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  • R. Rausch (0) Die Tätigkeit einer Kassiererin kann sehr interessant und abwechslungsreich sein.Es kommt darauf an, welche Anforderungen an den MENSCHEN hinter der Kasse gestellt werden und welche Einstellung der KUNDE/Mitmensch hat.Dieser Mensch an der Kasse muss/sollte ehrlich sein,sich in Warenkunde auskennen, in "Notsituationen einen Ausweg wissen,oftmals diskret, taktvoll und geduldig sein aber auch wachsam Falschgeld erkennen oder Betrug und Diebstahl verhindern.
    Wer gerne von einem Automaten abkassiert werden möchte ,dem sollte dies auch ermöglicht werden.
    In Einem bin ich mir jedoch sicher, keine Kassiererin möchte ,egal wo und von wem, beleidigt oder herablassend behandelt werden !!!
  • Peter Poringer (0) Kassierer/in ist sicherlich kein sehr interessanter Beruf, aber immer noch interessanter und "menschlicher" als die Arbeit am Fließband einer Fabrik.
    In den USA werden in vielen Supermärkten die Kassierer/innen bereits durch automatische "Self-checkout-Kassen" ersetzt. Ob das die Kassierer/innen wollen?