aus Heft 12/2009 Stil leben Noch keine Kommentare
Lassen wir die Küche im Dorf
Es war ein langer Weg von der Feuerstelle zum modernen Designtraum. Schade, dass wir unterwegs vor lauter hübschem Drumrum vergessen haben, wozu wir eigentlich am Herd stehen. Eine Stilkritik.
Von Michael Cornelius
Neuerdings enden Partys nicht mehr in der Küche, sondern sie beginnen dort. Die Einladung las sich noch ganz unverdächtig: Ein befreundetes Paar, das von Berlin nach München zurückgekehrt war, lud zum »Munich recall«. Als ich ankam, hatten die anderen Gäste schon einen Kreis um einen sakralen schwarzen Kochblock gebildet. Blaue Flammen loderten auf. Die Gastgeber standen sich gegenüber und produzierten in aberwitziger Geschwindigkeit essbare Kunstwerke.
Wir waren die Schiedsrichter, die Punkte verteilten nach Geschmack und Optik. Ich ertappte mich dabei, unauffällig nach versteckten Kameras zu suchen. Doch ich fand nur Arbeitsplatten aus satiniertem Glas, einen Induktionsherd mit Topferkennung und geschmiedete Sushimesser für 4000 Euro. Ich war unverhofft in ein Kochduell geraten, dessen Star die Küche war, und die Frage drängte sich auf: Was sagen Küchen eigentlich über uns aus? Und wieso verhalten sich einige Menschen so komisch in ihnen?
Anzeige
Es ist noch gar nicht lange her, vielleicht 100 Jahre, da erschienen Pamphlete »wider das verkochte und verbügelte Leben der Frauen«. Die Küche wurde darin als »Galeerenstrafanstalt« beschrieben. Heute blättern wir in Designbroschüren, in denen die Küche als neuer Lebensraum gepriesen wird, mit puristischen Werkbänken und psychoaktivem Lichtdesign. Aus der Fronarbeit ist die reine Lust geworden, und die schönen Menschen, die in diesen schönen Küchen um die Wette kochen, schwingen den Kochlöffel, als ginge es um das Jüngste Gericht. Alle sind gut drauf. Aber sind sie das wirklich?
Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat davon gesprochen, dass unsere Wohnungen ein Spiegel unseres inneren Selbst wären. Wenn dem so ist, dann müssten manche der Köche (mit ihren Küchen) auf die Couch. Folgende Krisenherde lassen sich diagnostizieren:
1. Größenwahn: Die Nonplusultraküche mit Profi-Gasherd, Kühlkammer und strömungsoptimierter Dunstabzugshaube. Die Hausherren inszenieren sich als Dreisterneköche, scheitern aber schon beim Spiegelei.
2. Putzzwang: Mattschwarze Optik blank poliert, bloß kein Störfaktor Lebensmittel im Blickfeld. Nein, hier kocht nicht die Trauerhilfe Denk, die Architektin hat es nur gern ordentlich.
3. Profilneurose: Der zum Connaisseur mutierte Altachtundsechziger schneidet den bei Mondschein geräucherten San-Daniele-Schinken mit einer Aufschnittmaschine aus Gusseisen, die mehr kostet, als die Abwrackprämie für den alten VW-Käfer eingebracht hat.
4. Klaustrophobie: Acht-Quadratmeter-Wohnküche. Zehn Gäste auf neun Stühlen spielen einen Abend lang »Reise nach Jerusalem«. Wie gut, dass Rüdiger, der neue Freund der Gastgeberin, auch noch seinen Collie mitgebracht hat.
5. Fetischismus: Offene Küche, die an einen OP-Saal erinnert. Motto: »Meine Tomate muss sich freuen, wenn sie im zartrauen Schnitt eines frisch gewetzten Messers seziert wird.«
6. Realitätsverlust: »Das schmeckt wie im Restaurant!« Gut, dass keiner den Cateringservice bemerkt hat, der am Hintereingang parkt.
Wer den Kult um die Küche verstehen will, muss zurück zum Ursprung aller Küchen, zur Feuerstelle. Wenn der Ethnologe Wulf Schiefenhövel die Spezies der Zacherls und Lafers im Fernsehen betrachtet, erinnert ihn das an das Gebaren der Hominiden des Pleistozän. »Da spricht uns etwas im Stammhirn an. Diese Sendungen klinken sich in unsere archaischen Bilder des gemeinsamen Speisebereitens am Feuer ein.« Schiefenhövel vermutet, dass wir seit rund 300000 Jahren biopsychisch vom Feuer geprägt sind. In allen Kulturen war die Feuerstelle der Mittelpunkt des Lebens, Spuren davon finden sich bis heute in ihrer zentralen Lage in menschlichen Behausungen.
»Das Konzept des Wohnens ist ja primär ein psychologisches und nicht nur ein bauliches«, sagt Schiefenhövel, der über das Urhaus geforscht hat. Seit mehr als vierzig Jahren besucht der Professor des Max-Planck-Instituts regelmäßig einen Eingeborenenstamm in Papua-Neuguinea. Die Eipo kennen keine Elektroquirls und Eismaschinen. Die Frauen kochen. »Die Männer kommen erst ins Spiel, wenn es um große Zeremonien geht.« Hat sich heute daran wirklich so viel geändert?
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Norm follows function" - die Erfolgsgeschichte der Einbauküche.)
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




Kommentare