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aus Heft 13/2009 Stars

Das erkämpfte Idyll

Gabriela Herpell 

Karriere, Ehe und Kinder unter einen Hut zu bringen: Senta Berger schafft das seit vielen Jahren. Aber wie geht es Frauen, die heute vor der gleichen Herausforderung stehen? Über die Unmöglichkeit eines scheinbar selbstverständlichen Lebensmodells.

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Es ist angenehm, wenn man in München-Grünwald bei einer Villa klingelt und Senta Berger öffnet die Tür: weil sie schön anzusehen ist, weil sie eine besondere Gelassenheit ausstrahlt, weil sie auf einem Tablett ein kleines Frühstück vorbereitet hat: Croissants, Obstsaft, stilles Wasser. Und weil sie klug redet. Ihr Mann steht im Mantel in der Diele und blickt sich suchend um. Die Brille. Sie weiß natürlich, wo sie liegt. Die beiden verabschieden sich mit einem Lächeln und einem Kuss, nach vierzig Jahren Ehe. Sie nimmt das Tablett hoch und sagt in dieser wohlartikulierten Art vieler Schauspieler: »Gehen wir doch ins Wohnzimmer.«

Senta Berger und Michael Verhoeven haben zwei Söhne, Simon, 36, und Luca, 30. Senta Berger hat eine große Karriere gemacht am Theater, im Kino, im Fernsehen. Sie war die Buhlschaft im Jedermann, die Mona in Kir Royal, sie ist die Kriminalrätin Eva Maria Prohacek in der TV-Serie Unter Verdacht, im April spielt sie eine Hauptrolle in Ben Verbongs Kinofilm Ob ihr wollt oder nicht. Michael Verhoeven hat gleich zwei Karrieren gemacht: In den ersten Jahren der Ehe praktizierte er als Arzt, Ende der Sechzigerjahre gründete er zusammen mit seiner Frau die Sentana Filmproduktion und arbeitet seitdem als Regisseur und Produzent.
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Eine erfolgreiche Frau von 67 Jahren, eine glückliche, lang dauernde Ehe, zwei wohlgeratene Söhne – das darf man wohl Glück nennen. Darf man auch die Frage stellen, ob so ein Leben, wie Senta Berger es führt, heute überhaupt noch möglich wäre? Kann es sein, dass die Frauen, vierzig Jahre nachdem sie zuletzt aufgebrochen waren, um sich die Hälfte der Welt zu holen, es kaum noch schaffen, Kinder, Karriere und eine lange Liebe in dem einen Leben unterzubringen?

Sicher, man kann all das dagegenhalten, was in diesem Zusammenhang immer dagegengehalten wird: Nie standen Frauen mehr Wege offen, nie hatten sie mehr Möglichkeiten zu wählen, nie waren sie besser ausgebildet, nie selbstbewusster, selbstständiger, nie erfolgreicher, nie weniger auf einen Mann angewiesen, nie trugen mehr Väter ihre Kinder im Tragetuch herum. Aber: Warum fallen einem außer Senta Berger und Ursula von der Leyen bloß Frauen ein, bei denen irgendwann irgendwas auf der Strecke geblieben ist? Die Liebe, die Karriere oder das Kinderkriegen.

Vor ein paar Wochen stockte einem fast das Herz, als das Foto von Rachida Dati um die Welt ging, der französischen Justizministerin, die fünf Tage nach der Geburt ihrer Tochter, die per Kaiserschnitt zur Welt kam, wieder zur Arbeit ging, fast so dünn wie vorher. Die Botschaft, die Rachida Dati aussandte, versetzte viele Frauen in Schrecken: Wenn du zu deiner Karriere unbedingt noch ein Kind willst, dann bitte so, dass es keiner merkt, dein Chef nicht, deine Untergebenen nicht und deine Figur erst recht nicht. Dein Mann kann es gar nicht merken, denn du hast keinen, du hast nur einen Kindsvater.

Inzwischen, und das ist das Schlimme, neigt sich die Wirklichkeit mehr zu Rachida Dati als zu Senta Berger. Der Druck, unter dem Frauen stehen, ist enorm. In Frankreich, das als leuchtendes Beispiel für die gelungene Vereinbarkeit von Kindern, Karriere und Ehe gilt, noch mehr. Die irische Schriftstellerin Anne Enright, die 2007 den Booker-Preis erhielt, sagt: »Die Französinnen sind unter allen europäischen Frauen am schlimmsten dran: Sie müssen nicht nur hübsche Kinder bekommen und ihnen perfekte Manieren beibringen, im Beruf erfolgreich sein und dabei immer schön aussehen, sie müssen auch noch tolle Gastgeberinnen sein und irre gut im Bett.«

»Ich glaube, ich bin kein typischer Fall für eine Frau, die alles glücklich vereint hat«, sagt Senta Berger. Als ihr älterer Sohn Simon ein Jahr war, haderte sie mit sich: Sie hatte ein Angebot für einen Film in Rom, das hätte zehn Tage Abschied von ihrem Baby bedeutet, und das konnte sie sich nicht vorstellen. Kurt Meisel, der damalige Intendant des Residenztheaters, riet ihr: »Das Kind wird dich als Mutter früher entlassen, als du denkst. Und dann hast du, wenn du jetzt weitermachst, noch einen Beruf, der dich erfüllt.« Er hatte recht, meint Senta Berger, »nun bin ich schon längst entlassen als Mutter, und ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in diesem Jahr«.

Sie nahm das Filmangebot an – und ihre Mutter mit nach Italien, die sorgte für Simon, während sie drehte. So richteten sie sich die folgenden Jahre ein, auch als das zweite Kind, Luca, geboren wurde. Bald lebte auch Senta Bergers Vater mit ihnen in Grünwald. Großeltern, Eltern, Kinder unter einem Dach. Aber es waren immer die beiden Frauen, die den Alltag bewältigten.

»Ich habe es geliebt, nach Hause zu kommen zu der großen Familie, zu den glücklichen Kindern.« So sehr, dass sie jeden Abend nach der Vorstellung des Jedermann in Salzburg mit dem Auto nach München gefahren ist, um ihre Familie zu sehen. Und als das zweite Baby da war, hat sie es mitgenommen in die Theatergarderobe, hat sich nach der Aufführung ins Auto gesetzt und ist zurück nach München gefahren, zum anderen Kind, zum Mann, zur Mutter. »Immer an derselben Stelle wollte Luca gestillt werden, kurz vor Salzburg. Ich habe das sehr genossen – wir beide, in meinem kleinen Auto, auf dem windigen Parkplatz.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Kunst und Schwierigkeit, die Balance zwischen Kind und Karriere zu finden.)
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