aus Heft 15/2009 Gesellschaft/Leben 15 Kommentare
Das No-go-Idyll
Jeder zweite Bewohner im Touristenidyll Kärnten hat vor kurzem die Rechtspartei BZÖ gewählt. Kann man in diesem fremdenfeindlichen Land noch ruhigen Gewissens Urlaub machen?
Von Florian Klenk (Text) Heinz S. Tesarek (Fotos)
Der Schnee liegt noch einen halben Meter hoch auf den Hängen des Mölltals. Wie mit Zuckerguss glaciert wirken die von der Witterung geschwärzten Höfe. Vor dem »Schlosswirt« beäugt eine ausgestopfte Gams die Gäste: Willkommen im Touristenidyll Großkirchheim. 1600 Einwohner, acht Gasthöfe, 45000 jährliche Nächtigungen verzeichnet Peter Suntinger hier am Fuße des Großglockners. »Unsere Besucher«, sagt der Kärntner Bergbauer, »finden bei uns die Wildnis, die Ruhe, die Berge.« Nur eines finden Sie hier nicht: Türken.
Suntinger, ein kerniger, misstrauischer Mann von 43 Jahren, gelernter Holzschnitzer, sitzt auf seiner Eckbank, Eiche rustikal. Wären auf dem Tisch nicht Aktenordner geschlichtet, man könnte fast glauben, er säße am Dorfstammtisch. Doch hier ist das Gemeindeamt von Großkirchheim, und Peter Suntinger ist der Bürgermeister. Er erklärt jetzt seine »Bodenpolitik«.
Suntinger sagt: »Türken bekommen von uns keine Wohnung. Muslimische Kinder dürfen hier nicht zur Schule. Wenn Türken hier Grund kaufen wollen, dann kaufen wir den vorher weg.«
Man müsste solche Sprüche nicht weiter ernst nehmen, hier im hintersten Kärntner Tal. Wäre da nicht dieses enorme Wahlergebnis von Suntingers Partei, das weit über die Grenzen hinaus für Unverständnis sorgt: 45 Prozent gewann das von Jörg Haider aus der FPÖ gelöste »Bündnis Zukunft Österreich« (BZÖ) bei der letzten Kärntner Landtagswahl im März. Das war mehr, als Haider je erreichte.
45 Prozent, das ist nichts gegen den Erfolg Suntingers bei der Bürgermeisterwahl: Fast drei Viertel der Dorfbewohner kreuzten seinen Namen an. »Die Leute hier«, glaubt er, »haben meine Bodenpolitik bestätigt.« Großkirchheim, dieses Dorf ehemaliger Gold-gräber und Bergknappen, ist die Hochburg des rechtsnationalen BZÖ. Als Landtagsabgeordneter zieht Suntinger jetzt ins Landesparlament im 150 Kilometer entfernten Klagenfurt ein.
Weil die Erben Haiders wie Suntinger siegten, schrieben die Zeitungen vom Rechtsextremismus, der sich hier in Kärnten ausbreite. Europas »demokratiepolitischer Schandfleck«, sei dieses Bundesland, in dem voriges Jahr 800000 Deutsche Urlaub machten. Verkommt dieses Urlaubsland – mit seinen 560000 Einwohnern so klein wie Düsseldorf – gar zum alpinen No-go-Idyll?
Fremde sind hier eher nicht willkommen: Das Gemeindeamt des Dorfes Großkirchheim am Fuße des Großglockners
Anzeige
Man könnte, um diese Frage zu beantworten, eine Wanderung auf die Saualm unternehmen. Es gibt dort keine kahlköpfigen Neonazis zu sehen, sondern Kärntner Realpolitik. Hoch oben, wo die Luft nach Nadelholz riecht, befindet sich am Ende eines schmalen Güterweges die sogenannte Sonderanstalt für kranke und kriminelle Flüchtlinge.
Jörg Haider hat die Unterkunft kurz vor seinem Tod erfunden. Tatverdächtige – nicht Verurteilte – sollten dort »konzentriert« werden, wie es Stefan Petzner, Haiders »Lebensmensch«, ausdrückte. Das »gesunde Volksempfinden«, erklärte der heutige Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler, wünsche das. Ganz Kärnten, so die offizielle Wahlkampfparole des BZÖ, solle »tschetschenenfrei« werden. Tschetschenen sind die größte Flüchtlingsgruppe in Kärnten. »Sie können«, sagt Bürgermeister Suntinger, »nur durch Sippenhaftung zur Rechtschaffenheit erzogen werden.«
Solche von Jörg Haider geprägten Sprüche sind ein wichtiger Grund für die BZÖ-Erfolge. Aber nicht nur Xenophobie und der Kult um ihn haben die Partei so beliebt gemacht. Fragt man Peter Suntinger nach dem Wahlerfolg, dann sagt er: »Von mir wird Volksnähe, Bescheidenheit und Härte vorgelebt.« Dann zückt er seinen Autoschlüssel und sagt: »Fahren wir eine Runde durchs Dorf.«
Er startet seinen silberfarbenen BMW X5. Er hat den Wagen zwar erst vergangenes Frühjahr gekauft, doch der Tacho zeigt schon mehr als 70000 Kilometer. Auch das symbolisiert sein Verständnis von Politik: »Ein Politiker muss bei den Menschen sein«, sagt er.
In rollenden Regierungsbüros, staatlich finanzierten Autobussen, fahren Politiker des BZÖ hier bis ins letzte Tal, um Almosen zu reichen. Sie verteilen Bildungsschecks, Heizölschecks, Schulgeldschecks, Benzinschecks – auf jeden ist das Bild irgendeines BZÖ-Landesrats gedruckt. Aber nicht nur im Wahlkampf, sondern 365 Tage im Jahr rollen die Busse. Im Winter verkauft die BZÖ-Regierung sogar billiges Brennholz an Kärntner Mindestrentner, denn, so werben sie, »es wärmt die sozial Schwachen«. An manchen Tagen kann man Hunderte Menschen vor dem Kärntner Landhaus stehen sehen. Sie kommen, um sich Geld abzuholen, das im Rahmen irgendeiner Sozialaktion nach Feudalherrenart überreicht wird. Dabei ist Kärnten schon jetzt eines der am höchsten verschuldeten Bundesländer Österreichs.
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der rote Landesfürst Leopold Wagner prahlte, er sei stolz, Hitlerjunge gewesen zu sein.
Die Leuchte
Das Modul-Regal
Der Eimer
Der Stapelhocker
20 Jahre
Sagen Sie
Perfekter Plan
CUS




09 Uhr 49
Wer behauptet, daß man als Urlauber(in) in der Türkei grundsätzlich freundlich behandelt wird, liegt nur insofern richtig, als daß es auf verwestlichte Touristengegenden wie Antalya zutrifft, im Landesinneren kann es da schnell ein böses Erwachen geben.
Als rechtschaffener SZ-Autor muß man natürlich einer Gegend, die sich dem hiesigen politischen Mainstream gegenüber nicht adäquat verhält, die publizistische Schelle umhängen, ist ja klar. Boykottieren, Ignorieren, Ausgrenzen, verächtlich machen - alles schon mal da gewesen.
11 Uhr 22
vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin es so leid, dass unsere Mitmenschen, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben, wie Feinde behandelt werden. Alles was "anders" ist, ist schlecht. Ich freue mich darüber, wenn ich nicht nur im Urlaub sondern auch zu Hause Vielfältigkeit spüre. Ich möchte in meiner Umgebung keine Menschen haben, die alle gleich sind. Gleiche Autos fahren, gleiche Kleidung tragen, gleiche Haarschnitte haben, die gleiche Meinung haben, etc.
Als ich den Artikel las, hatte ich auch Urlaubskataloge neben mir liegen. Wir wollten unseren Sommerurlaub gerne in Kärnten verbringen. Das haben wir uns nun anders überlegt. Da Fremde von vielen Kärtnern nicht erwünscht sind, zähle ich mich als Deutsche einfach mal dazu. Dann fahre ich lieber in die Türkei, in ein kleines Hotel, wo man schon bei einer Anfrage sehr herzlich behandelt wird.
Ich hoffe, dass diese Menschen, die so fremdenfeindlich eingestellt sind, auch mal solche Erfahrungen machen.
Bitte schreiben Sie weiterhin solche informativen Artikel!
08 Uhr 21
auch ich danke für diesen Artikel und beglückwünsche Sie zu Ihrer Recherche. Das Wissen um kleinste Details aus dem oberen Mölltal ist aussergewöhnlich und in der Tat beeindruckend.
Als hier lebender Ausländer kann ich die xenophobe Grundhaltung der Menschen nur bestätigen. Das bezieht sich aber nicht nur auf Ausländer, bei Bedarf ist eben auch der Österreicher aus der Steiermark oder aus Tirol der Fremde, der bekämpft werden muss.
Geduldet wird nur, wer genug Geld ausgibt und ansonsten "die Fresse hält".
Es handelt sich aber nicht um Nazis im eigentlichen Sinne.
Diejenigen hier, die drei Gehirnzellen mehr haben, begehen ganz gezielte Tabubrüche um beim Fußvolk diejenigen Saiten zum klingen zu bringen, die sich dann in Wählerstimmen umsetzen lassen.
Und das funktioniert sehr gut, weil die meisten hier entsetzlich und abysmalisch ungebildet sind.
Wer hier Fremd ist, hat keine Rechte zu haben.
Gerade noch akzeptiert wird, wenn man zwei Wochen Urlaub hier macht und dann wieder verschwindet - schließlich ist der Tourismus die Hauteinnahmequelle der Region. Wer die Einheimischen im Lift belauscht bekommt allerdings schnell den Eindruck dass sie es vorzögen, man würde einfach nur das Geld überweisen und schlicht zu Hause bleiben.
So schön die Gegend auch ist, man kann nur jeden warnen hier leben zu wollen. Dies gilt insbesondere für das Mölltal. Es sei denn man schaltet sein Hirn ab, entledigt sich sämtlicher Skrupel und "tätert mit".
10 Uhr 12
danke für diesen Artikel!
Sie sprechen mir aus der Seele. Ich bin selber eine geborene Kärnternerin und habe Kärnten schon 1980 verlassen.
Da meine Eltern noch in Kärnten leben, komme ich regelmässig auf Besuch.
Jede Kritik ist nicht erwünscht und ich habe wirklich keine Ahnung, was noch alles passieren muss, damit die Menschen in Kärnten aufwachen!
Da ich zum Glück auch Menschen in Kärnten kenne, die "anders" denken und nicht BZÖ wählen, weiss ich, wie sehr auch diese unter der politischen Situation leiden.
Das Motto ist - "wir sind wir" - die Unerträglichkeit solcher Aussagen machen mich sehr oft ohnmächtig. Es ist so schade, denn das Land ist schön...doch nur eine schöne Landschaft ist nicht genug. Es hat mich auch erheitert, welche Kommentare da kommen. Leider kenne ich dass alles selber und wurde ja auch schon oft als Nestbeschmutzerin betitelt. Dies kann ich aber mit Gelassenheit annehmen.
Auf ein Wunder hoffend verbeliebe ich mit soldarischen Grüßen
Lore Dullnigg
12 Uhr 40
09 Uhr 35
die unverschämte und verleumderische Behauptung, mir würde das politische Klima in Kärnten zusagen, weise ich entschieden zurück! Verschonen Sie mich mit solchen Äußerungen!
Michael Jäger
www.michaeljaeger.tv
15 Uhr 09
Kauft nicht bei Juden! Habt keine Kontakte mit Kommunisten! Handelt nicht mit den Abtrünnigen! Macht keinen Urlaub in Kärnten!
Glaubt man noch wirklich, dass an deutschen Moral- und Wertvorstellungen die Welt genesen muss?
11 Uhr 24
12 Uhr 37
Diejenigen, die hier diese Politik verteidigen sollten so stark sein und über die tieferen Wurzeln ihres Denkens, ihrer Einstellungen nachdenken. Es ist eine Schande, das Nationalismus und Rassismus noch aktiv geglaubt und nach ihnen gehandelt wird.
12 Uhr 07
Allein schon dieser Satz spricht Bände! Der kommunistische Jude als Initiatior der jüdisch-bolschewisitischen Weltverschwörung und Ursache allen Übels, gelle?
Wenn das nicht rechtsradikal ist? Schade eigentlich? Denn in vielen anderen Bereichen schätze ich Österreich. Solche geduldeten Bemerkungen von einem Amtsträger sind für mich ein killing arguement.