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Alphabet der Sexualität 16. April 2009 Noch keine Kommentare

M - Musik

Der neue Buchstabe in unserem Sex-ABC: Wie Joe Cocker unserem Autor einst ein viel versprechendes Date runierte.

Von Max Fellmann 



Es war schrecklich. Ich hatte vor Jahren mal mit einer Frau zu tun, also im, äh, engeren Sinne zu tun, die am Ende eines schönen Abends in ihrer Wohnung, als sich das Geschehen langsam ins Schlafzimmer verlagerte, allen Ernstes eine Joe-Cocker-CD auflegte.

Es sollte ein bisschen nett werden oder auch ein bisschen wild, das war noch offen – und plötzlich röhrte dieser hundert Jahre alte Mann aus der Stereoanlage, er raspelte und grölte, und man konnte im Geiste förmlich sehen, wie ihm beim Plärren der Speichel aus den Mundwinkeln fliegt und wie er ewig mit seinen komischen Armen rumzuckt, was die Fans von Joe Cocker als Ausdruck von Leidenschaft rühmen, während allen anderen klar ist, dass der Mann einfach ein paar Probleme mit den Nerven hat.

Es war, als stünde er direkt im Raum. Jeder Versuch einer Berührung zwischen der Frau und mir wurde von einem gekrächzten „Yeah“ unterbrochen, jeder Kuss ging unter in lautem Cocker-Gegurgel. An Sex war nicht mehr zu denken. Der Abend versandete in Small Talk, und ich sah zu, dass ich noch vor dem letzten „Chchchch…“ von Herrn Cocker das Weite suchte.

Sex und Musik. Schwierige Sache. Es gibt zu diesem Thema ja die schauerlichsten (und langweiligsten) Anweisungen. Zeitschriften, Ratgeberliteratur und Internetseiten überbieten sich mit wahnsinnig geistreichen Tipps. Sanft soll sie sein, die Musik, ein bisschen, höhö, rhythmisch, und ach ja, da gibt es doch Lieder, die sich totaaal anbieten, „I Want Your Sex“ von Salt’N’Pepa oder „Sexual Healing“ von Marvin Gaye, oder halt sonst irgendwas mit „Sex“ im Titel, schnarch. Und bitte immer gern: ein Saxophon. Muss unbedingt dabei sein, das ist angeblich sexy. Finden zumindest Leute, die auch Joe Cocker auflegen, wenn es zur Sache gehen soll.

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Dabei würde ich sagen: Sex und Musik auf einmal, das ist im Grunde sowieso zu viel. Entweder ist die Musik nicht auszuhalten (siehe oben), dann ruiniert sie den Sex (siehe oben). Oder sie ist gut, dann verdient sie Aufmerksamkeit. Auch wieder nicht ideal. Es ist dann ein biss-chen so, als würde man versuchen, zwei wirklich hervorragende Bücher gleichzeitig zu lesen. Sie mögen noch so gut sein: Es geht nicht.

Der Grund könnte sein, dass unser Gehirn immer nur einen Endorphinschub auf einmal verar-beiten kann. Alles eine Frage der Chemie: Neurologen haben längst herausgefunden, dass Musik im Idealfall die gleichen Hirnpartien anspricht wie gutes Essen oder eben Sex. Nach der Begegnung mit dieser Frau damals habe ich also später in ähnlichen Situationen immer darauf geachtet, die jeweiligen Damen gar nicht erst bis zur Stereoanlage kommen zu lassen.
Der Abend hatte übrigens auch etwas Gutes: Ich muss heute noch manchmal an die Frau denken, wenn ich irgendwo Joe Cocker höre. Und das ist mir immer noch lieber, als wenn ich dann jedesmal, genau – an Joe Cocker denken müsste.

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