aus Heft 21/2007 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare
Ein Gespräch über das Wesentliche
Die Schriftsteller Wilhelm Genazino und Annette Mingels unterhalten sich über Liebe, Sex und Älterwerden. Von Tobias Haberl (Interview); Thomas Schuppisser (Fotos)
SZ-Magazin: »Ich liebe dich« – darf man das überhaupt noch sagen oder hat der millionenfache Gebrauch dieser drei Worte ihren Zauber kaputt gemacht?
Annette Mingels: Privat können mich diese drei Wörtchen nach wie vor sehr glücklich machen. »Ich liebe dich«, das hat schon eine Bedeutung. Ich nehme das durchaus ernst.
Wilhelm Genazino: Haben Sie nicht sofort den Verdacht, dass da jemand kalkuliert spricht, wenn Sie diesen Satz hören?
Mingels: Kommt natürlich darauf an, wer ihn sagt. Und in welcher Situation.
Genazino: Also mich würde dieser Verdacht sofort befallen. »Ich liebe dich« – das klingt so überschwänglich, so angestrengt.
Mingels: Trotzdem kann man total überwältigt sein, wenn der Satz in einer alltäglichen, uneuphorischen Situation fällt, wenn er ganz unbeabsichtigt aus jemandem herausplatzt.
Genazino: Für mich hat diese Formel einen bedrohlichen Verwurstungsgrad erreicht. In Texten kommt sie bei mir gar nicht vor. Ich umschiffe diesen Satz, weil ich nicht in die Klischeefalle tappen will.
Mingels: Beim Schreiben bin ich damit auch vorsichtig. Ich glaube, er kommt bei mir nur einmal vor, in Der aufrechte Gang, da sagt ihn ein Mann zu einer Frau, während sie miteinander Sex haben. Sehr konventionell. Aber die Frau entkräftet ihn sofort und antwortet: »Um Liebe geht es nicht.«
Genazino: Es gibt übrigens eine Ausnahme. Wenn ich eine Frau liebe, die keine Schriftstellerin, Geisteswissenschaftlerin oder Philosophin ist, sondern aus dem wirklichen Leben kommt, eine Frau, die den Klischeevorbehalt dieser Formel gar nicht kennt und unsere Debatte hier für überflüssig hält oder gar nicht versteht, dann kann ich diesen Satz ernst nehmen, dann kann ich mich freuen.
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»Die Ereignisse des Liebeslebens sind so belanglos, dass man sie nur mit äußerster Anstrengung auf die Ebene des Schreibens hieven kann«, schreibt Roland Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe. Finden Sie das auch?Genazino: Überhaupt nicht. Das Leben ist nicht dauernd relevant und die Liebe schon gar nicht. Im Gegenteil, bei der Liebe geht es doch gerade um das Belanglose. Zwei Menschen halten es heute nur noch miteinander aus, wenn sie die Alltäglichkeit ihrer Beziehung ertragen und für sich umdeuten können. Wenn sie es schaffen, sich die Belanglosigkeit wenigstens phasenweise einzugestehen. Gelingt ihnen das nicht, trudeln sie in eine Falle und werfen sich ständig gegenseitig vor, wie langweilig ihre Liebe verläuft. Diesen Kampf kann man sehr gut beschreiben.
Mingels: Liebe ist immer etwas Alltägliches, wenn man sie von außen betrachtet, aber für den Einzelnen ist sie trotzdem von enormer Wichtigkeit und immer etwas Exzeptionelles. Dass das Beschreiben von Liebe nicht trivial wird, dafür muss der Autor sorgen, indem er sie nicht vereinfachend darstellt.
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