Innenpolitik | Heft 17/2009

Leben ohne Aussicht

Von Nicolas Richter (Text)  Matthias Ziegler (Fotos)


Der Luftkurort Hauzenberg
Bericht des Bayerischen Innenministeriums, 1. Januar 2009:

»Insgesamt wurden 94 Ausweisungsbescheide gegen islamistische Gefährder erstellt. In 57 Fällen ist der Aufenthalt beendet, in 37 Fällen noch nicht. Wenn eine Ausreise rechtlich nicht durchsetzbar ist, wird der Handlungsspielraum der Gefährder durch konsequente Anwendung des geltenden Rechts so weit wie möglich eingeschränkt.«

Für C. bedeutet das: Die Polizei nimmt ihn im Mai 2005 in Regensburg fest und fährt ihn nach Hauzenberg. Er darf weder Handy benutzen noch Internet oder öffentliche Telefone. Er darf den Ort nur mit Erlaubnis verlassen. Er muss jeden Morgen auf der Polizeiwache unterschreiben. Im neuen Ausländerrecht, das seit 2004 gilt, heißt dies alles »Überwachung ausgewiesener Ausländer aus Gründen der inneren Sicherheit«. Ohne den Terror vom 11. September 2001 hätte es diese Regeln nie gegeben.

Für Bayerns früheren Innenminister Günther Beckstein war der Fall C. ein Exempel. Er nannte ihn nicht Gefährder, sondern »Top-Gefährder«, und er konnte an ihm ausprobieren, was das neue Recht erlaubte. Aber das Gesetz schweigt darüber, wann eine solche Verbannung enden soll, was geschieht, wenn der Verdächtige nicht zäh genug ist, um diese Härte zu ertragen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wie lange also ist der Staat nur konsequent, und wann wird er unerbittlich?
Mouldi C. erfährt über sein weiteres Schicksal aus der Post. Es sind Bescheide der Regierung von Mittelfranken, die alle nordbayerischen Fälle bearbeitet, unterzeichnet von »Münchow, Regierungsrat«. Michael Münchow leitet das Sachgebiet 11 für Ausländer, er tut dies in der Ansbacher Residenz, die als Wiege des modernen Bayern und seines Beamtentums gilt. Münchow, 35, trägt Anzüge mit Einstecktuch und hat auf der Kommode in seinem Büro eine Pickelhaube der bayerischen Infanterie und einen Zweispitz ausgestellt. Münchow ist verschmitzt, aber in der Sache hart. »Wir möchten, dass C., solange dies notwendig ist, in Hauzenberg bleibt. In Regensburg würde er schnell wieder aktiv werden.«

Seit dem versuchten Selbstmord aber muss sich Münchow immer wieder zwei Fragen stellen. »Ist C. krank, oder spielt er nur? Wann könnte es kippen, wann verkraftet er es nicht mehr?« Münchow hat Mouldi C. einmal besucht, um sich ein Bild zu machen. Ausländerrechtler wie er sind nicht leicht zu beeindrucken, weil sich Flüchtlinge immer wieder mit Suizidversuchen gegen eine Abschiebung wehren. Münchow sagt es nicht so, aber man hat den Eindruck, dass er C. für ein Schlitzohr hält, für jemanden, der seine psychischen Probleme benutzt.

Die Behörden hatten den Suizidversuch »untauglich« genannt. Die Kripo hatte herausgefunden, dass die Duschstange C.s Gewicht nicht hätte tragen können, und weil sein »Stöhnen/Rufen« den Zeugen, seinen Zimmernachbarn, aufgeschreckt habe. Der Nachbar widerspricht. »Der wollte das machen«, sagt er. Die Rangelei sei Beweis genug; außerdem hätte er C. gar nicht gehört, wenn er nicht zufällig gerade am Bad vorbeigegangen wäre.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Es ist wie ein Tunnel, und ich sehe kein Licht«.

Zurück zur Innenpolitik - Übersicht | Text weiterempfehlen | Text drucken

Kommentare anzeigen Kommentare (1) anzeigen

WEITERE TEXTE

Philippe Starck:

Design & Wohnen | Design

Philippe Starck: "Dem Design fehlt Idealismus und Moral"

Philippe Starck, einer der bekanntesten Designer der Welt, erklärt, wieso der Beruf des Designers bald überflüssig werden könnte. Von Thomas Bärnthaler weiter

Bauhausmannskost

Design & Wohnen | Essen

Bauhausmannskost

Die Bauhaus-Bewegung hat ungewöhnliche Gerichte kreiert, wie "Isländisch-Moos-Pudding" oder "Nerven-Brot". weiter

Sarah Kuttner

Das Prinzip

Sarah Kuttner

Psychotherapie als Castingshow: Sarah Kuttner schreibt in ihrem neuen Buch über Depressionen im Vokabular der Popkultur. Von Andreas Bernard weiter

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke würde gerne einige Erfindungen auf dieser Welt rückgänggig machen - etwa Mobiltelefone, Religion, Woks und den VfL Wolfsburg. Von Axel Hacke weiter

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger

Die Gewissensfrage

Ist es moralisch vertretbar erst eine gewisse Verantwortung als Trauzeuge zu übernehmen und einige Jahre später die gleiche, aber gescheiterte Ehe als Scheidungsanwalt zu betreuten? Von Dr. Dr. Rainer Erlinger weiter

Schlicht am Ende des Tunnels

Zeichen der Zeit | Mode

Schlicht am Ende des Tunnels

Es hat lang gedauert. Aber nach den Fassaden und Wohnzimmern kommt die kluge Reduktion des Bauhauses jetzt auch in unseren Garderoben an. Von Eckhart Nickel weiter