Innenpolitik | Heft 17/2009

Leben ohne Aussicht

Von Nicolas Richter (Text)  Matthias Ziegler (Fotos)


Mouldi C. im Wald bei Hauzenberg
Änderungsbescheid der Regierung von Mittelfranken, 17. Oktober 2008:

»Sie werden verpflichtet, ab dem 27.10.2008 in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Wunsiedel zu wohnen. Ihre persönlichen Belange werden nicht nennenswert beeinträchtigt. Falls Sie die Pflicht nicht beachten, wird die Regierung die Verpflichtung durch unmittelbaren Zwang vollziehen.«

Eine Zwangstherapie. Aber C. will nicht weg aus Hauzenberg. Er fürchtet die Neonazis, die Wunsiedel unsicher machen, er fürchtet noch größere Einsamkeit. Bei seiner Psychotherapeutin in Waldkirchen und im Sportverein hat er Halt gefunden, und selbst die anfangs erbosten Hauzenberger dulden ihn mittlerweile. Sie haben nie verstanden, warum der Staat den Mann von seiner Familie trennt. Wo die Familie doch den letzten Halt gibt. Wenn er jetzt Nachbarn begegnet, die Obstbäume schneiden oder Holz hacken, sagen sie »Servus« zu ihm. »Servus«, antwortet C.

Seine Depression bringt ihn immer öfter in die Psychiatrie in Mainkofen. Dort befürchtet der Arzt, dass ihn der neue Wohnort vollends zermürben würde. »Es bleibt uns unverständlich«, schreibt er, »wie riskant mit der Gesundheit eines stark depressiven Patienten umgegangen wird.« Ein ewiger Konflikt: Ärzte finden Behörden erbarmungslos, Behörden finden Ärzte naiv. Steiner sagt es so: »Wir nehmen jede ärztliche Diagnose ernst und bewerten sie im Rahmen der ausländerrechtlichen Gesamtsituation, die der Arzt wiederum nicht kennt.«
Am 16. Februar 2009 verbietet der Verwaltungsgerichtshof die Verlegung nach Wunsiedel und rügt die Bevormundung eines Mannes, der seit Jahren mit Maßnahmen überzogen sei: »Behörden ist es grundsätzlich verwehrt, dem Einzelnen vorzuschreiben, was er im Interesse seines Eigenschutzes zu tun hat.« Die Richter billigen C. diese eine Freiheit zu – die Freiheit zur Krankheit.

Von BIRGIT allerdings kann C. keine Nachsicht erwarten. Als es ihm wieder einmal schlechter geht, überweist ihn die Psychotherapeutin sofort in die Mainkofener Psychiatrie. Es ist Freitagmittag, C. erreicht die Regierung nicht, um die Erlaubnis einzuholen. Er hinterlässt eine Nachricht und fährt ins Klinikum. Bald besucht ihn dort die Polizei, es gibt ein Bußgeldverfahren, weil C. gegen die Auflage verstoßen hat. Im Zirkel der BIRGIT hatten sie diskutiert, ob man C. wirklich wegen einer Formalie bis ins Krankenhaus verfolgen sollte. Ministerialrat Steiner aber will jeden Verstoß dokumentieren. Es sind Argumente, um die Isolation fortzusetzen.

Doch irgendwann muss es enden. »Eine permanente, auf Lebenszeit angelegte Unterwerfung widerstrebt der Menschenwürde«, sagt sein Anwalt. Außerdem hält sich C. an die Regeln, mit den Verdächtigen von früher redet er nicht mehr. Aggressiv ist er nur gegen sich selbst. In einem ähnlichen Fall hat ein Gericht gemahnt: Fünf Jahre Isolation sind genug. Ein Richter, der den Fall kennt, findet schon fünf Jahre zu viel, wenn die Familie dabei kaputtgeht. Noch aber bleiben Steiner und Münchow hart. Der Staat ist selbst im Käfig. »Weil man C. anfangs zum Exempel erklärte«, sagt ein Beamter, »kann man sich jetzt keine Blöße geben.«

Das erklärt es nicht allein. Jeder, der über Gefährder entscheiden soll, hat selbst Angst. Jeder fürchtet, dass man ihn in Haftung nimmt, wenn der Gefährder zum Täter würde. »Ich möchte nicht etwas übersehen, was dann schwere Konsequenzen hat«, sagt Steiner. Ein Richter, der mit dem Fall vertraut ist, sagt: »Wer sollte denn davor Angst haben, dass der sich umbringt? Es geht doch darum, dass wir nicht umgebracht werden.«

Jenen, die C. für einen kranken, einsamen Menschen halten, bleibt nur Sarkasmus. »Ich kann nur hoffen«, schreibt der Arzt aus der Psychiatrie, »dass potenzielle Suizidversuche auch weiterhin ›untauglich‹ bleiben werden, um in der Sprache der Behörden zu bleiben.«

Seiten:

zurück erste Seite einen Block zurück (inaktiv) 1 2 3 4 5 einen Block weiter (inaktiv) letzte Seite (inaktiv) weiter

Zurück zur Innenpolitik - Übersicht | Text weiterempfehlen | Text drucken

Kommentare anzeigen Kommentare (1) anzeigen

WEITERE TEXTE

Philippe Starck:

Design & Wohnen | Design

Philippe Starck: "Dem Design fehlt Idealismus und Moral"

Philippe Starck, einer der bekanntesten Designer der Welt, erklärt, wieso der Beruf des Designers bald überflüssig werden könnte. Von Thomas Bärnthaler weiter

Bauhausmannskost

Design & Wohnen | Essen

Bauhausmannskost

Die Bauhaus-Bewegung hat ungewöhnliche Gerichte kreiert, wie "Isländisch-Moos-Pudding" oder "Nerven-Brot". weiter

Sarah Kuttner

Das Prinzip

Sarah Kuttner

Psychotherapie als Castingshow: Sarah Kuttner schreibt in ihrem neuen Buch über Depressionen im Vokabular der Popkultur. Von Andreas Bernard weiter

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke würde gerne einige Erfindungen auf dieser Welt rückgänggig machen - etwa Mobiltelefone, Religion, Woks und den VfL Wolfsburg. Von Axel Hacke weiter

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger

Die Gewissensfrage

Ist es moralisch vertretbar erst eine gewisse Verantwortung als Trauzeuge zu übernehmen und einige Jahre später die gleiche, aber gescheiterte Ehe als Scheidungsanwalt zu betreuten? Von Dr. Dr. Rainer Erlinger weiter

Schlicht am Ende des Tunnels

Zeichen der Zeit | Mode

Schlicht am Ende des Tunnels

Es hat lang gedauert. Aber nach den Fassaden und Wohnzimmern kommt die kluge Reduktion des Bauhauses jetzt auch in unseren Garderoben an. Von Eckhart Nickel weiter