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aus Heft 18/2009 Gesellschaft/Leben 2 Kommentare

Die Welt als Zelle und Vorstellung

Seite 4

Von Heribert Prantl  Fotos: Gianni Occhipinti

Der Sauerkrautkeller von früher heißt heute »BGH« – nicht »Bundesgerichtshof«, sondern »Besonders gesicherter Haftraum«: eine geflieste Großzelle, in der Mitte eine Matte; ein roter Punkt markiert die Stelle, wo der Kopf liegen soll; im Boden verankert die Fesseln. Um zu gewährleisten, dass dieser BGH wirklich nur im extremen Ausnahmefall eingesetzt wird, hat Direktor Koop den »Händchenhalte-Erlass« ausgegeben: Es muss ständig ein Beamter neben dem gefesselten Häftling sitzen. Das verhindert, dass ein Häftling »vergessen« wird. »Manche Leute draußen glauben ja, wir sollten die Gefangenen in der Haft besonders quälen«, sagt Koop. »Aber: Das hilft keinem Opfer.«

Nur sechsmal Hauptalarm pro Jahr – das ist sehr wenig für ein Gefängnis, das (wegen der Untersuchungshäftlinge) auch eine Art Umschlagbahnhof ist. Das hat mit der verblüffend einfachen, aber klugen Vollzugsphilosophie des Gerd Koop zu tun: »Liberal und konsequent«, heißt sie. In vielen Gefängnissen ist es so, dass sich die Gefangenen die Vergünstigungen erst im Laufe der Zeit durch Wohlverhalten verdienen: den Aufschluss, also die Öffnung der Zellen tagsüber; das Telefonieren in der Telefonzelle; Radio und Fernseher in der Zelle, das absperrbare Fach im Kühlschrank auf der Stationsküche. In der JVA Oldenburg gibt es all diese Vergünstigungen von Anfang an. Das ist das Liberale. Und all diese Vergünstigungen fallen sofort weg, wenn etwas vorkommt – zum Beispiel Drogenrückstände im Urin. Das ist das Konsequente. In dieses System gehört auch die Sauberkeit: Die Zellenübergabe wird zelebriert wie eine Wohnungsübergabe. Der Gefangene hat das Recht, jeden Mangel zu rügen und beseitigen zu lassen. Das ist das Liberale. Jede Beschädigung der Zelle wird ihm vom Lohn abgezogen. Das ist das Konsequente.
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Vollzugsplankonferenz – ich bin als »Praktikant« dabei. Vollzugsplankonferenz ist im Knast das, was in der Welt draußen »Mitarbeitergespräch« heißt. Hier im Knast reden die zuständigen Sozialarbeiter, Vollzugsbeamten und Psychologen erst über den Gefangenen, dann mit ihm; und ich bin erstaunt, mit welcher Gründlichkeit dies geschieht. Noch erstaunter bin ich darüber, mit welcher Sprache der Totschläger mit der gebrochenen Nase, der in der Haft neben der Arbeit eine Realschulausbildung macht, über sich spricht: »Schön, dass Sie sich für mich interessieren«, beginnt er das Gespräch und fährt dann fort, dass er »wieder mehr ich« sein und »den geraden Weg gehen« will. Es sind die Sozialarbeiter- und Psychologenphrasen, die er da übernommen hat. Seine Betreuer leugnen das nicht, geben aber zu bedenken, dass dieser Mann zum ersten Mal über sich und seine Probleme reden kann – er hat die Sprache dafür gelernt wie eine Fremdsprache. Die sogenannte Resozialisierung hat so oft mit »Re« nichts zu tun, viele Häftlinge waren nie sozialisiert. Und bei anderen ist die sogenannte Resozialisierung der Versuch, die weitere Desozialisierung zu verhindern.

»Wärter« sagt man landläufig zum Gefängnispersonal. Das ist nicht nur beleidigend, das ist auch grundfalsch. Im Gefängnis arbeiten keine Wärter, sondern Leute mit souveräner Leidenschaft und hoher Frustrationsschwelle. Leute, für die ein Tag gut ist, weil der renitente Gefangene sich endlich ein »guten Morgen« abquetscht. Hier im Gefängnis findet man einen Direktor, der begeistert ist, wenn er Häftlinge vom geschlossenen in den offenen Vollzug übergeben kann. Gerd Koop ist ein Haft-Manager (kein Jurist, sondern Sozialarbeiter mit Management-Ausbildung), der das Gefängnis als »Brücke ins Leben« betrachtet. Auf dieser Brücke steht er wie ein kleiner Franz von Assisi und spricht mit missionarischer Inbrunst. Er ersteigert eine Augenarztpraxis bei Ebay und staffiert eine Arrestzelle damit aus (die Gefangenen brauchen dann nicht in die Stadt »ausgeführt« zu werden, das ist riskant und teuer); er baut für eine Million eine neue Tischlereihalle (die Gefängnisprodukte sollen auf dem Markt bestehen können); er macht aus dem offenen Vollzug
der Gefängnisaußenstelle Wilhelmshaven ein Resozialisierungs-Schmuckstück. Das alles funktioniert auch deswegen, weil die Gefängnisse in Niedersachsen »budgetiert« sind; das heißt: Sie können finanziell weitgehend selbstständig arbeiten. Das beflügelt, das bringt einen neuen Geist in die Gefängnisse.

Wenn Vollzugsbeamte gut sind, behandeln sie die Häftlinge als Staatsbürger hinter Gittern. Die allermeisten Gefangenen bleiben nicht ewig Gefangene. Morgen sind sie wieder unsere Nachbarn. Diese Erkenntnis kann Gefängnisse verändern.

Süddeutsche Zeitung TV zeigt am Sonntag, 3. Mai 2009, um 23.15 Uhr bei VOX die Reportage »Der Knast im Knast – Wie die JVA Oldenburg aus Verbrechern Nachbarn macht«.

Kommentare

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  • Alex Escher (0) Was wollte Herr Prantl durch seinen Bericht mitteilen?

    Er war als Promi-Gast in einer der modernsten Gefängnisse Deutschlands, ging freiwillig, und wurde nicht durch die Mangeln der deutschen Justiz gedreht. Er hat nur beiläufig von seinen Emotionen berichtet, der Rest liest sich wie eine Werbebroschüre für „Schöner Wohnen“. Das hat nichts mit der Realität zu tun, In der Menschen auf Verdacht auf unbestimmte Zeit in Gewahrsam genommen werden, in einer 16m² 4-Mann Zelle, ohne warmen Wasser, ohne Fernseher, aber mit 1x wöchentlichem Duschen mit Drogendealern landen, das normale Leben einen abrupten Abbruch nimmt, und die Familie spätestens nach ein paar Monaten Ade sagt. Der Job ist dann schon lange weg, und die Existenz sowieso. Was bleibt, ist die Entschädigung von 10!!! Euro pro Tag, und das Gefühl nicht nur der Willkür der Justiz ausgeliefert zu sein, sondern auch dem sogenannten Rechtssystem nie mehr vertrauen zu können…
  • Thomas Herwald (0) Heribert Prantl 3 Jahre Staatsanwalt 3 Jahre Richter, war er

    Was hat sich Prantl bei diesem Vorhaben gedacht. War es nur das journalistische Interesse, diesen sog. unwirklichen Selbstversuch zu durchlaufen? war es sein Spannertum?
    Oder Schuldgefühle ausgelöst durch Zweifel die ihn heute einholen.
    Mich würde interessieren Herr Prantl, wie viele male haben Sie als Staatsanwalt abgedrückt und möglicher weise einen Unschuldigen zur Verurteilung gebracht?
    Wie viele male mußten Sie Herr Prantl einen Menschen, bei dem alles schief gelaufen ist was schief laufen konnte, zur Verurteilung gebracht, weil einen Flachmann für 2,50 im REWE mitgehen lassen hat?

    Und wie viele male haben Sie nichts getan einfach nichts getan, als Staatsanwalt, weil es ein CSU – Promi war, obwohl Jedermann wusste, dass was daran ist?