Meinung - Zur Lage der Nation | 29. April 2009

Zur Lage der Nation - von Thomas Bärnthaler

ZUR LAGE DER NATION

Von  Thomas Bärnthaler

Folge 38: Outbreak

Die Schweinegrippe ist in Deutschland angekommen. Medikamente scheinen ganz gut zu helfen. Was aber hilft gegen das Virus der Angst in unseren Köpfen?

Gestern war sie nur in den Nachrichten, jetzt ist sie auch bei uns angekommen: in Regensburg, in Hamburg, in Kulmbach. Nichts kann die Schweinegrippe aufhalten, so scheint es. Mexiko-Reisende haben sie mitgebracht. Der Virus ist auf dem Vormarsch, wie im Film „Outbreak“ bahnt er sich seinen Weg in alle Weltgegenden, befeuert vom weltumspannenden Flugnetz. Er verbreitet Angst und Schrecken: Regierungen stellen Notfallpläne auf, die Börse sackt ab, Flugzeugreisende bewaffnen sich mit Mundschutz und Mediziner raunen vom „Supervirus“ mit apokalyptischem Potenzial. Wie lange wird das Tamiflu reichen?

Doch das H1N1-Virus, so stellt sich mehr und mehr heraus, ist nicht der Killer, für den ihn alle halten. Den deutschen Patienten geht es den Umständen entsprechend gut. Auch die Zahl der Todesfälle in Mexiko wird bereits nach unten korrigiert. Die Welt geht also nicht schon wieder unter. Das ist schön. Das ist beruhigend.

Beunruhigend ist eher, wie sehr uns Nachrichten wie diese im Mark erschüttern. 500 Jahre Aufklärung scheinen wie weggeblasen, wenn der Sensenmann in Gestalt eines wabernden Virus dräut. Es geht ja auch Schlag auf Schlag in diesen finsteren Zeiten. Vor allem bergab. Die Finanzkrise war nur der Anfang. Was die Börsenjongleure nur halb hinbekommen haben, könnte ein Supervirus zu Ende bringen: das Ende der Zivilisation. Den Rest erledigt der Klimawandel, der sich ja auch quasi täglich verstärkt. Es ist ein Wunder, dass überhaupt noch jemand morgens aufsteht, um sein Tagwerk zu verrichten. Ist ja eh für die Katz.
Selten hat sich das kollektive Bewusstsein so in Endzeitszenarien verloren wie in diesen Tagen. Die Panik um H1N1 ist nur ein weiteres Symptom dafür, dass die große Depression nicht nur eine ökonomische ist. Verpufft das Flämmlein der Hoffnung, das Barack Obama vor 100 Tagen angezündet hat? Kein Licht am Ende des Tunnels nirgends.

Man merkt in solchen Momenten, das mit dem Finanzcrash nicht nur ein Geschäftsmodell zerbrochen ist, sondern etwas viel Fundamentaleres: das Vertrauen in unsere Institutionen. Keine Regierung scheint den Geldhunger der Banken stoppen zu können. Kein Wissenschaftler hat eine vernünftige Lösung gegen den Klimawandel. Und wenn das Supervirus kommt, dann ist auch die Medizin mit ihrem Latein am Ende. Eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften – die anpackende, selbstbewusste, kreative Macht der Zuversicht – sie scheint nicht mehr zu greifen.

Gegen Schweinegrippe scheinen Medikamente ganz gut zu helfen. Was aber hilft, gegen das Virus der Angst in unseren Köpfen?

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