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aus Heft 21/2009 Gesellschaft/Leben

Der Mann fürs Leben

Seite 2

Julia Rothhaas und Alexandros Stefanidis (Interview)  Fotos: Joachim Baldauf
Herr Kaine, Sie sind in Philadelphia geboren, haben in New York und San Francisco gelebt. Was haben Sie überhaupt in Stuttgart gemacht?
Kaine:
Ich habe als Pianist beim Ballett gearbeitet. 1961 bekam
ich ein Angebot von Friedelind Wagner, der Schwester von Wolfgang und Wieland Wagner. Sie hatte eine Meisterklasse für Musikstudenten. So verbrachte ich den Sommer in Bayreuth, doch Friedelind ließ uns mitten in der Nacht sitzen und nahm die Gelder mit, die die Studenten ihr für die Zimmermieten gegeben hatten. Über einen Agenten bekam ich später einen Job beim Choreografen John Cranko, dem Balletchef der Württembergischen Staatsoper in Stuttgart.

Mit John Cranko zu arbeiten war sicher großartig, aber in Stuttgart als Homosexueller zu leben war schwierig, oder?
Günther:
Oh ja. Wir erlebten eine Demütigung nach der anderen, vor allem was die Wohnungssuche betraf. Irgendwann hatten wir nur noch Tage, bis wir auf der Straße stehen würden. Da lernten wir die Frau eines Architekten kennen, die eine freie Wohnung hatte. Sie selbst lebte in einem Bungalow. Sie empfing uns in einem goldenen Hosenanzug,
angelehnt an einen weißen Flügel, im Garten schimmerte der Swimmingpool.
Kaine: Sie fragte: "Arbeiten Sie bei der Oper?" Wir antworteten: "Ja." – "Sind Sie Ausländer?" Wir: "Ja." – "Sind Sie ein Paar?" Wir: "Ja." – "Sie dürfen meine Wohnung haben."
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Hat man Sie damals eigentlich je bedroht?
Kaine: Ein Nachbar hat 1962 versucht, uns zu denunzieren.
Günther: Er mochte uns von Anfang an nicht. Unglücklicherweise grenzte seine Wohnung direkt an unsere. Er hat von der ersten Minute an mitbekommen, dass da zwei Homosexuelle wohnen. Er hat jedem Bewohner eine Petition in die Hand gedrückt. Darin stand, dass wir für diese Straße untragbar seien und entfernt werden müssten. Zum Glück hat niemand unterschrieben.

Wussten Ihre Familien von Ihrer Beziehung?
Günther: Ich dachte, meine Mutter wüsste längst, dass ich homosexuell bin. 1961, da war ich 26 Jahre, besuchte mich Alfred, ich wohnte im Dachgeschoss meines Elternhauses. Die Wände waren wohl sehr hellhörig. Am nächsten Morgen sagte nämlich meine Mutter zu mir: "Ich wünschte, du lägest tot vor mir auf der Erde, dann könnte ich wenigstens weinen." Und mein Vater meinte: "Wenn ich mir vorstelle, was du tust, dann ekelt es mich so, dass ich dich nicht mehr berühren will. Du solltest die Stadt verlassen und deinen Namen ändern."

Und? Sind Sie gegangen?
Günther: Ja, ich hatte drei Jahre lang überhaupt keinen Kontakt zu meinen Eltern.
Kaine: Sie müssen wissen: Ich bin Jude. Und Johns Vater nannte mich damals die jüdische Rache am armen deutschen Volk.
Günther: So fing unser gemeinsames Leben an.

Haben Sie sich mit Ihrer Familie irgendwann versöhnt?
Günther: Ja, aber der Bruch war bis zuletzt spürbar. Keiner hat sich bei mir entschuldigt. Meine Mutter hat sich sogar bis zum Schluss für mich geschämt. Sie hat den Pastor, der sie in den Tod begleitet hat, so gegen Alfred aufgebracht, dass er ihm bei ihrer Beerdigung nicht einmal die Hand gegeben hat.

Und wie war das mit Ihrer Familie, Herr Kaine?
Kaine: Meine Mutter war schon tot, und mein Vater hat sich mit meinen Freunden, die er kennenlernte, gut verstanden.

Damals, Anfang der Sechzigerjahre, gab es ja noch keine schwule Community. Wie sah Ihr Alltag zu der Zeit aus?
Günther:
Wir haben uns nie versteckt. Es gab viele homosexuelle Paare, die beispielsweise im gleichen Haus zwei Wohnungen nebeneinander hatten und eine Wand durchbrachen, um zusammen leben zu können. Solche Dinge erleben wir bis zum heutigen Tag.
Kaine: An unserer Wohnung standen vom ersten Tag an beide Namen am Klingelschild. Das wissen ja viele heute gar nicht mehr: Bis 1969 sind 140 000 Männer wegen des Paragrafen 175 verurteilt worden, Homosexualität wurde mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. 1969 ist der Paragraf erst entschärft worden und galt noch bis 1994 für Sex mit Männern unter 18 Jahren.
Günther: Wenn ein Mann damals den Mut oder viel mehr die Verzweiflung hatte, in eine Bar für Homosexuelle zu gehen, dann zitterte er jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete: Ist das die Polizei?

Haben Sie je eine Razzia mitbekommen?
Günther: Nein. Wir hatten immer Glück.

In Ihrer Jugend in den Fünfzigerjahren galt Spießigkeit als Tugend. Hatten Sie Angst, als Sie merkten, Sie sind nicht heterosexuell?
Günther: Ich habe mit 13 meine erste sexuelle Erfahrung gemacht, das aber nie als »anders« begriffen. 1949 wollte ich wissen, was mit mir los sein könnte, und habe im Brockhaus unter dem Begriff »Homosexualität« nachgeschlagen. Dort las ich: »Unzüchtige, abartige Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts« und begegnete dort auch zum ersten Mal dem Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch. Das bedeutete: Ich war von Natur aus kriminell. Ich war fassungslos. Die Zahl 175 ist seither meine Horrorzahl. Einmal bekam ich beim Kauf eines Handys die Vorwahl 0175. Das ging gar nicht.

Wie war das bei Ihnen, Herr Kaine?
Kaine: Ich wusste schon als kleiner Junge, dass ich homosexuell bin. Ich hatte einen Freund, Robby. Wir liebten uns. Wir dachten, wir wären die Einzigen auf der Welt, die nicht normal sind. Mit 16 Jahren habe ich mir dann gesagt: Ich bin kein Mensch zweiter Klasse.
Günther: Alfred war so mutig. Ich hingegen leider gar nicht. Das Doppelleben hat mich damals deformiert: Zum einen hatte ich tobende Lust auf Sex mit Männern, zum anderen große Angst und Schuldgefühle. Alfred hat mir erst später den aufrechten Gang beigebracht.

Woher kam Ihr Selbstbewusstsein?
Kaine: Natürlich habe ich mich manchmal ausgestoßen, allein und schäbig gefühlt, aber ich bin ja nicht der einzige Homosexuelle auf der Welt. In unserer Familie wurde in fiesester Weise von Schwuchteln und Tunten gesprochen. Homosexuelle waren fragwürdige und verdorbene Charaktere. Trotzdem war ich schnell überzeugt, dass es nicht mein Problem ist, was die Menschen dachten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was die beiden von den Politikern Klaus Wowereit und Guido Westerwelle halten.
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