Stil leben | Design | Heft 21/2009

Das Ende der bewährten Praxis

Bisher sah es beim Arzt aus wie...na ja, eben wie beim Arzt. Neuerdings aber glänzen medizinische Einrichtungen gern mit Einrichtung. Und dabei geht es um weit mehr als nur um Imagepflege.

Von Kerstin Greiner und Werner Bartens 


Als Thomas Pröbstle, Medizinprofessor in den besten Jahren, seine Praxis für Dermatologie und Venenheilkunde in Mannheim eröffnen wollte, stellten sich ihm viele Fragen, zum Beispiel: Kriegt die Praxis Klinikstatus – schließlich wollte er operieren. Würden die Patienten wegen seines Spezialgebiets zu ihm kommen, der Venenheilkunde, aber auch wegen ästhetischer Behandlungen? Und: Könnte der Boden einen Hauch von Glitzer vertragen?

Am Ende hat sich Pröbstle, 44, gegen den glitzernden Boden entschieden. Trotzdem sieht seine Praxis anders aus, als man es gewöhnt ist: ohne Yuccapalmen, Monet-Kunstdrucke, Plakate mit Geschwüren in allen Stadien, speckige Lesezirkel-Magazine, Legokisten, Latschen an den Füßen der Arzthelferinnen. Stattdessen nimmt eine strahlende Mitarbeiterin dem Patienten den Mantel ab und lässt ihn seine Daten in ein Computersystem eintragen, das fortan etwa weiß, welches Getränk er am liebsten trinkt, während er draußen auf der Terrasse an der Kaffeebar unter Olivenbäumen und Sonnensegeln wartet. Oder drinnen in der Praxis, die aussieht wie der Flagshipstore einer berühmten Modemarke: Loungeartige Sitzgruppen, Flachbildschirme, farbige Lichteinfälle, entworfen vom Wiener Architekturbüro Döllmann, das sich in den letzten Jahren einen Namen auf dem Gebiet der »Medical Architecture« gemacht hat.

BILDERGALERIE

Zentrum für Orthopädie und Sportmedizin Dr. Müller-Wohlfahrt in München (Foto: Thomas Weinberger)

Mit seiner Praxis gehört Pröbstle zu einer neuen Generation von Ärzten, die ihre Arbeitsräume so neu, so bemerkenswert gestalten lassen, dass sie in Architekturzeitschriften und Designbüchern abgebildet werden. Zu den neuen Superpraxen zählt die Radiologie Wittlinger, Hahn, Stern in Schorndorf bei Stuttgart mit raumhoch gepolsterten Wänden und weißen Sitzinseln; die kardiologische Praxis Levenson, Albrecht, Eisenhut in Berlin-Charlottenburg, tiefrot gestaltet wie ein Blutgefäß; die chirurgische Praxisklinik Goethe 10 in Frankfurt, wo die in Acrylplatten eingefrästen Wandverzierungen im Stile alter Gobelins einen Hinweis darauf geben, dass hier Feinstarbeit geleistet wird; oder die kathedralenartigen Räume des FC-Bayern-Orthopäden Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Die hat der Brite David Chipperfield entworfen, der sonst eher mit Großprojekten wie der Neugestaltung der Berliner Museumsinsel beauftragt wird. Für Müller-Wohlfahrt hat sich Chipperfield einen Medizin-Dom mit hohen Hallen und reduzierter Einrichtung ausgedacht; das alles passt gut zur alterslosen Haut und zum dynamischen Schritt des »Mul«, wie die Patienten den Arzt mit der Poppermähne nennen. Seine Praxis könnte der Mul ebenso gut als Galerie vermieten.

Bisher galten Ärzte nicht gerade als besonders stilsicher; viele Mediziner fielen eher durch schlechte Witze über Ulla Schmidt, protzige Uhren oder zu rote BMWs auf. Die Einrichtungen stammten oft von Pharmafirmen oder Berufsverbänden und ähnelten einander wie Eckkneipen, die auch immer von derselben Brauerei ausgestattet werden.
Warum also sehen Praxen plötzlich aus wie Lobbys von Designhotels?

Weil sich Menschen viel mehr Gedanken um ihre Gesundheit machen, seit die Wellness-Industrie den Körper so stark in den Mittelpunkt gerückt hat. Zum Arzt geht nicht nur, wer krank ist, sondern wer gesund bleiben und sein Wohlbefinden steigern will. Das aber kostet Geld, das die Krankenkassen meist nicht bereit sind zu erstatten. Viele Leute aber schon: Heute zahlen die Deutschen fast 14 Prozent ihrer Ausgaben für Gesundheit selbst, im Jahr 2015 werden es nach Berechnungen schon 30 Prozent sein. Natürlich auch deshalb, weil viele gesetzliche Krankenkassen ihre Leistungen ausdünnen und sich die Menschen ihre Gesundheitsversorgung wie ein Baukastensystem aus privaten und gesetzlichen Versicherungen zusammensetzen und hohe Selbstbeteiligungen für niedrigere Beiträge sorgen.
Deshalb achten wir viel mehr als früher darauf, welche Ärzte und Behandlungen wir wählen, und vergleichen die Praxen schon im Internet. In den USA zum Beispiel steht das Stöbern nach Informationen über die Gesundheit bereits auf Platz drei der beliebtesten Beschäftigungen im Netz, nach Onlineshopping und dem Lesen der Weltnachrichten.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Ärzte von Halbgöttern zu Unternehmern werden.)

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