Meinung - Zur Lage der Nation 09. June 2009 9 Kommentare
Folge 40: Die Chaos-Theorie
Die Sendung "Comedystreet" auf ProSieben (Dienstag 23:15 Uhr) ist die Punk-Version von "Die versteckte Kamera". Simon Gosejohanns völlig schmerzfreie Attacken auf Passanten zeigen, wie überfordert, verzagt und humorlos der Durchschnittsbürger durchs Leben geht.
Unter den vielen mittelmäßig lustigen Sendungen im deutschen Fernsehen gehört Comedystreet zu den lustigsten. Warum? Sie bringt mich zum Lachen UND zum Nachdenken. Über das Leben, vor allem aber über mein Volk, meine Mitbürger, die Deutschen. Ich bin sicher, der Produzent hat das nicht im Geringsten beabsichtigt – die Sendung läuft auf ProSieben – aber es ist nun mal so.
Ein paar Beispiele (und dazu gleich ein Film): Simon Gosejohann trägt eine weiße Radlerhose, unter der sich ein zirka 40 Zentimeter langes halb erigiertes Glied abzeichnet, das er genüsslich kratzt, während er Touristen auf dem Marktplatz anspricht.
Simon Gosejohann stürmt im Anzug auf ein Rentnerpärchen zu und unterstellt ihm, „Ich hasse euch alle, ihr Wichser!“ ans örtliche Arbeitsamt geschmiert zu haben.
Simon Gosejohann setzt sich im Strahlenschutzanzug auf eine Parkbank, in der Hand einen Silberkoffer mit Radioaktivzeichen, aus dem er mit viel
Fingerspitzengefühl ein Wurstbrot herausfingert.
Simon Gosejohann stürmt in Polizeiuniform auf zwei deutsche Hausfrauen zu, zitternd vor Angst, sich hektisch umsehend und gestehend, sich nicht nur verlaufen, sondern auch Angst zu haben, weil die Gegend einen üblen, ja gefährlichen Eindruck auf ihn mache.
Das alles ist komisch, weil der Hauptdarsteller keine Schmerzgrenze kennt. Erschreckend dagegen sind die Reaktionen der Menschen. Die meisten reagieren nämlich gar nicht. Sie drehen den Kopf weg, sie schauen starr geradeaus, manche tuscheln, manche verstummen. Alle wirken sie überfordert und hilflos, verzagt und humorlos. Nie lacht sich einer schlapp, nie empört sich jemand, schreitet ein, wird stutzig, setzt dem absurden Geschehen irgendetwas Entschiedenes entgegen.
Das alles sind Menschen, die mein Leben mitprägen, die meine Regierung
wählen, die die Atmosphäre, in der ich lebe, beeinflussen. Es ist traurig zu
sehen, was für ein verzagtes, leidenschaftsloses, ängstliches Volk wir
Deutschen zu sein scheinen, ganz nach innen gekehrt, manipulierbar fast, als könnte man alles mit uns anstellen, als würden wir alles hinnehmen und runterschlucken.
Die Fragen, die sich mir jedes Mal wieder stellen, sind: Hinterfragen wir zu
wenig? Wehren wir uns zu wenig? Sind wir zu unkritisch? Zu unsicher? Wollen wir unser Leben mitgestalten oder nur dumpf wegschauen, wenn direkt vor unseren Augen Ungeheuerliches passiert? Denn das sind ja nur in dieser Sendung große Geschlechtsteile und ängstliche Polizisten, im Leben aber oft ungerechte, empörende und traurige Dinge.
Fotos: Guido Ohlenbostel/ProSieben
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Worum geht es? Die Sendung dreht sich von der ersten bis zur letzten Minute um einen durchgeknallten Typen namens Simon Gosejohann. Der erregt auf alle möglichen Art und Weisen öffentliches Ärgernis, in irgendeinem Busch sitzt ein Kamerateam und filmt die Reaktionen der umstehenden Menschen. Das Ganze funktioniert wie „Die versteckte Kamera“, nur ohne Frank Elstner und in lustig. Ein paar Beispiele (und dazu gleich ein Film): Simon Gosejohann trägt eine weiße Radlerhose, unter der sich ein zirka 40 Zentimeter langes halb erigiertes Glied abzeichnet, das er genüsslich kratzt, während er Touristen auf dem Marktplatz anspricht.
Simon Gosejohann stürmt im Anzug auf ein Rentnerpärchen zu und unterstellt ihm, „Ich hasse euch alle, ihr Wichser!“ ans örtliche Arbeitsamt geschmiert zu haben.
Simon Gosejohann setzt sich im Strahlenschutzanzug auf eine Parkbank, in der Hand einen Silberkoffer mit Radioaktivzeichen, aus dem er mit viel
Fingerspitzengefühl ein Wurstbrot herausfingert.
Simon Gosejohann stürmt in Polizeiuniform auf zwei deutsche Hausfrauen zu, zitternd vor Angst, sich hektisch umsehend und gestehend, sich nicht nur verlaufen, sondern auch Angst zu haben, weil die Gegend einen üblen, ja gefährlichen Eindruck auf ihn mache.
Das alles ist komisch, weil der Hauptdarsteller keine Schmerzgrenze kennt. Erschreckend dagegen sind die Reaktionen der Menschen. Die meisten reagieren nämlich gar nicht. Sie drehen den Kopf weg, sie schauen starr geradeaus, manche tuscheln, manche verstummen. Alle wirken sie überfordert und hilflos, verzagt und humorlos. Nie lacht sich einer schlapp, nie empört sich jemand, schreitet ein, wird stutzig, setzt dem absurden Geschehen irgendetwas Entschiedenes entgegen.
Das alles sind Menschen, die mein Leben mitprägen, die meine Regierung
wählen, die die Atmosphäre, in der ich lebe, beeinflussen. Es ist traurig zu
sehen, was für ein verzagtes, leidenschaftsloses, ängstliches Volk wir
Deutschen zu sein scheinen, ganz nach innen gekehrt, manipulierbar fast, als könnte man alles mit uns anstellen, als würden wir alles hinnehmen und runterschlucken.
Die Fragen, die sich mir jedes Mal wieder stellen, sind: Hinterfragen wir zu
wenig? Wehren wir uns zu wenig? Sind wir zu unkritisch? Zu unsicher? Wollen wir unser Leben mitgestalten oder nur dumpf wegschauen, wenn direkt vor unseren Augen Ungeheuerliches passiert? Denn das sind ja nur in dieser Sendung große Geschlechtsteile und ängstliche Polizisten, im Leben aber oft ungerechte, empörende und traurige Dinge.
Fotos: Guido Ohlenbostel/ProSieben
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02 Uhr 17
Was man zu sehen bekommt, sind ein-minuetige Spektakel, die soweit von jeder Erfahrung entfernt sind, dass man sie gar nicht in so kurzer Zeit zuordnen kann. Meist sind sie ungefaehrlich fuer alle Beteiligten; warum sollte man dann einschreiten? Besser, man sieht einfach zu, und versucht mental zu entscheiden, ob hier das verrueckte Leben spielt oder eben ob doch irgendeine Verarsche am Werk ist. Und ich bin sicher, genau das passiert in den Koepfen der meisten Beobachter.
Ich wuerde es schlimmer finden, wenn die Beobachter in der Lage waeren, innerhalb von 30 Sekunden eine Reaktion an den Tag zu legen, die in irgendeiner Form extremer waere, als eben das konsternierte danebenstehen - denn in dieser Geschwindigkeit eine "angemessene" Reaktion auf eine Verhaltensweise zu finden, die absolut neu ist, kann eigentlich nur zu Fehlreaktionen fuehren.
In diesem Sinne halte ich diese Filme eher fuer eine Reklame fuer die Deutschen: eben nicht uebertrieben zu reagieren, sondern gutmuetig die Verrueckten die Verrueckten sein lassen. Ist doch gut, sowas!
23 Uhr 48
Ihr seit ein Teil dieser großen Gesellschaft und wisst selbst (ich gehe mal davon aus die meisten von euch haben eine ausgeprägtere Bildung) wie unterschiedlich wir Menschen sind. Und nur weil manche es nicht lustig finden, heisst das nicht das man es deswegen anderen verbieten oder wegnehmen sollte. Denn das ist ja das schöne: Jeder hat ne Fernberdienung mit einem Umschaltknopf (oder zwei oder noch mehr). Ich geb euch ein für euch schockierendes Beispiel wen ich nicht lustig finde und das sind keine Namen die ich nur nenne weil ihr die Zielgruppe seit: Loriot, Harald Schmidt, Helge Schneider (gut, sind viele der Meinung), diesen Jakobs-Weg Fuzzi und seine Alter Egos.
08 Uhr 14
Daß es negative Propaganda ist, ist doch heutzutage egal. Hauptsache, man wird beachtet.
(Eigentlich dürfte man ja ohnehin gar kein Fernsehen mehr schauen.
Mal von wunderbaren - sicherlich sehr zeitintensiven und im Endeffekt nur 45-min langen - Dokumentationen abgesehen.)
11 Uhr 37
Aus diesem Grund vermute ich auch, daß die Kameraleute um Goosejohann ziemlich viel Zeit investieren, bis sie etwas Vorzeigbares "im Kasten" haben, denn die meisten Zuschauer bei solchen Szenen werden kaum interessante Reaktionen zeigen.
Es ist in meinen Augen ein weiterer Versuch in der Reihe, krampfhaft neue Formate zu entwickeln, um Zuschauer an die Glotze zu binden und Werbung verkaufen zu können.
Es gibt sicher Zeitgenossen, die sich an diesen Filmschnipseln erheitern können.
Warum auch nicht - wer's mag, mag's mögen.
Mittelfristig wird dieses Format sicher kaum erfolgreich sein.
07 Uhr 15
Meine Devise lautet eigentlich: Wer seinen Humor verliert, hat nie
welchen gehabt.
Aber selbst Humor hat Grenzen.
Unser Alltag ist voll von Humor, ohne dass man hergehen müsste, ihn in einer Punk-Version zu präsentieren,oder sollte man besser
sagen, zu provozieren.
Da gefällt mir die Version "Alfons" wesentlich besser.
Das ist Humor, der nicht verletzt.
Zum anderen, wer nichts zu lachen hat, lässt sich auch mit den per-
fidesten Mitteln kein Lachen entlocken.
Und im Moment gefallen sich die Medien in weiten Teilen darin, die
Menschen in Panik zu halten.
Gerade in den privaten Sendern werden Nachrichtensendungen doch
nicht mit den wichtigen sondern zunächst mit der gruseligsten Nach-
richt eingeleitet.
Zum Glück läuft diese "Comedy-Street" zu so später Stunde.
21 Uhr 35
15 Uhr 37
Hat man das Glück in Deutschland mal etwas Reallife Comedy auf der Straße erleben zu dürfen, findet sich meistens ein schmunzelnder Verbündeter, der die Szenerie ebenfalls zu würdigen weiß.
Humor ist nicht unbedingt ein teutonisches Steckenpferd, aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen: auch hier wird von Zeit zu Zeit das Zwerchfell animiert. So gerne ich auch auf der Republik herumhacke, diese Sendung trägt nicht dazu bei, intensiver dieser Leidenschaft zu fröhnen. Ein normale Fahrt in vollbesetzten öffentlichen Verkehrsmitteln ist viel, viel erschütternder. Und der dort verbreitete Mismut ist sogar noch ansteckend.