aus Heft 25/2009 Stil leben Noch keine Kommentare
Die Reise des Königs
Ein verblüffender Beitrag zur Völkerverständigung: Die Bewohner der Osterinsel wollen eine ihrer berühmten Steinstatuen nach Europa schicken.
Von Ivonne Fehn Fotos: Mazen Saggar, Antoine Jarrier
Wenn es um die Reise des Moai geht, findet Edgard Hereveri große Worte: »Der Moai lehrt uns, dass der Mensch sich umbringt, wenn er die Natur zerstört. Er ist für uns keine bloße Steinfigur, der Moai wird die Bewohner der Osterinsel mit der Welt verbinden.« Hereveri, Leiter der Tourismusbehörde, sagt auch: »Je länger man nachdenkt, desto klarer wird, dass die Geschichte der Osterinsel zugleich die Geschichte der Menschheit ist.«
Vermutlich hat er recht, denn weshalb sonst sollte man sich die Mühe machen, eine dieser berühmten, zerbrechlichen, tonnenschweren Steinstatuen mehr als 15 000 Kilometer zu transportieren – von der Osterinsel nach Paris? »Von der Osterinsel träumt jeder, aber die wenigsten kommen hin«, sagt Pietro Beccari, Kommunikationschef des französischen Unternehmens Louis Vuitton, das die Reise des Moai nach Paris finanziert.
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Eine spröde Vulkaninsel, ein Drittel so groß wie Ibiza, der südöstlichste Ausläufer Polynesiens. Rapa Nui, wie die 4900 Bewohner sich selbst, ihre Sprache und ihre Heimat nennen, ist die abgelegenste Insel der Welt, auf der Menschen leben: fünf Flugstunden nach Osten zum Mutterland Chile, sechs im Westen bis Papeete, Tahiti; als Nachbarn die Pitcairn-Inseln mit 50 Nachfahren der Bounty-Meuterer, 2500 Kilometer entfernt. Rapa Nui ist kein Südseeparadies, gibt es nur Steppe und Klippen. Und immer mehr Touristen.
Sie kommen, um über 900 Moai zu staunen; wuchtige Steinfiguren mit eckigem Schädel und markantem Kinn, die die polynesischen Ureinwohner auf der Insel hinterlassen haben. Die Moai wurden zwischen 900 und 1600 nach Christus aus dem Tuffsteinbruch am Krater Rano Raraku gemeißelt, mehrere hundert von ihnen warten unvollendet in Nischen am Hang, andere sind hinabgerutscht und stehen bis zum Ohrläppchen eingesunken schief im Gras.
Die restlichen Moai liegen über die Insel verstreut; man muss nur stundenlang über die knirschenden Grasmatten wandern, durch wilde Lupinen, deren Samenkapseln bei jeder Berührung wie Klapperschlangen rasseln, und vorbei an Pferden ohne Halfter, die sich zu Tausenden überall auf der Insel frei bewegen; dann taucht immer wieder ein Moai auf, versteckt zwischen Guave-Büschen. Die wenigsten Moai stehen aufrecht.
»Arenga ora ata te puna«, lebendiges Gesicht der Ahnen, werden die Moai auch genannt. Offenbar stellten sie Bildnisse von Herrschern und Kriegern dar und wachten über die Dörfer. Aufgereiht auf steinernen Sockeln, den »Ahu«, bildeten sie einen fast vollständigen Ring um die Insel.
»Wir konnten nicht verstehen, wie Menschen, die weder über dicke Holzbalken zur Herstellung irgendwelcher Maschinen noch über kräftige Seile verfügten, dennoch solche Bildsäulen aufrichten konnten«, schrieb Jacob Roggeveen, Admiral eines niederländischen Handelsschiffes, an Ostern 1722 in sein Tagebuch; er nannte den seltsamen Ort Osterinsel und reiste nach vier Tagen wieder ab. Auf die Frage, die er sich stellte, gibt es auch 287 Jahre später keine einheitliche Antwort.
Sobald ein Moai Augen aus weißer Koralle und schwarzem Obsidian eingesetzt bekommen hatte, verfügte er über »Mana«, eine spirituelle Energie. Der Überlieferung nach soll sie die Moai befähigt haben, allein vom Steinbruch zu den Sockeln zu laufen.»Mana, das ist eine natürliche Kraft, die das unendliche Universum verkörpert und uns erlaubt, die Welt zu verändern«, erklärt Pedro Edmunds Paoa, bis vor Kurzem Bürgermeister der Rapa Nui.
Er pflegt eine enge Verbindung zu seinen Ahnen und bedauert, dass sein iPhone nur in Hanga Roa, dem einzigen Ort der Insel, Empfang hat. Gemeinsam mit Edgard Hereveri, dem Leiter der Tourismusbehörde, ist Paoa nach Paris gereist, um den richtigen Platz für den Moai zu finden: die Tuileriengärten des Louvre. Mit der Ausstellung möchten die Rapa Nui die Einzigartigkeit ihrer Kultur unterstreichen.
Von den vielen Theorien, die Wissenschaftler und Abenteurer über die Osterinsel verfassten, ist die des amerikanischen Geografen und Pulitzerpreisträgers Jared Dia-mond am populärsten. In seinem Bestseller Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen schrieb er 2005 vom Ökozid auf Rapa Nui: Die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen führte die Statuenbauer vor rund 400 Jahren in den Untergang.
Glaubt man dieser These, dann ereignete sich auf Rapa Nui ein moderner Sündenfall – die Vertreibung des Paradieses durch den Menschen. Die Rapa Nui rodeten für ihren Figurenkult alle Palmenwälder, die einst auf der Insel wuchsen, um die Statuen vom Steinbruch bis zu ihren Sockeln zu transportieren; Erosion, Hunger, Bürgerkrieg und Kannibalismus folgten. Diamond nennt es ein Lehrbeispiel für das, was uns angesichts der Klimaerwärmung bevorstehen könnte. »Es war nicht so einfach, wie Diamond und andere Forscher es hinstellen«, sagt dagegen Claudio Cristino, Direktor des Instituts für Ozeanografie der Universität von Chile.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der größte Arbeitgeber für die Einwohner ist das Sorgenkind der Archäologen.)
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