Gesellschaft/Leben | Heft 27/2009
Fehlt hier nicht was?
Landwirtschaft. Da ging es doch mal um Ackerbau und Tiere. Aber die Zeiten werden härter, nichts ist mehr, wie es war. Und nirgends lässt sich das besser beobachten als am Beispiel eines Austragshauses: Hier leben die Altbauern - und müssen mit ansehen, wie sich die Welt um sich herum verändert.
Von Max Fellmann (Text) Robert Voit (Fotos)

Auf einmal waren sie keine Bauern mehr. Nach 40 Jahren harter Arbeit war Schluss für die Holzers, acht Jahre ist das jetzt her. Wenn Hans Holzer heute am Fenster sitzt, kann er ungefähr die Hälfte von dem sehen, was einmal sein Reich war: das Haus, in dem er all die Jahre gelebt hat, und ein Stück vom Stall, in dem früher die Kühe standen. Dahinter einen Teil der Wiesen, auf die er im Sommer mit dem Traktor gefahren ist, Tag für Tag. Hans Holzer sieht von seinem Austragshaus aus eine Welt, die sich in nur wenigen Jahren völlig verändert hat.
Aufhofen, Gemeinde Egling, eine halbe Stunde Fahrt südlich von München. Hier, ein paar hundert Meter vor dem Ortseingang, liegt der Brunthaler Hof, 1913 erbaut, benannt nach einer kleinen Senke direkt hinterm Haus, dem Brunthal. Überschaubar: vorn ein Wohnhaus, grüne Fensterläden, Geranien am Balkon, an der Fassade zwei Heiligenfiguren. Hintendran ein kleiner Stall, im rechten Winkel eine Scheune samt Geräteschuppen. Daneben das Austragshaus, 55 Quadratmeter auf zwei Stockwerken, die gleichen grünen Fensterläden, der erste Stock mit Holz verkleidet. Dazu zwölf Hektar Wiesen und drei Hektar Wald. Kein Prachthof, aber auch kein ärmlicher Hof, seit 1960 in dritter Generation bewirtschaftet von Hans und Rosina Holzer. 2001 übergeben an die Tochter Helene. Seitdem leben die Holzers im Austragshaus.
Das Austragshaus, oft auch Zuhaus genannt, ist eigentlich eine schöne Idee: Im Ruhestand leben die Altbauern weiter auf ihrem Hof, Kinder und Enkel gleich nebenan; die Eltern helfen den Jungen, und wenn sie nicht mehr können, helfen die Jungen den Eltern. Aber das Austragshaus ist mehr. Es ist ein Symbol, eine Erinnerung an eine Zeit, in der Bauern noch nicht gegen die Regierung und gegen die EU demonstrierten, weil die Milchpreise im Keller sind, weil sie von ihren Einnahmen nicht mehr leben können, weil die Viehhaltung sich nicht mehr rentiert.
Bis dahin hatte es auf dem Hof 19 Milchkühe gegeben, dazu noch mal so viel Jungvieh, zur Nachzucht. Den Stall hatten die Holzers nie auf den neuesten technischen Stand gebracht, immer fehlte das Geld, es gab keine Förderbänder, keine automatische Entsorgung, also: Futter mit der Schubkarre rein, Mist mit der Schubkarre raus, jeden Morgen, jeden Abend, auch am Wochenende, auch an Feiertagen. Die Tiere gaben den Takt des Lebens vor, den Rhythmus des Alltags.
Warum sich die Arbeit nicht mehr rentierte, kann Helenes Vater erklären. Hans Holzer, 78, schüttere weiße Haare, der Rücken gebeugt vom Alter, sitzt im Austragshaus am Tisch und sagt, das Problem sei, dass jetzt alle so viel Milch verkaufen dürfen. Früher waren niedrige Obergrenzen vorgegeben, jetzt aber gelten die Gesetze des Wettbewerbs, und in dem drücken die Großbetriebe die Preise, weil sie es sich leisten können. Holzer ist ein Mann, der ruhig spricht, ab und zu legt er die Hand ans Ohr, weil er seinem Hörgerät nicht traut. Nur beim Thema Milch wird er lauter, er haut auf den Tisch, und man kann sehen, was für aufgearbeitete, ledrige Hände er hat. Er schimpft: »Es war die größte Dummheit, dass sie das Milchkontingent erhöht haben. Die Milch muss knapper sein! Dann steigt auch der Preis. Wenn man alles dem freien Markt ausliefert, dann geht es mit der Landwirtschaft dahin.«
Die Frage ist natürlich, wie lang sich ein Wirtschaftszweig dem freien Markt verweigern kann. Aber wenn man Holzer reden hört, wenn man sieht, wie er mit seinen Fingern in die Luft sticht, als wolle er seinen Sätzen zusätzlichen Schwung verleihen, merkt man schnell: Natürlich geht es hier auch ums Geld, vor allem aber geht es um Selbstverständnis. Da hat einer sein Leben lang eine Arbeit gemacht, hat dieses Leben von ihr bestimmen lassen, und auf einmal soll das alles nichts mehr wert sein?
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Heute kann man von 20 Kühen nicht mehr leben.")
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