Außenpolitik | Heft 28/2009

Morgenland ohne Morgen

Von Dietmar Herz 


Ein Treffen mit den Clanchefs

Er heißt Sher Mohammad Mangali und dankt für mein Kommen. Er scheint auf meine Fragen zu warten, also erkundige ich mich, wie die Zusammenarbeit der Stadt und der Provinz mit der UN so funktioniere. Sher Mohammad reagiert ungehalten: »Die Vereinten Nationen …«, er zögert einen Moment. »Warum kommen diese Leute nicht zu uns? Stattdessen bauen sie ihre Bunker und vergraben sich wie Mäuse in der Erde.« Die Verachtung in der Stimme dieses selbstbewussten Mannes, eines einflussreichen Grundbesitzers aus Gardez, wie ich später erfahre, ist unüberhörbar. Sher Mohammad Mangali meint das Camp, in dem wir übernachten. Die Bunker gibt es. Und in der Tat, die Mitarbeiter dürfen das Gelände nur selten und unter größten Sicherheitsvorkehrungen verlassen. Zwischen dem Außenposten in Gardez und Kabul verkehren sie mit Helikoptern.

Ich muss an die letzten Tage in Kabul denken: an all die Warnungen und Sicherheitsvorkehrungen. Den Diplomaten in der Hauptstadt geht es nicht anders als den UN-Mitarbeitern in Gardez. Auch sie verlassen ihre Botschaften nicht allzu oft, und wenn, dann meist unter Bewachung. Sie verkehren nur in ausgewählten Restaurants, ihr Bewegungsspielraum ist meistens auf Kabul begrenzt. Die internationale Gemeinschaft hat sich in ihre Festungen zurückgezogen – nicht anders als ihre afghanischen Verbündeten: Auch Präsident Hamid Karsai verlässt seinen wie eine Kaserne im Feindesland geschützten Palast nur selten und die meisten Ministerien gleichen belagerten Festungen.
Das war nicht immer so, und die Vorsicht hat dieser Tage ihre Gründe: Westlich gekleidete Ausländer werden selbst in Kabul mit Misstrauen betrachtet. Noch vor zwei Tagen habe ich es selbst erlebt, bei dem Spaziergang durch den alten Basar – um 1830 entlang des Kabul-Flusses gebaut und lange einer der wichtigsten Märkte Zentralasiens: Ein Junge spuckte auf den Boden, als ich an ihm vorbeiging; meine Übersetzerin wurde mit unflätigen Bemerkungen überzogen. Meist aber wurde ich einfach ignoriert. Ein eigenartiges Gefühl, auf einem Basar nicht von geschäftstüchtigen Händlern angesprochen zu werden. Mir scheint, dass die Afghanen nicht so recht wissen – nicht mehr wissen –, was sie von den Leuten aus dem »Westen« halten sollen. Sie begegnen ihnen auch kaum noch. Es sei denn in schwer bewaffneten Fahrzeugkonvois.

Sher Mohammad hat also recht. Die Vertreter der Staaten des Westens, die so stolz auf ihre Erfolge in Afghanistan sind, verstecken sich, in der Hauptstadt wie in der Provinz. Aber ihre Vorsicht ist nicht unberechtigt: Ich frage Sher Mohammad nach den Ursachen für den immer heftiger werdenden Aufstand. Seine Antwort kommt schnell: »Guantánamo«. Er spricht das fremde Wort langsam und akzentuiert aus. »Die Schuldigen müssen bestraft werden.« Er bewegt die Perlen seiner Gebetskette, langsam, eine nach der anderen, ohne einen Blick darauf zu werfen, und denkt nach. Plötzlich sagt er: »Die Amerikaner haben viele Unschuldige getötet, sogar Gäste einer Hochzeitsfeier. Aus der Luft, mit ihren Bombern.« Dann direkt an mich gerichtet: »Sie wissen das doch. Wir haben ein Recht auf Rache.«

»Das wird den Krieg nicht beenden, und jetzt gibt es einen neuen amerikanischen Präsidenten«, entgegne ich.

»Die fremden Soldaten müssen unser Land verlassen«, sagt er. »Die Zeit wird zeigen, ob der neue Präsident eine andere Politik als Bush verfolgt. Was kann er schon ausrichten? Alles liegt in der Hand Gottes.« Er gibt einem der älteren Jungen einen Wink. Der steht auf, schenkt Tee nach und schiebt die Süßigkeiten näher zu mir. »Das ist ein islamisches Land, es wird mit Gottes Hilfe islamisch bleiben. Die vom Westen gestürzte Regierung hat dies verstanden. Warum sprecht ihr nicht mit ihnen? Sie wollten das Beste für dieses Land.«

Und was erwartet er sich von den Präsidentschaftswahlen im Sommer?
»Die Wahlen werden nicht gerecht sein. Daher ist es gleichgültig, wer in Kabul regiert. Alle sind Marionetten der Amerikaner. Warum macht ihr Deutschen gemeinsame Sache mit den Amerikanern? Sie töten uns.« Seine Stimme ist schneidender geworden. »Wir sind Brüder. Früher haben wir mit den deutschen Ingenieuren, die uns hier halfen, in den Bergen der Umgebung gegrillt. Das ist jetzt zu gefährlich, ich hoffe aber, diese Zeit kommt wieder.« Er wolle nicht, fügt Sher Mohammad hinzu, dass deutsche Mütter um ihre in Afghanistan gefallenen Söhne trauern müssen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Kalte Krieg hatte zu seltsamen unheiligen Allianzen geführt.)

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