Wenn man vor wenigen Jahren davon sprach, das »Profil« eines Menschen zu erstellen, war damit zumeist das psychiatrische Gutachten eines Serienmörders gemeint. Und auch der private, spielerische Gebrauch der Ortungstechnik stand überhaupt nicht zur Debatte: Heute dagegen lokalisiert man einen alten Bekannten per GPS in der Nähe des Büros, um sich zum Mittagessen zu verabreden, und abends beim Joggen legt man den »Sensor Chip« von Nike in den Schuh, eine Art elektronische Fußfessel des Web 2.0., um später auf der Website des Unternehmens die eigene Laufleistung mit der der anderen Mitglieder zu vergleichen.
Eine erstaunliche Umwandlung: Mehr als zweihundert Jahre lang ist es immer das kriminalistische, medizinische oder psychiatrische Interesse an abweichenden Biografien gewesen, das die wichtigste Triebfeder des Wissens über den Menschen und seine Individualität ausgemacht hat. Nun scheint die Feier der »Freundschaft«, der »Community« diese Funktion übernommen zu haben.
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Die öffentliche Darstellung der eigenen Biografie rückte vermutlich zum ersten Mal in den späten Achtzigerjahren in den Blickpunkt, mit der zunehmenden Bedeutung des »Lebenslaufs«. Damals hörte man von Schul- und Studienfreunden immer häufiger, dass ein bestimmter Kurs »lebenslaufrelevant« sei oder eine Auslandsreise vor allem auch »für den Lebenslauf« unternommen werde.
Zur gleichen Zeit tauchten in den Schreibwarenläden und Kaufhäusern die ersten Exponate einer neuen Bewerbungskultur auf, eine Fülle von Mappen, Ordnern, Ratgebern und Computerprogrammen, die eigens für Kandidaten auf Stellensuche produziert wurden und eine vollendete Bewerbung versprachen, deren Brillanz sich kein Personalchef entziehen könnte. In der Fetischisierung des Lebenslaufs lässt sich rückblickend vielleicht die erste Spur jenes Selbstdesigns erkennen, wie es in den sozialen Netzwerken heute notwendig und allgegenwärtig ist.
Eine spröde Auflistung von Lebensdaten verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit zum Schaubild der eigenen Biografie, inklusive Mannschaftssport-Erfahrung und politischem Engagement. Forciert wurde diese Entwicklung von den Vorgaben der Arbeitgeber, die, wie es Unternehmensberatungen und Elite-Akademien bis heute ausrufen, nicht mehr in erster Linie an tadellosen Noten interessiert sind, sondern an »soft skills« und »spannenden Persönlichkeiten«.
Worum es bei den Präsentationstechniken des eigenen Selbst geht, ist vor allem eines: die Verknüpfung eines sozialen mit einem ökonomischen Interesse. Der Anspruch, ein kosmopolitisches und gesellschaftlich integriertes Leben zu führen, hat sich unauflöslich mit der Hoffnung verschränkt, dass sich dies eines Tages auf dem Arbeitsmarkt auszahlen und der Karriere förderlich sein würde.
Das Berufsleben ist – und das eint Regierungsprojekte wie die »Ich-AG« und scheinbar dissidente Lebenskonzepte wie die »digitale Boheme« – nicht mehr einfach ein biografischer Strang neben anderen, sondern soll die gesamte Existenz umspannen. Arbeit und Freizeit, berufliche und persönliche Kontakte sind eins, angetrieben von demselben Talent zum »Networking«.
Wenn man eine Linie zieht von den ersten LebenslaufProfis vor zwanzig Jahren zu den heutigen Selbstmanagern im Netz, dann muss man diesen Zusammenhang immer in Erinnerung behalten: dass die verheißungsvollen, freien Web-2.0-Kategorien wie »Kommunikation«, »Austausch« oder das von den Facebook-Betreibern mantrahaft wiederholte »Sharing« ihrem Ursprung nach einer ökonomischen Logik gehorchen. Kommunizieren heißt: im Modus des Privaten geschäftliche Verbindungen knüpfen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was in den Achtzigern der Lebenslauf war, ist heute das Facebookprofil.)
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12 Uhr 37
http://bitsoffreedom.wordpress.com/2009/...
12 Uhr 27
Als Schäuble seine Festplattendurchsuche-Gesetze noch mit der Selbstentblößung Artähnlicher im Internet rechtfertigte, war das Zweckmerkbefreitheit, aber nun scheint sich die "Denkart" verselbstständigt zu haben. Ist es das, was uns noch viel mehr Angst machen sollte?
Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es auch nicht. Aber eines ist sicher: Wenn der Weg falsch ist, führt er nicht ans Ziel.