
In erstaunlicher Geschwindigkeit und Konsequenz ist durch diese Umwandlungen ein neues Menschenbild entstanden. Man kann es am deutlichsten daran erkennen, wie sich die allgemeine Haltung zu Fragen der Erfassung gewandelt hat, der Produktion von Wissen über das eigene Leben. Die letzte Volkszählung in Deutschland im Jahr 1987 wurde von einer der größten Protestbewegungen der Achtzigerjahre begleitet.
Monatelange Debatten gingen der Zählung voraus, die, wie es etwa die Grünen in ihren Boykottaufrufen formulierten, »allein zur Unterdrückung und Ausbeutung« dienen sollte. Der Akt der Erfassung barg in den Achtzigerjahren enormes Erregungspotenzial, was sich auch daran zeigte, dass diese Volkszählung eigentlich schon vier Jahre früher stattfinden sollte, nach einer Verfassungsbeschwerde aber ausgesetzt wurde. Erst die Verabschiedung verschiedener Gesetze zur »informationellen Selbstbestimmung« schuf die Voraussetzung, dass die Volkszählung schließlich durchgeführt werden konnte.
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Wer sich heute den schmalen Erfassungsbogen ansieht, mit den insgesamt rund 30 Fragen zu Person und Haushalt, ist von der Zurückhaltung und Diskretion der Datenerhebung überrascht. Und für einen 22-jährigen Social-Network-Nutzer des Jahres 2009 müssen die aufgebrachten Demonstrationen und Podiumsreden aus seinem Geburtsjahr vollends wie Zeugnisse einer rätselhaften Massenhysterie wirken. Die Datenerhebung einer Volkszählung ist heute kein nennenswertes Ereignis mehr, und konsequenterweise wurde der EU-Beschluss, 2011 eine neue, europaweite Zählung durchzuführen, vor knapp drei Jahren auch in aller Stille getroffen.
Stellt man die Protestbewegung von 1987 neben die Millionen deutscher StudiVZ- oder Flickr-User in Deutschland, fällt vor allem auch die erstaunliche Befreiung von kollektiven Ängsten auf. Im Vergleich zu den Achtzigerjahren, in denen die Reden vom »Überwachungsstaat« allgegenwärtig waren, leben wir in einer auffällig paranoialosen Zeit. Die Menschen sind vielleicht gläsern geworden, aber das in aller Freiwilligkeit und Souveränität.
»Big Brother is watching you« – ja, gerne, wo sind die Kameras? Im Jahr 2000, 13 Jahre nach der Volkszählung, lief bekanntlich die erste Staffel jener Fernsehshow, die anfangs noch für kulturkritische Auseinandersetzungen sorgte, nun aber seit vielen Jahren zum Inventar der Fernsehwelt gehört. Ebenso wie der Begriff der »Erfassung« ist also auch der der »Überwachung« einer grundlegenden Neucodierung unterzogen worden: »Big Brother« zerstört Individualität nicht mehr, sondern bringt sie hervor.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Amokläufe der Jugendlichen sind womöglich Folge der fortwährenden Erziehung zum Selbstdesign.)
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12 Uhr 37
http://bitsoffreedom.wordpress.com/2009/...
12 Uhr 27
Als Schäuble seine Festplattendurchsuche-Gesetze noch mit der Selbstentblößung Artähnlicher im Internet rechtfertigte, war das Zweckmerkbefreitheit, aber nun scheint sich die "Denkart" verselbstständigt zu haben. Ist es das, was uns noch viel mehr Angst machen sollte?
Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es auch nicht. Aber eines ist sicher: Wenn der Weg falsch ist, führt er nicht ans Ziel.