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aus Heft 24/2007 Außenpolitik

Der Krieg beginnt hier

Seite 5

Gerald Selch (Text); Mirco Taliercio (Fotos) 

Was hinter dem Metallzaun der Militärbasis passiert, darüber wird die Bevölkerung von der Regierung der Oberpfalz allenfalls per Pressemitteilung informiert. Was vor dem Metallzaun geschieht, außerhalb der amerikanischen Enklave, darüber wissen viele Oberpfälzer auch erstaunlich wenig. »Die zuständige Polizeiinspektion veröffentlicht so gut wie keinen Bericht über Zwischenfälle«, beklagt die lokale Zeitung Der neue Tag und meint damit regelmäßige nächtliche Schlägereien. Die US-Truppenzeitung Stars and Stripes warnt die in der Oberpfalz stationierten amerikanischen Soldaten: »Worte können in dieser Gegend wehtun«, und rät zu Vorsicht im Umgang mit Alkohol – und »Russen«. Gemeint sind die deutschstämmigen Übersiedler aus Russland, die in der Region leben, allein 800 in Grafenwöhr.

Als sich Auseinandersetzungen mit Besuchern der gegenüber liegenden »Russen«-Disco häuften, wurden die Sperrstunden in den betroffenen Gemeinden auf drei Uhr vorverlegt. Auf öffentlichen Plätzen gilt Alkoholverbot.
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In »ED’s Bar« schenkt Gertrud Leiato Bourbon-Cola aus, zwei Euro fünfzig das Glas. Ihre Gäste, fast ausnahmslos US-Soldaten, nennen sie Mama. Wer Ärger macht, den wirft sie aus der Bar. Und wenn Mama sagt, dass jetzt Schluss ist, weil zehn Wodka-Bull genug seien, dann nickt sogar Hank aus New Jersey und zahlt. Eben noch beschimpfte Hank, einfacher Dienstgrad, ausrasierter Nacken, keine 170 cm groß und sturztrunken, seine Frau in den Staaten am Handy als Nutte. Jetzt wankt er in seiner weiten, quietschgelben Ballonseidejacke, die ihn schmächtig aussehen lässt, hinaus auf die Straße.

Freitag, drei Uhr morgens, eine nasskalte Nacht. Sperrstunde. Eine letzte Gruppe betrunkener junger Männer fällt aus »ED’s Bar«. »Die hatten im Irak ein Jahr nichts zu trinken«, sagt Gertrud Leiato. Sie mag ihre Soldaten, auch wenn die an der Bar »fuck you« rülpsen und auf der Straße Vollrauschvokabular grölen. Streifenwagen der Polizei und ein gutes Dutzend US-Militärpolizisten sichern den geordneten Rückzug der Soldaten in die Kasernen. Auf der anderen Straßenseite stehen die »Russen«. Kalter Krieg, bei 2,5 Promille.

Gertrud stellt frische Milch und eine Küchenrolle auf die Theke, damit friedliche Gäste ihre entzündeten Augen ausspülen können, falls sie von der Polizei Pfefferspray ins Gesicht bekommen. Sie sagt, Milch würde helfen.

Die deutsche Bevölkerung hat sich an die Nachbarschaft mit dem Militär gewöhnt. Mittags mischen sich in den Gemeinden rings um die Garnison Tarnanzugträger unter Hausfrauen und Kinder, ohne dass es jemand irritieren würde. Es gibt auf der Welt nicht mehr viele Orte, an denen sich ein GI so frei bewegen kann und darf. Nicht mal in Deutschland: An anderen Stützpunkten wie Rammstein oder Mannheim sind GIs angehalten, den Stützpunkt nicht in Uniform zu verlassen. Für die Menschen in der Oberpfalz, so heißt es hier, sei ein Soldat in Uniform wie ein Mann im Anzug. Commander Boyle sagt’s auf seine Art: »Great people. I love the Oberpfalz.«

Er mag die Deutschen, sagt John, den vol-len Namen will er nicht nennen, da müsste er erst den Vorgesetzten fragen. Er war zweimal im Irak, nun hat er zwei Monate frei. Er fährt mit seiner Familie nach Garmisch-Partenkirchen, ein Kurzurlaub, mit dem neuen Auto, einem BMW X5. Zu Hause aber habe er sich hier nie gefühlt. »Wenn ich den nächsten Einsatz überlebe, ziehen wir wieder nach New Jersey. Das Auto nehmen wir mit.« Grafenwöhr ist nicht zur Ersatzheimat geworden? Nein, sagt er: »Das hier ist die Station vor Bagdad. Unser Zug fährt in den Krieg.«
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