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aus Heft 30/2009 Das Prinzip

Deutsch

Andreas Bernard 

Kampf der Kulturen: Jahrzehnte rangen selbst ernannte Sprachpfleger und Freiheitskämpfer um die richtigen Worte.

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Der Kampf um die Rechtschreibreform fühlte sich von Anfang an zwei Traditionen verpflichtet: der Sprachpflege und dem Krieg. Insofern ist es konsequent, dass sich die schrittweise Einführung der Reform in den letzten zehn Jahren stets an einem 1. August vollzog. Für die Wahl dieses Kalendertags findet sich nirgendwo eine offizielle Begründung, doch der Blick auf zwei historische Ereignisse erhellt den Beschluss. Am 1.8.1911 starb Konrad Duden und am 1.8. 1914 begann der Erste Weltkrieg.

Kaum ein Ereignis hat in der jüngeren Vergangenheit derart heftige Kontroversen hervorgerufen wie die Auseinandersetzung um das korrekte Deutsch. Es war von einem »sprachlichen Bürgerkrieg« die Rede, der sich zwischen den Initiatoren und den Gegnern der Reform entzündet habe. Trommelfeuer aus Beispielen und Mustersätzen prasselten von einem Lager ins andere, um die Dominanz der eigenen Position durchzusetzen.
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So überzeugend diese Beispiele im Einzelfall auch sein mögen: Das Vergebliche beider Anschauungen liegt in der Annahme, dass eine Sprache wie das Deutsche ein in sich stimmiges Gebilde sei, zurückführbar auf eine ursprüngliche Logik. Ein besonders leidenschaftlicher Gegner der Reform beklagt in seinen Schriften seit Jahren die Vielzahl »unvernünftiger« Korrekturen – und genau in diesem Begriff liegt vielleicht der ganze Irrtum der Sprachpflege: dass sie einer Sprache eine zugrunde liegende »Vernunft« beimisst, so als hätte sie der Weltgeist selbst hervorgebracht. Doch ist das Deutsche nicht einfach ein unreglementierbares Geflecht, von Millionen von Sprechern über Jahrhunderte hinweg variiert und verändert? Jede Systematisierung, jede Regulierung ist der unmögliche Versuch, dieses bewegliche System zu domestizieren.

Und geht das, was man »Sprachgefühl« nennt, nicht oft genug auf einen ganz willkürlichen Ursprung zurück? So wie etwa das schöne Gesetz »Trenne nie ›s-t‹, denn es tut den beiden weh!« Jeder, der diesen Imperativ im Deutschunterricht der Grundschule verinnerlicht hatte, spürte irgendwann tatsächlich einen fast natürlichen Bund zwischen den beiden Buchstaben, als ob sie vom Anbeginn der deutschen Sprache an zusammengehörten. Wie ernüchternd war dann die Information, dass diese orthografische Regel in Wahrheit mit den technischen Gegebenheiten des Buchdrucks zu tun hat; »s« und »t« bildeten im Bleisatz früher eine zusammengesetzte Ligatur und konnten deshalb beim Setzen einer Zeile nicht geteilt werden.

Wenn der Typus des Sprachpflegers heute vor allem Borniertheit ausstrahlt, dann auch deshalb, weil der Impuls seiner Bemühungen im ersten Moment so rätselhaft bleibt. Ist es wirklich die Liebe zum Deutschen an sich, die ihn antreibt? Nein, eher zeigt sich bei allen Reformern und ihren Gegnern, dass der Kampf um das richtige Deutsch ein Vehikel ist im Kampf um die richtigen politischen und gesellschaftlichen Anschauungen. Jedes Manifest gegen die Popularität der Anglizismen etwa – Wolf Schneider nennt sie in seinem letztem Buch tatsächlich »Missgeburten« – weist auch auf das Unbehagen gegenüber der amerikanischen Kultur hin, gegenüber der Sphäre des Pop oder der Computertechnik, aus der die übernommenen Wörter stammen.

Ein ähnlicher Interessentransfer ist in den Auseinandersetzungen um die korrekte Orthografie sichtbar: Die Initiatoren der aktuellen Reform haben ihren Vorschlag, warum man künftig »belämmert« statt »belemmert« schreiben solle, damit begründet, dass der »gesunde Menschenverstand« den Ausdruck von dem Wort »Lamm« herleite; man wolle mit der Korrektur einen volksnahen, demokratischen Zugang zum Deutschen gewährleisten. Sprachreform ist immer Gesellschaftsreform, was sich besonders deutlich auch in den jahrzehntelangen Versuchen der DDR zeigte, die Großschreibung im Deutschen abzuschaffen. Die Ambition bestand darin, einen Sozialismus der Schrift herzustellen, die Herrschaft des großgeschriebenen »Hauptwortes« zu brechen. Man muss also immer vorsichtig sein, wenn es, mit fast philatelistischer Anmutung, um Sprachpflege geht. Dort wo vom Deutschen die Rede ist, steht jederzeit etwas Grundsätzlicheres zur Debatte.
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