Anzeige

aus Heft 30/2009 Sprache 5 Kommentare

Nach uns die Sintflut

Seite 2

Von Max Fellmann und Jan Heidtmann (Interview)  Foto: Frank Bauer




Welches Wort mögt ihr am liebsten?
Ptok:
Hingabe. Das ist das schönste Wort, das es gibt! Klang und Aussage passen perfekt zusammen.

Und das ärgerlichste Wort?
Kössler:
Ganz ehrlich, was mich total nervt, ist: geil. Ich kann es nicht mehr hören!Verfolgt einen so etwas dann?

Tragt ihr Texte, Sätze, Wörter mit euch herum?
Kössler:
Manchmal träume ich von der Arbeit.

Und was genau?
Kössler:
Da herrscht immer eine wahnsinnige Aufregung, mindestens fünf Kollegen, die um mich herumstehen, auf mich einreden: Wie konntest du nur diesen oder jenen Fehler übersehen? Und ich versuche dann immer, das zu erklären. Aber es geht nie gut aus.

Träumt ihr manchmal auch von Sprache? Von Buchstaben? Von Wörtern?
Ptok:
Nein, nur von konkreten Situationen. Dass wir den Drucktermin nicht schaffen, dass ein Fehler im Heft ist. Was wir nicht sehen,
das wird 600 000-mal falsch veröffentlicht. Da liegst du schon manchmal abends im Bett und denkst: Hast du das noch einmal geprüft?

Was war der größte Fehler, der euch je durchgerutscht ist?
Kössler:
Ich habe mal auf der Titelseite etwas übersehen. Ein ganzes Heft über Österreich, auf dem Cover ein Wiener Schnitzel in Form des Landes, dazu die Titelzeile: »Was soll man schon vom einem Land halten, das aussieht wie ein Schnitzel?« »Vom« statt »von«, sehr peinlich. Gerade, wenn man ein bisschen provokant sein will, muss man doch super-exakt sein. Ich habe damals sogar noch in der Druckerei angerufen. Der Techniker hat nur gelacht und gesagt: »Das Heft ist längst gedruckt. Wollen Sie jetzt die Heftklammern einzeln aufmachen?«
Anzeige

Läuft die Fehlersuche immer mit? Könnt ihr an Plakaten oder Schaufenstern vorbeigehen, ohne in Gedanken zu korrigieren?
Kössler:
Nicht manisch, aber ich schau schon immer. Vor Kurzem bin ich an einem Museum hier in München vorbeigekommen, da stand an der Tür »Grüß’ Gott«, mit einem Apostroph. Das hat mich so gestört, dass ich reingehen musste, um es denen zu sagen. Die Dame am Empfang hat geantwortet: »Dieser Schriftzug ist ein Kunstwerk, da wird nichts geändert.«
Ptok: In der U-Bahn hing mal ein Werbeplakat von einer Rechtsanwaltskanzlei, da waren zwei dicke Tippfehler drin. Ich habe der Firma eine E-Mail geschrieben. Wenn jemand Kunden gewinnen will, muss er ja nicht so anfangen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Rechtschreibreform ein Fehler war.)

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Michael Sailer (0) Wirklich ein hochinteressantes Interview mit zwei höchst charmanten Damen, die großen Sprachverstand zeigen.
    Nur: "Manche denken, das 'ß' gäbe es gar nicht mehr" ist ein falscher Konjunktiv. Da müßte ein Nebensatz folgen, der erklärt, unter welchen Umständen es das 'ß' nicht mehr gäbe. Gemeint und richtig ist jedoch hier 'gebe'.
    Soooo schwierig ist der Konjunktiv übrigens gar nicht: Indirekte Rede = Konjunktiv 1 und umgekehrt. Nur in Fällen, wo der K1 gleich dem Indikativ ist (z. B. 'ich habe'), steht in der indirekten Rede zur Verdeutlichung der K2.
    Der ist ansonsten den Fällen vorbehalten, in denen in der SZ grundsätzlich K1 steht: den Irrealis- bzw. "als ob"-Sätzen. Konstruktionen wie "als sei", "als habe" etc., wie man sie in der SZ täglich hundertmal findet, sind grundsätzlich falsch.
    Freilich spielt dies heute nur noch für Menschen eine Rolle, die ein sehr sensibles Sprachgefühl haben. Denen allerdings verschwurbeln solche Sätze regelmäßig das Realitätsempfinden. Drum wäre es schön, wenn darauf zumindest ab und zu geachtet würde.
    Dies mit den besten Grüßen und ohne Schaum vor dem Mund.
  • Beate Hoerkens (0) Das ist endlich eine der seltenen Würdigungen, die die unsichtbaren guten Geister des Magazins erfahren: Jede Woche für diese Qualität zu sorgen, ist Knochenarbeit. Wobei die besten Hirnknöchelchen gemeint sind samt der Füllung, welche vor allem aus Bildungsgütern aller Arten, beachtlicher Sprachkompetenz und -- ja natürlich -- aus Hingabe besteht. Achtmal einen Text zu lesen, übersteigt des normalen Lesers Vorstellung, der sich zu einer zweimaligen Lektüre schon selbst beglückwünscht. Aber nur mit vielen konzentrierten Leserunden kommt man zu der anscheinend selbstverständlichen Leichtigkeit, zur Klarheit eines Textes, es handelt sich um die Verbindung von Knochen- und Feenarbeit, auch um Hebammendienste am Text von Autoren, oft um schwere Geburten, denen man es nicht ansehen darf.

    Ihren Anmerkungen zur halbherzigen Rechtschreibreform, auch zu den (virusartig verbreiteten und kaum kurierbaren) Sprachmarotten, kann ich mich nur anschließen. Bin immer wieder froh, wenn ich merke, dass hier ohne Einknicken Woche für Woche "gegengehalten" wird! Außerdem wird durch Ihr Eingreifen tatsächlich einmal Sinn "gemacht", oft erst hergestellt, wenn er noch unter einem Wust an Wörtern vergraben war. Und das ist erfreulich sinnvoll!

    Für die schönen Lektüren des Magazins dankt Ihnen besonders -- mit langer eigener Berufserfahrung auf diesem Feld --

    Beate Hoerkens
  • Florian Frisch (1)
    Florian Frisch (1) sagte:
    Keinen Fehler gefundden


    na klasse.
  • Florian Frisch (1) Sehr sympathisch und sehr schlau, die beiden Damen. Ich werde nicht anders können als ihnen die Tage noch einen charmanten Brief zu schreiben. Ich werde das aktuelle Heft durchschauen. Und wahrscheinlich endlich schreiben können: "Keinen Fehler gefundden - prima, klasse Arbeit!"
  • Alex G. (0) An dieser Stelle mal ein Hurra auf die Schlussredaktion der SZ – insbesondere in Zeiten, in denen manche Publikation den Eindruck macht, die Macher wüssten überhaupt nicht, dass man Texte noch einmal durchlesen muss, nachdem man sie in den Computer gehackt hat, fällt die Süddeutsche positiv durch Qualität auf!

    Da stört das eine oder andere „dem“ anstatt „den“, oder mal ein Bindestrich, wo es ein Halbgeviertstrich hätte sein sollen auch nicht weiter. Fehler passieren nun mal.