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aus Heft 30/2009 Sprache 5 Kommentare

Nach uns die Sintflut

Seite 3

Von Max Fellmann und Jan Heidtmann (Interview)  Foto: Frank Bauer



Gibt es notorische Fehler von Kollegen in der Redaktion?
Ptok:
Seit der Rechtschreibreform kommt offenbar keiner mehr mit dem »ß« zurecht. Manche denken, das »ß« gäbe es gar nicht mehr – was ja nun nicht stimmt.

Hatte die Rechtschreibreform auch ihre guten Seiten?
Kössler:
Kaum. Das Ganze war völlig unnötig für die Sprache und für den Umgang mit ihr. Es wurden ja so viele Neuerungen wieder zurückgenommen, die wirklich unsinnig waren: Erst hieß es »aufwendig«, dann »aufwändig«, jetzt geht beides. Der Duden bietet in vielen Fällen zwei oder drei Möglichkeiten an. Es gibt keine Verbindlichkeit mehr.

Manche Leute sagen: Weg von den Regeln, mehr Freiheit, die Leute schreiben eben so, wie es ihnen liegt.
Kössler:
Ich finde, dass gewisse Standards sein müssen. Eine Sprache braucht Regeln.
Ptok: … schon damit man hin und wieder dagegen verstoßen kann.

Aber Sprache ist ständig in Bewegung. Müsste sich also nicht auch die Orthografie immer anpassen?
Ptok:
Das wurde ja mit der Reform versucht. Aber eben ganz theoretisch, verkopft – und nicht am tatsächlichen Sprachgebrauch orientiert.

Der Chef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, meint, im Zeitalter von SMS und E-Mails sei Rechtschreibung eigentlich altmodisch.
Ptok:
Finde ich überhaupt nicht. Wer Rechtschreibung beherrscht, wendet sie auch in der SMS richtig an.
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Aber es ist ja damit zu rechnen, dass wir die Abkürzungen, die aus der Mail- und SMS-Welt kommen, in den nächsten Jahren auch im Schriftdeutschen finden.
Ptok:
Weiß ich nicht. Stand schon mal »lol« für »laughing out loud« bei uns im Heft?
Kössler: Diese SMS-Sprache ist eine Modeerscheinung, die wird zwei, drei Jahre benutzt, und dann kommt wieder was anderes.
Ptok: Im Grunde ist die wichtigste Regel: Wenn man etwas druckt, dann muss der Leser es verstehen können.
Kössler: Es muss allgemeingültig sein, sodass die große Mehrheit weiß, was gemeint ist.

Dann wäre »geil« also doch zulässig?
Kössler:
Kommt auf den Kontext an. Wenn es in einem Text an der Stelle logisch erscheint, dann sage ich: Okay, das passt hier.
Ptok: Wenn Kurt Kister schreiben würde: »Irgendwie ist Guido Westerwelle doch ein geiler Typ«, dann dürfte das stehen bleiben, weil die Ironie erkennbar wäre.

Wie viele Regeln wisst ihr eigentlich auswendig? Und wie viel müsst ihr nachschlagen?
Ptok:
Beim Konjunktiv werden so viele Fehler gemacht, da schauen wir zur Sicherheit manchmal noch nach: »Er sagt, er habe keine Zeit« – da verwenden viele Redakteure den Konjunktiv II: »Er sagt, er hätte keine Zeit.« Aber in anderen Fällen darf dann wieder Konjunktiv II statt Konjunktiv I stehen … da tut ihr euch manchmal etwas schwer.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die heftigesten Beschwerden der Leser.)

Kommentare

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Kommentar:

  • Michael Sailer (0) Wirklich ein hochinteressantes Interview mit zwei höchst charmanten Damen, die großen Sprachverstand zeigen.
    Nur: "Manche denken, das 'ß' gäbe es gar nicht mehr" ist ein falscher Konjunktiv. Da müßte ein Nebensatz folgen, der erklärt, unter welchen Umständen es das 'ß' nicht mehr gäbe. Gemeint und richtig ist jedoch hier 'gebe'.
    Soooo schwierig ist der Konjunktiv übrigens gar nicht: Indirekte Rede = Konjunktiv 1 und umgekehrt. Nur in Fällen, wo der K1 gleich dem Indikativ ist (z. B. 'ich habe'), steht in der indirekten Rede zur Verdeutlichung der K2.
    Der ist ansonsten den Fällen vorbehalten, in denen in der SZ grundsätzlich K1 steht: den Irrealis- bzw. "als ob"-Sätzen. Konstruktionen wie "als sei", "als habe" etc., wie man sie in der SZ täglich hundertmal findet, sind grundsätzlich falsch.
    Freilich spielt dies heute nur noch für Menschen eine Rolle, die ein sehr sensibles Sprachgefühl haben. Denen allerdings verschwurbeln solche Sätze regelmäßig das Realitätsempfinden. Drum wäre es schön, wenn darauf zumindest ab und zu geachtet würde.
    Dies mit den besten Grüßen und ohne Schaum vor dem Mund.
  • Beate Hoerkens (0) Das ist endlich eine der seltenen Würdigungen, die die unsichtbaren guten Geister des Magazins erfahren: Jede Woche für diese Qualität zu sorgen, ist Knochenarbeit. Wobei die besten Hirnknöchelchen gemeint sind samt der Füllung, welche vor allem aus Bildungsgütern aller Arten, beachtlicher Sprachkompetenz und -- ja natürlich -- aus Hingabe besteht. Achtmal einen Text zu lesen, übersteigt des normalen Lesers Vorstellung, der sich zu einer zweimaligen Lektüre schon selbst beglückwünscht. Aber nur mit vielen konzentrierten Leserunden kommt man zu der anscheinend selbstverständlichen Leichtigkeit, zur Klarheit eines Textes, es handelt sich um die Verbindung von Knochen- und Feenarbeit, auch um Hebammendienste am Text von Autoren, oft um schwere Geburten, denen man es nicht ansehen darf.

    Ihren Anmerkungen zur halbherzigen Rechtschreibreform, auch zu den (virusartig verbreiteten und kaum kurierbaren) Sprachmarotten, kann ich mich nur anschließen. Bin immer wieder froh, wenn ich merke, dass hier ohne Einknicken Woche für Woche "gegengehalten" wird! Außerdem wird durch Ihr Eingreifen tatsächlich einmal Sinn "gemacht", oft erst hergestellt, wenn er noch unter einem Wust an Wörtern vergraben war. Und das ist erfreulich sinnvoll!

    Für die schönen Lektüren des Magazins dankt Ihnen besonders -- mit langer eigener Berufserfahrung auf diesem Feld --

    Beate Hoerkens
  • Florian Frisch (1)
    Florian Frisch (1) sagte:
    Keinen Fehler gefundden


    na klasse.
  • Florian Frisch (1) Sehr sympathisch und sehr schlau, die beiden Damen. Ich werde nicht anders können als ihnen die Tage noch einen charmanten Brief zu schreiben. Ich werde das aktuelle Heft durchschauen. Und wahrscheinlich endlich schreiben können: "Keinen Fehler gefundden - prima, klasse Arbeit!"
  • Alex G. (0) An dieser Stelle mal ein Hurra auf die Schlussredaktion der SZ – insbesondere in Zeiten, in denen manche Publikation den Eindruck macht, die Macher wüssten überhaupt nicht, dass man Texte noch einmal durchlesen muss, nachdem man sie in den Computer gehackt hat, fällt die Süddeutsche positiv durch Qualität auf!

    Da stört das eine oder andere „dem“ anstatt „den“, oder mal ein Bindestrich, wo es ein Halbgeviertstrich hätte sein sollen auch nicht weiter. Fehler passieren nun mal.