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aus Heft 32/2009 Sommer

Das Dachs-Unternehmen

Alex Rühle 

Wie ist das eigentlich: als Stadtmensch draußen im Wald zu übernachten? Unser Autor hat es ausprobiert - und sich als eher mittelprächtiger Held erwiesen.



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Vielleicht hätte ich am Tag zuvor hellhörig werden sollen, als M. mir seine Karte lieh, damit ich die Stelle besser finde. Rund um die Senke, die er mir empfahl, waren lauter rote Punkte eingezeichnet. Auf die Frage, ob das besonders schöne Bäume seien, sagte er, nein, Dachs- und Fuchsbauten. Aber er sagte das eben tagsüber, in seiner Wohnung, hoch über München, inmitten von Menschen. Da klingt das interessant. Jetzt ist es Nacht, im Wald, tief unter Bäumen, inmitten von zäher Stille und einzelnen Geräuschen. War das da hinten gerade ein schnaubender Dachs? Und was knistert bloß dauernd neben meinem Kopf? Gibt es hier Schlangen?

Die Idee hatte verlockend geklungen: abends rausradeln, aus dem Alltag, aus der Wohnung, aus der Stadt, und wild im Wald übernachten, nur mit Isomatte und Schlafsack, allein unter alten Bäumen. Das Problem: Rings um München ist ja erst mal nur Totholz, diese depressiven endlosen Forste, deren Gestängel eher an die Strichcodes im Supermarkt erinnert als an Bäume. Es sollte schon richtiger Wald sein, weit ausladende Buchen, Romantik, Freischütz! Und da dann zwischen altvermoosten Riesenwurzeln lagern und nachts über das große Ganze nachdenken.

M. ist Naturfilmer und kann unseren Kindern stundenlang von Bären in Slowenien, Wölfen im Bayerischen Wald und bellenden Rehen im Harz erzählen. Deshalb wusste er auch aus dem Stand, wo ich mein Experiment veranstalten sollte: Von München aus 35 Kilometer isaraufwärts, kurz vor Wolfratshausen, in einer Senke, direkt über der Pupplinger Au, da gebe es herrlichen Buchenbestand, Siebenschläfer, brünftige Rehe, »und bei Regen kannst du in die alte Hütte, die da steht«.

Abends um acht gießt die Sonne Feierabendlicht durch die Bäume, der weiche Waldboden, die moosbewachsenen Buchenstämme, alles ist goldgesprenkelt wie in den deutschen Märchen, durch die sich ja sozusagen ein geschlossener Waldgürtel zieht, im Hintergrund der meisten Grimm-Geschichten wachsen dunkle Wälder, in denen unbekannte dunkle Kräfte walten. Hundert Jahre später erklärte die Traumdeutung den Wald zum Symbol des Unbewussten, des Übergangs, der Suche.

In zwanzig Meter Entfernung zieht witternd ein großer Fuchs vorbei. Hoffentlich ist es okay, dass ich hier mitten in seiner Siedlung schlafe. Als dann ringsum die goldenen Flecken erlöschen, die Stämme schwarz werden und erste Fledermäuse lautlos vorbeiflattern, verursacht das Kirchturmläuten aus der Ferne ein leises Ziehen: so nah die Häuser und doch so weit weg. Ich schmeiße die riesige Weinbergschnecke, die ihre glitschige Spur über meine Isomatte zieht, in den Wald, lege mich in den Schlafsack und denke: Was soll schon passieren? Ich hab schließlich oft schon draußen geschlafen, in den Bergen, auf Wiesen und Feldern, auf griechischen Inseln, auf Radtouren quer durch Frankreich – alles kein Problem. Und die Stille ist doch herrlich. Endlich mal bei sich selber sein. Sozusagen mitten im eigenen Unbewussten schlafen.



Stille im Sinne stetiger Lautlosigkeit ist beruhigend. Wenn die Stille aber immer wieder von einzelnen Tapsern, von rätselhaftem Summen und Knacksen unterbrochen wird, hat sie eine ganz andere Wirkung: Dann wird sie zum dunklen Hintergrund dieser Geräusche, fast so, als sei sie das Versteck, aus dem all das Rascheln, Trappeln und merkwürdige Bellen hervorschießt. Umgekehrt werden die Geräusche durch die sie umgebende Stille geradezu monströs genau herauspräpariert: Plötzlich knistert es direkt neben der Isomatte lauter als in einer Chipstüte. Nichts zu sehen. Zwei Minuten später raschelt etwas durchs Dunkel. Fuchsfüße? Oder ist das doch ein Mensch? So laut kann doch kein Dachs hier herumlaufen? Hallo? Ist da jemand? Als Antwort eine Art lang gezogenes Seufzen. Die anschließende Stille ist dick wie schwarzer Filz, hinter dem irgendwann ein schwermütiger Waldkauz ruft. Der ganze Wald ein Hörspiel, und Regie führt die eigene Angst. Als würde sich tief im Kopf eine Schleuse öffnen, werde ich von den wildesten Assoziationen geflutet, Wolfsbilder, Räuberspelunken, Blair Witch Project, knusper, knusper, knäuschen. Ich setz mich aufrecht an die Buche – da kann wenigstens nichts von hinten kommen.

Noch etwas ist anders: In den Bergen, in der Wiese, auf dem Feld fühlt man sich frei, man liegt in der Weite der Landschaft, über einem kommt lange nichts und dann der weite Himmel. Die Geborgenheit, die der Wald mit seinem Blätterdach tagsüber gibt, verkehrt sich nachts in ihr Gegenteil: Inmitten der schwarzen Stämme und des Gespinstes aus Ästen und Blättern fühlt es sich an, als sei ich gefangen. Als würden die Bäume mich belauschen und näher kommen, sobald ich nicht hinschaue. Und überhaupt: »romantischer Wald«, was für eine Schnapsidee! Das haben doch die Nazis alles instrumentalisiert, der Wald als »rassischer Kraftquell«, die Deutschen als »Waldvolk«, wahrscheinlich stammt all das Geraschel und Gekruschel um mich her von alkoholisierten rechtsextremistischen Pärchen, die sich hier näher am Urgrund des deutschen Wesens fühlen.

Als um zwei Uhr nachts irgendetwas über das Fußende meines Schlafsacks huscht, steige ich mit dem Gefühl, kapituliert zu haben, hoch zur Hütte, die M. empfohlen hat. Erst um fünf traue ich mich wieder raus, und da ist es auf einmal schön, blassblaue Dämmerung, Vogelgezwitscher wie Versöhnungsgesang, ein vorbeihoppelnder Hase. Das Schönste war dann, ehrlich gesagt, zwei Stunden später die Radtour flussabwärts, zurück in mein Büronomadenleben. Die Füchse und Hasen aber, die sich allabendlich an der großen Buche hoch über der Pupplinger Au gute Nacht sagen, werden einander noch in Jahren von dem Menschen erzählen, den sie damals durch ihr läppisches nächtliches Standardprogramm – bisschen jagen, rennen, scharren – in die Flucht geschlagen haben.

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