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aus Heft 33/2009 Gesellschaft/Leben 7 Kommentare

Und plötzlich war er tot

Natalie und Josef Karl geben ihr 13 Monate altes Kind zu einer Tagesmutter. Vier Wochen geht alles gut, dann muss der kleine Christopher ins Krankenhaus. Bis zum nächsten Morgen hoffen die Eltern, dass ihr Sohn überlebt. Vergeblich. Die Anatomie einer Geschichte, in der es nur Verlierer gibt.

Von Christoph Cadenbach und Gabriela Herpell  Foto: Niko Schmidt-Burgk

Die Eltern Josef und Natalie Karl
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Juni 2009

Es ist nur ein Moment, ein paar Sekunden vielleicht, in denen Alexandra S. ihr Leben entgleitet: Weil Christopher schreit, hebt sie ihn aus dem Reisebettchen. Dann schüttelt sie den Jungen. Zwei Mal. Christophers Kopf fliegt vor und zurück. Der Staatsanwalt im Münchner Landgericht demonstriert noch einmal die Armbewegung. Vor und zurück, »ruckartig und heftig«. Dann sagt er: »Frau S., das Opfer war Ihnen völlig schutz- und wehrlos ausgeliefert. Würde man diesen Fall auf einen Erwachsenen übertragen, müsste ein vier Meter großer Riese einen Erwachsenen schütteln.« Am Ende seines Plädoyers fordert der Staatsanwalt sechs Jahre Haft.

Alexandra S., Tagesmutter von Beruf, zwei eigene Töchter, alleinerziehend, steht regungslos da. Das dunkle Haar ist ihr seitlich ins Gesicht gefallen, ihre Augen starren, ohne etwas zu fixieren. Sie habe ein »ordentliches Leben« geführt und sei mit den anderen Kindern immer »vorbildlich umgegangen«, argumentiert ihr Verteidiger. Auch habe sie sofort gestanden, den 14 Monate alten Jungen geschüttelt zu haben. Dann führen zwei Beamte Alexandra S. aus dem Saal. Morgen wird sie noch einmal hier stehen. Morgen werden auch die Eltern des toten Christopher da sein, Natalie und Josef Karl, um das Urteil des Richters zu hören.

September 2008

Die Karls

Warm liegt der Spätsommer an diesem Morgen über der Stadt, 25 Grad sollen es werden, ein schöner Tag für den Start in ein neues Leben. Natalie Karl wartet auf die Trambahn. Sie hat ein gutes Gefühl. Die Tagesmutter klang freundlich am Telefon. Nicht so »schroff« wie die anderen, die sie gar nicht erst ausreden ließen, sondern gleich sagten, sie hätten keinen Platz mehr frei. Seit Monaten hören Natalie und ihr Mann Josef nun diesen Satz. Bei elf Kinderkrippen haben sie gefragt, elf Absagen kassiert.

Einige Erzieherinnen lachten sie regelrecht aus, dass sie sich erst jetzt, als Christopher schon auf der Welt war, um einen Platz bewarben. Doch nach über einem Jahr zu Hause möchte die 30-jährige Übersetzerin wieder unter Menschen kommen und Geld verdienen. In ihrer Wohnung in München-Harlaching ist kein Platz für ein Kinderzimmer, die Karls wollen vielleicht eine Eigentumswohnung kaufen, weiterhin in den Urlaub fahren. Ein Einkommen reicht dafür nicht aus.

Josef, 34, arbeitet seit zehn Jahren als Diplomdesigner für einen Münchner Verlag. Er gestaltet Glückwunschkarten, auf einer sind Babyfüße zu sehen, Christophers Füße. Jeden Tag hat Josef ein Bild von seinem Sohn gemacht und die Fotos in einem Buch gesammelt. »Christopher war der Mittelpunkt unseres Lebens«, sagt Josef, »wir wollten ihm alles bieten, perfekte Eltern sein.«

An der Haltestelle »Ostfriedhof« steigt Natalie aus der Trambahn. Das Jugendamt hatte ihnen erklärt, dass es in München nur für jedes vierte Kleinkind einen Betreuungsplatz gibt. Krippen seien am gefragtesten, sie sollten es bei einer Tagesmutter probieren. Die erste Zusage erhielten sie von Alexandra S., heute will Natalie sie kennenlernen. Vor ein paar Tagen war sie schon einmal in der Gegend, zusammen mit Josef und seinen Eltern. Sie wollten das Grab von Rudolph Moshammer besuchen. Während sie über den Ostfriedhof schlenderten, redete Josefs Vater über Leben und Tod und dass er mit seinen 71 Jahren wohl der Nächste sein werde, »der zur Ruhe kommt«. Niemand konnte sich vorstellen, dass sie in vier Wochen den Jüngsten, Christopher, hier beerdigen müssten.

Alexandra S.

Alexandra zeigt Natalie ihre Wohnung. Im Zimmer ihrer jüngeren Tochter Mayra sitzen schon die anderen beiden Pflegekinder um einen kleinen Holztisch herum und essen Birnenschnitze, in der Küche riecht es bereits nach Mittagessen. Alexandra kocht immer morgens, damit sie möglichst viel Zeit mit den Kindern auf dem Spielplatz verbringen kann, erklärt sie Natalie. Mittags kämen sie dann schön hungrig und müde zurück und schliefen nach dem Essen auf kleinen Matratzen. Außerdem gebe es noch ein Reisebettchen, darin könne Christopher schlafen, weil er der Kleinste sei. Alexandra kennt die Sorgen der Eltern, wenn sie ihr Kind das erste Mal in fremde Obhut geben.

Seit drei Jahren arbeitet sie als Tagesmutter und hat selbst zwei Töchter. Von den Vätern der beiden lebt sie getrennt. Patrizia ist zwölf, Mayra sechs Jahre alt. Nach einem anstrengenden Babyjahr, in dem Mayra ununterbrochen schrie, stellte sich heraus, dass sie an einer seltenen Form der Epilepsie leidet. Immer wieder musste Alexandra mit ihr ins Krankenhaus, damit die Ärzte die Medikamente richtig einstellen konnten. Früher hatte sie mal als Verkäuferin in einer Tankstelle, mal in einer Bäckerei gejobbt, sie war da nicht wählerisch, Hauptsache, eigenes Geld verdienen, doch als alleinerziehende Mutter konnte sie viele Stellen nicht mehr annehmen. Die Arbeit als Tagesmutter war die Lösung: Alexandra hatte gern kleine Kinder um sich, und sie würde sich jederzeit um ihre Töchter kümmern können.

Den Anforderungen des Münchner Ju-gendamts entsprechend absolvierte sie 115 Unterrichtsstunden zur Grund- und Aufbauqualifizierung. Ihre pädagogischen Fähigkeiten, ihre Belastbarkeit, ihre Sprachkenntnisse – alles wurde überprüft, auch ihre Wohnung. Die Zimmer ihrer beiden Töchter sind groß und mit Hochbetten und Sofas eingerichtet, Alexandras eigenes Schlafzimmer hat die Größe einer Kammer. Immer wenn sie es sich leisten konnte, ist sie mit Patrizia und Mayra in den Urlaub gefahren, erst Anfang August waren sie in der Türkei. Ein Foto zeigt Alexandra lachend am Strand. Zehn Monate später wird es in der Bild am Sonntag zu sehen sein.

Die Eingewöhnung

Die ersten Tage schreit Christopher, sobald seine Mutter den Raum verlässt, doch an Alexandra, da ist Natalie sich sicher, liegt das nicht. Ihr gefällt die natürliche, selbstverständliche Art der Tagesmutter. Und Christopher ist es einfach nicht gewohnt, von seiner Mutter getrennt zu sein. Bisher ging das nur bei ihren Eltern gut, die sie im August in der Ukraine besuchte. Christopher schlief seelenruhig bei seinem Opa im Bett, der ihm abends Volkslieder vorsang. Einmal im Jahr kommen Natalies Eltern nach Deutschland.

Ihre Tochter war mit 21 Jahren als Au-pair-Mädchen nach München gegangen, studierte dann Deutsch und Englisch am Fremdspracheninstitut, und als ihre Aufenthaltsgenehmigung auslief, heiratete sie Josef. Seine Eltern waren von »der Russin« anfangs nicht begeistert. Ihr jüngster Sohn hatte als einziges von drei Geschwistern Vohenstrauß in der Oberpfalz verlassen und war nach München zum Studieren gezogen. Eigentlich hätte er Pfarrer werden sollen.Kennengelernt haben sich Josef und Natalie am 2. Februar 2002.

Ein Freund hatte Josef die Telefonnummer und ein Foto von Natalie zugesteckt, Josef fackelte nicht lange: Er lud Natalie zu einem Spaziergang am Starnberger See ein, steckte sich eine Piccolo-Flasche Champagner in die Jacke, und als er sie am Bahnhof zum ersten Mal sah, war ihm klar: Das ist die Frau fürs Leben. Auf einer Parkbank am Wasser öffnete er den Champagner. »Den Korken bewahren wir auf und zeigen ihn unseren Kindern«, sagte er zu ihr. Zwei Jahre später heirateten sie standesamtlich, 2005 holten sie die kirchliche Hochzeit nach. In einer Pferdekutsche fuhren sie nach der Trauung durch die Weinberge Südtirols. Am 16. Juli 2007 wurde ihr Sohn geboren. Sie nannten ihn Christopher, nach dem Schutzpatron der Piloten – Natalies Vater war Pilot. Außerdem sollte der Junge »einmal die Welt entdecken«: wie Christopher Kolumbus.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Als sich Josef von Christopher verabschiedet, krallt der sich an seiner Hose fest. »Als ob er mir sagen wollte: Bleib, Papa, ich will nicht zu dieser Frau«, sagt Josef heute.)

Kommentare

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  • Katharina Ziegler (0) Ich habe selbst zwei Kinder und wünsche solch ein Unglück nicht einmal dem schlimmsten aller Schlimmen.
    Wenn es den Eltern hilft ihr Trauma zu verarbeiten, in dem sie an die Öffentlichkeit gehen, so haben sie mein vollstes Verständnis.
    Es ist ein unglaublich heikles Thema. Ich hoffe nur, das dieser Artikel keine Anit-Tagesmutter-Lawine lostritt.
  • Cornelia Ulrich (1) @inko gnito
    "pseudopsychologisch" - das impliziert, dass du weißt, wie das "wahre" psychologisch ausieht? ich denke, dass hier jeder aus der perspektive schreibt, die ihm selbst am vertrautesten ist. ich habe hauptsächlich die systemische literatur zum thema mehrgenerationale familiensysteme im kopf und aus dieser perspektive hat ein solches ereignis einfach massive auswirkungen auf das darauf folgende kind. das war, was mir zuerst zu dem artikel einfiel. heißt aber nicht, dass es nicht für die eltern wunderbar und sicher gut und richtig ist, ein weiteres kind zu kriegen.
  • Inko Gnito (0) Was sind denn das für strange Kommentare zu diesem Artikel?
    Da wird mit einem vollkommen tragischem Unfall verglichen, die böse Verschwörung der Impfindustrie herangezogen, pseudopsychologische Auswirkungen auf das Kind gemutmaßt und letztlich die Eltern verurteilt, weil sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen...mal ein Wort zum Opfer oder zur Verantwortung der Täterin? Hallo, eine Frau, die sich verpflichtet hat, stundenweise die Verantwortung für die wehrlosesten aller menschlichen Geschöpfe zu übernehmen, hat die Nerven verloren und ein Kind getötet. Dass sie ihre Tat bereut ist aller Ehren wert, macht das Kind aber nicht mehr lebendig und wird den Schmerz der Eltern kaum lindern.
    Hey Leute, entweder Ihr habt selbst keine Kinder oder eine sehr verschrobene Sicht der Dinge! Diesen Eltern ist das Schlimmste widerfahren, was man sich als liebende Eltern nur vorstellen kann und dann solche Worte? Unbegreiflich!
    Wenn an der Geschichte etwas Gutes ist, dann, dass die Eltern zu einem wie auch immer "normalen" Leben zurückgefunden haben und das große Glück haben, erneut Eltern werden zu können und zu dürfen!
  • Olaf Heumann (0) Dieser Artikel ging mir sehr nahe, beide Parteien betreffend.
    Einen Aspekt möchte ich vertiefen, die juristische Verfolgung.
    Alexandra S. wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft verurteilt . Sie ist bereits in Haft. Dieter Althaus, Ministerpräsident in Thüringen, wurde wegen fahrlässiger Tötung der Mutter eines einjährigen Kindes zur Zahlung von 33.000 EUR verurteilt. Er will auch weiter seinem Land dienen, als Ministerpräsident. Haft? War da überhaupt was?
  • Suzanne Winter (1) ich hoffe bloß die todesursache wurde noch einmal eigehend geklärt...da das kind schon vorher weinerlich und unruhig war könnte das ganze auch mit der impfung zusammen hängen...das weinen krampfen etc...bloß wenn dies so wäre dann wird das natürlich totgeschwiegen!!!
    Gerade die masern mumps impfungen sind bekannt für impfschäden!!!
  • Cornelia Ulrich (1) So sehr es mich für die Eltern freut, dass sie ein weiteres Kind bekommen - so leid tut mir jetzt schon das Kind: Die Tatsache, dass die Eltern dem Kind sogar den gleichen Namen geben wollen, halte ich für höchst bedenklich. Dieses Kind wird immer im Schatten des toten Bruders stehen und diesen doch nie ersetzen können. Sollte das Kind tatsächlich ebenfalls Christopher heißen, wird es ihm sehr schwer fallen, eine eigene Identität zu entwickeln - das wird ihm als Kind nicht bewusst sein, als Erwachsener jedoch wird es an dieser Geschichte zu knabbern haben... ist es nur auf der Welt, um den toten Bruder zu ersetzen? Eine utopische Aufgabe....
  • Marion Prey (1) Ich frage mich, wie ein Paar, dass ein Kind verloren hat, damit so bewusst ins Öffentliche treten muss. Was wollen Sie erklären? Warum Sie ihr Kind zu einer Tagesmutter gegeben? Sich darstellen auf Kosten der Tagesmutter, die laut Artikel wohl einen anderen finanziellen Hintergrund hatte und nun sowieso gestraft ist fürs Leben. Wem hilft dieser Artikel?