Anzeige

aus Heft 34/2009 Gesellschaft/Leben 1 Kommentar

Der Tod meiner Mutter

Seite 2

Von Georg Diez 




Ich setzte mich zu ihr, auf den Rand des Bettes. Morgen würde sie entlassen werden, das hatten die Ärzte versprochen. Eigentlich sollte sie nur eine Nacht dort sein, jetzt waren es schon drei. Das Wasser aus der einen Lungenhälfte musste entfernt werden, aber weil es so viel war, konnte die andere Hälfte nicht sofort punktiert werden.

»Ja, ja«, hatte sie gesagt, als habe sie schon geahnt, dass sie am Ende doch noch verraten werden würde, um ihr Sterben betrogen. Ich schaute sie an und schaute weg, schaute zum Fenster, weil sie recht hatte und gefangen war in einer der Schleifen, die der Tod immer enger um einen zieht. Gerade ganz am Ende, wenn jede Maßnahme zugleich notwendig und überflüssig ist.
Anzeige
»So soll Ihre Mutter nicht sterben«, hatte Doktor Koschine gesagt, und er meinte damit das Röcheln und Schnaufen und die Atemnot und die Angst und das Wasser in der Lunge. Natürlich nicht. Aber so wollte sie eben auch nicht leben, in einem fremden Zimmer, mit einer Bettdecke, die nicht nach ihr roch.

Sie hat sich ja sogar ihr eigenes Bettzeug mit in den Urlaub genommen. Warum war ihr das so wichtig? Als ich neben ihr saß, in diesem fremden Zimmer, da hatte ich kein schlechtes Gewissen; ich wollte keines haben. Ich wollte nicht, dass dieses Gefühl, dieses negative Gefühl, das überdeckte, was war.

Ich wollte ihr helfen, wollte das Richtige tun. Ich wollte der Sohn sein, der erwachsen geworden ist, der für seine Mutter sorgen kann. Und ich wollte wahrnehmen, wollte erinnern, wollte mitnehmen, was ich konnte. Das lähmte und beflügelte mich zugleich, ich war gefangen in einer der Schleifen, die der Tod auch um die zieht, die dabeistehen und zusehen.

Ich legte ihr die Hand auf den Kopf und streichelte leicht über ihre Haare, die nach der Chemotherapie wieder gewachsen waren, dünne Haare, wie bei einem Kind, das nackt auf die Welt gekommen ist, abhängig und so allein. Sie bewegte den Kopf ein wenig, immerhin.

Die Zärtlichkeit, die gewachsen war, ganz langsam, vor allem in den letzten Wochen, als die Krankheit meine Mutter endgültig beherrschte, diese Zärtlichkeit und Intimität, das war etwas, das ich ihr geben wollte. Das ich mitnehmen wollte. Das tatsächlich da war, das nicht selbstverständlich war, für uns jedenfalls nicht.

»Morgen kommst du nach Hause.« »Das sagst du.« »Und Elfi wird da sein.« »Das wäre schön.« Sie schwankte, zwischen einer Skepsis, die verständlich war, aber auch verletzend sein konnte, und einer Weichheit, die ich nicht kannte, aber sehr mochte.

Ich würde am nächsten Morgen nach Berlin zurückfahren, ihre Freundin Elfi würde da sein, wenn meine Mutter mit dem Krankenwagen nach Hause käme, sie würde sie ins Bett bringen, und Doktor Koschine würde vorbeikommen, Doktor Koschine, der gesagt hatte, dass alles in Ordnung sei, »es ist alles in Ordnung«, hatte er gesagt.

Ich würde Mitte der nächsten Woche wiederkommen, zusammen mit meiner Frau. Wir hatten am Wochenende einen Geburtsvorbereitungskurs in Berlin. Meine Mutter hatte schon öfter gesagt, sie mache sich Sorgen, weil ich so oft bei ihr sei und nicht bei meiner Frau, sie hatte gesagt, sie wolle nicht schuld sein, sie wolle nicht, dass dem Kind etwas passiert. Sie wollte das Leben nicht durch das Sterben gefährden.

»Willst du noch etwas essen?« Das Tablett stand am Fußende des Bettes. Meine Mutter lächelte. Es klopfte an der Tür, und der Arzt kam herein. Meine Mutter war bei der AOK versichert, aber die Chefarztbehandlung hatte sie sich geleistet. Der Arzt schüttelte mir die Hand, was im Krankenhaus etwas zwischen »Guten Tag« und »Herzliches Beileid« bedeutet. »Ich gehe mal kurz auf den Balkon.« Der Arzt nickte. Meine Mutter reagierte nicht, als ich aufstand, und ihre Hand, die ich gehalten hatte, glitt sanft und warm aus meiner.

Draußen war es dunkel und kühl. Ich konnte die Isar von hier aus sehen, selbst im Dämmerlicht, es ging ein Leuchten aus von diesem Fluss, das er auch bei Tag hat, etwas von dem Glanz der Berge schien er mit sich zu tragen, und selbst das Rauschen erinnerte mich an einen Bergbach und nicht an einen der ernsten deutschen Flüsse, auf denen Schiffe fuhren und um die gekämpft worden war. Die Isar ist ein heiterer Fluss, leicht, beschwingt, fast frei.

Schon wegen der Isar musste meine Mutter München mögen. Weiter konnte sie sich nicht entfernen vom Bremen ihrer Kindheit, von der engen Bürgerlichkeit und dem Eckhaus im vornehmen Stadtteil Schwachhausen, ein Haus mit kleinem Garten und kleinen Zimmern, umgeben von größeren Häusern mit größeren Zimmern. Ein Haus, das wirkte, als sei es falsch am Platz.

Aber die Hövelmanns waren in Schwachhausen, das war wichtig, sie waren auf dem richtigen Weg, nach oben. Den Aufstieg wollte vor allem Martha, eine einfache Frau aus einer Soldatenfamilie, mehr noch als ihr Mann Hans-Hermann, ein Erfinder, der Ende der Fünfzigerjahre ein Container-Patent für 65 000 Mark verkaufte, ein Bastler, dessen Vater Maschinenbau studiert hatte wie er, ein kalter, distanzierter Mensch, der enttäuscht war, als keiner seiner drei Söhne Ingenieur wurde.

Martha war protzig, Hans-Hermann war fleißig. Die eine war verlogen, der andere war verschlossen. Zärtlichkeit gab es nicht, Nähe gab es nicht, und geredet wurde auch nicht. 1963 starb Hans-Hermann. Während der Arbeit, wie sonst. Am Herzinfarkt, heißt es.

Auch um diesen Tod gibt es Gerüchte, so wie vieles Gerücht war und Geraune in dieser Familie. Eine Geschichte, die Martha immer wieder erzählte, war die von den polnischen Kriegsgefangenen, die sie gerettet habe. Ob sie diese Geschichten selbst glaubte oder nicht, spielte dabei keine so große Rolle.

Langsam wurde mir kalt. Die Isar war der Fluss meiner Kindheit. Durch den Park hindurch konnte ich sie vom Balkon aus gut sehen, jetzt, wo die Bäume keine Blätter mehr trugen. Sie floss von rechts nach links, von Nirgendwo nach Nirgendwo. Ich ging hinein und schloss die Balkontür leise hinter mir. Der Kopf meiner Mutter war zur Seite gerutscht. Sie hatte die Augen geschlossen. Es war eine andere Wand als zu Hause.

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Christa Grobel (0) Glückwunsch zu diesem Text. Einfühlsam und ganz präsent schreibt der Autor über diese schwierige Zeit des Abschieds. Bewundernswert in dieser Klarheit eine so schwere Zeit zu schreiben.