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aus Heft 40/2009 Deutschland

War da was?

Peter Schanz  Fotos: Peter Schanz

1393 Kilometer deutsche Geschichte in 73 Tagen: Unser Autor wanderte auf dem ehemaligen Grenzstreifen, von Oberfranken bis zur Ostsee. Ein Tagebuch - zwanzig Jahre nach dem Mauerfall.

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1. Woche


Tag 1 Mit neuen Wanderschuhen und altem Rucksack setze ich mich in Ostholstein in den Zug, steige in Lübeck, Hamburg, Nürnberg und Hof um, nehme in Rehau ein Taxi und in Regnitzlosau ein Fremdenzimmer. Ab morgen will ich von hier, wo ich herkomme, dorthin zurücklaufen, wo ich zu Hause bin.

Tag 2 Hinter Prex mache ich mich auf den 1393 Kilometer langen Weg, der in letzter Zeit neue Namen erhielt: Vom Lebensstreifen ist die Rede, vom Grünen Band, weil hier, wo vor zwanzig Jahren die Welt aufhörte, nun eine Art Paradiesgärtlein für anderswo Ausgestorbenes entstanden sein soll.

Tag 3
Bei Ullitz sehe ich einen alten Wachturm. Ich will ihn untersuchen und gehe vom Plattenweg ab. Ein Graffito belohnt meinen Umweg: Grenzen sind für’n Arsch! Die Tür ist verriegelt, ich breche sie nicht auf. Ich steige ins Tal hinunter und trinke zwei Gottsmannsgrüner Biere.

Tag 4 In Mödlareuth, einem Dorf, das heute nur noch in zwei Bundesländern liegt, werde ich mit einer Schulklasse durch das Grenz-museum geführt. Metallgitterzaun und Selbstschussanlagen sind so beeindruckend wie die Bärenzwinger und Folterkammern mittel-
alterlicher Ritterburgen.

Tag 5 Frau Weitermann aus Hirschberg sagt, sie seien hier schon immer nett gewesen, hätten nur früher nicht in die BRD hinüberwinken dürfen. Und mein geschwollener Knöchel würde wieder werden. Wer auf dem Kolonnenweg laufe, auf dem früher die Grenztruppen marschierten, dürfe sich nicht wundern.

Tag 6
In Blankenstein trinkt der Wirt mit mir Rhöntropfen, einen dunklen Kräuterbitter, den er schon damals, als sie noch der Osten gewesen waren, gern getrunken habe. Ich hingegen kannte von fränkischer Seite aus nur den Rhöndiesel, welcher aber immer ein klarer Obstschnaps war.

Tag 7 In Nordhalben präsentieren alte Schafkopf-Spieler anzügliche Handy-Klingeltöne und fordern mich auf, ich solle doch rübergehen und mir anschauen, wie dem Ossi alles in den Arsch gestopft werde. So weit sei es gekommen, dass man sich von einer Ostlerin regieren lassen müsse.

Weitere Impressionen vom ehemaligen Grenzgebiet.



Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die 2. Woche, vom Schieferpark Lehesten bis Sonneberg.

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