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aus Heft 41/2009 Frauen

Die Nippel der Welt

Seite 2

Susanne Frömel  Fotos: Wiebke Bosse
»Er hat jetzt schon Zähne, und ich habe Angst, dass er mich beißen wird.«

»Interessant«, sagt die Laktationsberaterin, »was sind denn da so eure Erfahrungen?« Sie schiebt ihr Hemd hoch. Ihr Kind, anderthalb Jahre alt, hat Appetit. Später sagt sie: »Wenn eine Mutter sagt, ich möchte nicht stillen, dann sollte sie sich mal überlegen, ob sie überhaupt ein Kind möchte.« Aber man möge sie bitte nicht namentlich zitieren.
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Von einer »zweigeteilten Gesellschaft«, spricht die Laktationsberaterin Denise Both: »Ist das Bildungsniveau der Frau eher niedrig, füttert sie häufig mit Flaschennahrung, da sie so ihren Lebensstil aufrechterhalten kann. Je höher jedoch das Bildungsniveau der Frau ist, je erfolgreicher sie ist, desto höher steigt auch die Stillquote.« Both macht den Job seit zwanzig Jahren, nebenher übersetzt sie medizinische Fachtexte ins Deutsche. Sie ist IBCLC, International Board Certified Lactation Consultant, und damit eine der wenigen, die die Laktationsberatung professionell und nicht nur ehrenamtlich betreiben. Sie ist eine sehr nette Frau. Aber was sie sagt, klingt, als hätte sie schon die eine oder andere Brust zu viel gesehen: »Ich betrachte diese Mütter-Olympiaden mit Argwohn. Immer häufiger lerne ich Kinder mit Essstörungen kennen, weil die Mütter ihnen normale Nahrung vorenthalten, obwohl die ihnen mit sechs Monaten förmlich in den Teller springen.« Both hat beobachtet, dass im Internet regelrechte Wettbewerbe laufen. Wer stillt sein Kind am längsten? Wer nährt es am längsten ausschließlich mit Muttermilch? »Es gibt nur noch Extreme, in die eine oder andere Richtung.«

Stillen war nie eine Sache, die man machte, weil man ein Kind hatte und eben die passenden Brüste dazu. Schon an den Höfen ägyptischer Pharaonen waren Ammen für die Ernährung der Kinder zuständig. Es heißt, dass sich um die Stelle der Amme für Kaiser Napoleons ersten Sohn 1200 junge Frauen bewarben. Wer sich keine Amme leisten konnte, ernährte sein Kind mit »Mehlmus«, einer Art dünner Getreidesuppe, die eine hohe Säuglingssterblichkeit nach sich zog. Im ausgehenden 18. Jahrhundert sorgte Jean-Jacques Rousseaus »Zurück zur Natur!« für eine kurze Milch-Welle, bevor Frauen der oberen Schichten das Selbststillen als
zu beschwerlich wieder aufgaben. »Die Weiber schmeichelten sich, nachdem Rousseau die Natur zur Mode gemacht hatte, durch Säugen zu interessieren, und Mutterliebe wird zur Mode und Koketterie«, notierte ein Zeitzeuge.

Wie es aussieht, war das Stillen immer schon weniger eine Frage der Liebe zum Kind, sondern eher ein Zeitgeistphänomen. Für die Frauengeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Flasche griff, war das Nichtstillen auch Ausdruck eines Fortschrittswillens, des Glaubens daran, dass alles Gute aus der Zukunft kommt. Konserven, Einweckgläser, Flaschennahrung – das waren Versorgungsvisionen aus einer besseren Welt. Wer in Hinterhöfen Breichen selbst kochen und nebenher noch den Wäschetopf zum Kochen bringen muss, hat keine Muße, sich mehrmals am Tag halb nackt auszuziehen. Nicht, wenn eines der älteren Kinder den Job ganz einfach mit der Flasche erledigen kann.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Mein Körper gehört mir!" - In den Siebzigern wurde die Muttermilch zum Politikum.)
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