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aus Heft 41/2009 Frauen

Die Nippel der Welt

Seite 4

Susanne Frömel  Fotos: Wiebke Bosse
»Stillen schützt vor Übergewicht, das ist erwiesen«, sagt Dr. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund. »Aber was die Allergien betrifft, kann ich dem nicht zustimmen. Nach den neuesten Erkenntnissen dürfen die Kinder spätestens ab dem sechsten Monat alles zu sich nehmen, sofern maßgehalten wird. Eine abwechslungsreiche Ernährung ist das Einzige, was Allergien tatsächlich vorbeugen kann.« Das hindert natürlich niemanden daran, einem Vorwürfe zu machen, wenn man seinem Kleinkind Erdbeeren zum Naschen gibt: »Ach, herrje«, heißt es dann, »der kleine Schatz bekommt sicher mal
Neurodermitis.«

Die Insignien der neuen Über-Mütter sind nicht nur ihre Brüste. Wer dabei sein will, muss den richtigen Kinderwagen fahren, biodynamische Snacks bei sich tragen und sich für die anatomisch korrekteste Tragehilfe entschieden haben. Mütter, die etwa den Babybjörn benutzen (»Du Ärmste, hast du noch nie von der Spreiz-Anhock-Position gehört? Mit dem Ding hier leierst du dem Kind die Hüftgelenke aus«) oder dem Kind das milchschorfige Haar mit Shampoo waschen (»Bitte, tu das nicht! Du zerstörst den natürlichen Schutz!«), erlangen in etwa das gleiche gesellschaftliche Ansehen wie jene Frauen, die ihre Kinder zwei Tage in die Wohnung sperren, damit sie mal wieder richtig tanzen gehen können.
Was die Still-Faschisten gar nicht abkönnen, sind Argumente: Wenn eine Frau alleinerziehend und in der Ausbildung ist, ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper hat, ist das noch lange kein Grund, nicht zu stillen. »Die Beziehungsverweigerung«, sagt eine der Frauen beim Still-Treff, »das ist es, was mich stört. Es ist doch komisch, wenn jemand ein Kind haben will, aber die Dinge, die mit einem Kind kommen, ablehnt.«

Radikalismus wird aus Mangel geformt. Nicht unwahrscheinlich, dass auch bei den Still-Faschisten ein psychologisches Problem Ursache ist: »Ich bin ein typisches Entfernungskind«, sagt die Laktationsberaterin nun in dem kleinen Raum im Gemeindehaus, »erst die Flasche, dann ein eigenes Bett, und dann auch noch der Kinderwagen. Manche Frauen können sich durch das Stillen auch heilen.« Der Glaube ist stark, dass vollkommenes Glück nur an der Mutterbrust entsteht: »Wäre ich gestillt worden, wäre ich weniger kontaktscheu und mein Mann hätte mich nicht verlassen« funktioniert genauso wie »Hätte ich mehr Körpernähe erfahren, wäre ich selbstbewusster und beruflich erfolgreicher«. Mit dem Tatbestand des Stillens kann man ein ganzes Universum erklären, in dem sich alles um zwei große, tropfende Brüste dreht.

Der Still-Treff ist fast zu Ende. Das Thema »Väter und Stillen«, das für heute eingeplant war, wird nur sehr kurz behandelt.
»Was können Väter denn zum Stillen beitragen?«, fragt die Laktationsberaterin.
»Sie können für uns kochen!«
»Richtig, das hilft sehr. Was noch?«
»Sie können einkaufen gehen oder mal die Füße massieren.«
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Vielleicht liegt es an der Luft. Stillhormone, das ist wissenschaftlich erwiesen, vernebeln einem den Verstand. Aber eigentlich möchte man sich sofort ausziehen. Dieses gemütliche Beisammensitzen, trinken und reden, das kennt man ja sonst nur von Stammtischen.


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Ihre erste Begegnung mit Still-Extremismus hatte Susanne Frömel, als sie beschloss, ihren Sohn abzustillen, um eine kurze Recherchereise anzutreten. "Wie alt ist er denn? Erst zehn Monate? Der Arme! Na, dann spar schon mal für die Psychotherapie", so der Kommentar einer Mutter auf dem Spielplatz. Nichts geschieht mehr beiläufig, über jede Entscheidung wacht heute eine Schwadron hyperaufgeklärter Mütter. Für Frauen, die Probleme beim Stillen haben, sind die Stillberaterinnen der La Leche Liga trotzdem eine gute Anlaufstelle.
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