Frauen | Heft 41/2009

Die Welt wird weiblicher

Von Ariane Stürmer 


Einige Wissenschaftler vermuten, der Zeitpunkt der einsetzenden Industrialisierung könnte eine Rolle spielen. Je früher die Industrialisierung, desto schlechter die Spermien heute.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Skakkebaek zusammen mit dem deutschen Forscher Uwe Paasch eine EU-Studie über die Spermienqualität von Hamburgern und Leipzigern. Es waren junge Männer, Rekruten, die im Namen der Wissenschaft einige Milliliter Ejakulat hervorspritzten. Das Team um Paasch zählte die
Spermien: Knapp 50 Prozent aller Test-Leipziger brachten es gerade mal auf 40 Millionen Spermien pro Milliliter Ejakulat, junge Finnen schaffen rund 90 Millionen. Etwa ein Fünftel der deutschen Testpersonen kam noch nicht einmal auf 20 Millionen.

Nach WHO-Standard dürfte es für diese Männer sehr schwer werden, Kinder zu zeugen. Statistisch gesehen fehlen der Welt seit den Fünfzigerjahren bereits Millionen von Jungen. Weil der Samen des Mannes bestimmt, ob ein Mädchen oder ein Junge entsteht, vermuten Forscher, dass die Qualität der Vaterspermien etwas mit den fehlenden Jungs zu tun haben könnte.
Beispiel Italien: Dort wurde 1976 bei einem Chemieunfall in der Nähe der italienischen Stadt Seveso das hoch-giftige 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin freigesetzt, ein Abfallprodukt der Müllverbrennung. Männer, die der Chemikalie besonders stark ausgesetzt waren, zeugten in den Jahren darauf fast ausschließlich Mädchen. Wissenschaftlichen Berechnungen zufolge fehlten allein zwischen 1970 und 2002 gut 135 000 weiße US-amerikanische Jungen. Tendenz: steigend.

In Deutschland werden im Vergleich zu 1946 etwa 0,5 Prozent weniger Jungs geboren. Das hat die Geschlechtsrate bereits verändert. 1946 kamen statistisch pro Mädchen 1,08 Jungs zur Welt. 2008 waren es 1,05. Das ist zwar nur eine minimale Veränderung, aber eine konstante, die Regierungen zum Handeln zwingt.

Die Welt wird weiblicher, auch dort, wo es kaum Menschen und Zivilisation gibt. Im eisbedeckten Grönland schrumpft nicht nur der Lebensraum des Eisbären. Auch mancher Eisbär-Penis hat an Größe eingebüßt. Das hat der dänische Wissenschaftler Christian Sonne herausgefunden. Er vermisst seit Jahren Eisbärhoden und -penisse. Sonne, flachsblondes Haar, 37, Pfeifenraucher, hat sich im Namen der Wissenschaft auch schon mit Inuit auf die Jagd nach Eisbären gemacht, eingepackt in dickes Fleece, noch dickere Daunenjacke, und Fäustlinge, so voluminös, dass Yeti-Hände darin Platz hätten. 50 Grad Celsius unter null, Schlittenhundfahrten, Polarlichter, Eiswüsten – das ganze Programm. Fünf Wochen Abenteuer im Namen der Wissenschaft.

Wenn Sonne nicht selbst dabei sein kann, schicken ihm die Jäger der Inuit die Eisbärenteile per Paket in sein Labor im dänischen Roskilde. Es sind Hoden und Penisse von Tieren, die die Inuit im Rahmen einer staatlich festgelegten Jagdquote schießen dürfen.

Christian Sonne hat herausgefunden, dass Menge und Zahl einiger Chemikalien im grönländischen Eisbärenblut ansteigen. Dafür verantwortlich sind aber nicht die arktischen Länder, sondern Staaten wie Deutschland, Frankreich, die USA. Wasser- und Windströmungen treiben den Dreck der Zivilisation Richtung Nordpol. Aber auch der Kongo, Kenia und Nigeria vergiften den Eisbären.

In dessen Blut konnte Sonne zum Beispiel das Insektizid DDT in hoher Konzentration nachweisen. In Afrika ist es eine der wirksamsten Waffen im Kampf gegen Malaria – und wird tonnenweise versprüht. Aber wer denkt in Afrika bei 40 Grad im Schatten und einer saugenden, todbringenden Mücke auf dem Handrücken schon an den Penis eines Eisbären?

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was aber, wenn es nicht nur mehr Weibchen gibt und Männchen verweiblichen, sondern auch Weibchen noch weiblicher werden?)

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