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aus Heft 41/2009 Frauen 1 Kommentar

Die Welt wird weiblicher

Seite 4

Von Ariane Stürmer 



Das publizierten die Forscher – und trafen die chemische Industrie offenbar an einem wunden Punkt. Lobbyisten riefen an, drohten mit Klagen. Einer der Instituts-Mitarbeiter, dessen Name aus diesen Gründen nicht genannt wird, sagt: »Die Politik muss sich irgendwann entscheiden: Sind unsere Nachkommen wichtiger oder Arbeitsplätze in der Chemie-Industrie?«

Die Frage offenbart die ganze Dimension, die das Problem hormonell wirkender Substanzen inzwischen erreicht hat. Die Chemikalien stehen im Mittelpunkt eines Machtkampfes von Industrie, Politik und Wissenschaft. Beispiel Weichmacher: In Deutschland zählen der Chemie-Konzern BASF und der Pharma-Konzern Bayer zu den weltweit größten Produzenten. Die Substanzen sind auch in PET-Flaschen enthalten.
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Einer der am besten untersuchten und am heftigsten kritisierten Weichmacher ist Bisphenol A. Seine Produktion sichert Tausende von Arbeitsplätzen und spült jedes Jahr Milliarden Euro in die Kassen der Hersteller. Gleichzeitig soll der Stoff EU-weit verboten werden, die Initiative kommt aus dem spermienarmen Dänemark. Kanada bezeichnet Bisphenol A als erstes Land der Welt offiziell als gesundheitsschädlich. In den USA und Kanada darf die Chemikalie nicht mehr in Babyfläschchen vorkommen. Die EU hat bereits eine Internetseite eingerichtet, um Verbraucher über die Wirkung von Bisphenol A zu informieren. Mehr als 200 internationale Studien belegen darüber hinaus eine schädliche Wirkung.

Trotzdem hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA erst 2007 den Grenzwert gelockert, ab dem ihr zufolge die Einnahme von Bisphenol A für den Menschen schädlich wird. Er liegt aktuell bei fünf Mikrogramm pro Tag und Kilogramm Körpergewicht. Zuvor lag der Wert bei einem Mikrogramm. Grund für die Angleichung ist eine höchst umstrittene Studie des US-amerikanischen Research Triangle Institute. Finanziert hat sie der American Plastics Council, ein Zusammenschluss der weltgrößten Plastikhersteller: auch BASF und Bayer gehören dazu.

Die Welt wird weiblicher. Noch sind es nur sichtbare Anzeichen, physische Veränderungen, Statistiken. Shanna Swan geht jetzt noch einen Schritt weiter. Sie untersucht das Spielverhalten von männlichen und weiblichen Kleinkindern, deren Mütter während der Schwangerschaft unterschiedlich stark mit Chemikalien verseuchtes Blut hatten. Die Frauen sind US-amerikanischer Durchschnitt. Wenn die Jungs dieser Forschungsgruppe lieber typische Mädchenspiele spielen, dann könnte das analog zur physischen Verweiblichung der Beweis sein für eine biologische Verweiblichung. Denn das Spielverhalten ist nicht erlernbar. Es ist programmiert.

Demnächst sollen erste Ergebnisse der Studie vorliegen. Schon jetzt aber ist sicher: Es geht längst nicht mehr nur um Abweichungen vom statistischen Standard. Es geht um den Anteil des Mannes an der Zukunft.


Seit unsere Autorin Ariane Stürmer weiß, dass selbst kleinste Partikel von Chemikalien Einfluss auf die Geschlechter haben können, versucht sie plastikfrei einzukaufen – mit kläglichem Ergebnis. Das hat sie neulich im Bekanntenkreis erzählt. Die Männer sahen sich betreten an, dann schlug einer vor, sie könne ja schon mal die alte Milchkanne benutzen, die bei ihm auf dem Flur stehe. Die diene eh nur als Schirmständer.

Kommentare

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  • Domingos Schmidt (0) Ich denke, das Problem entsteht durch einen Mangel an systemischen Denken:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...
    Die Menschen kippen tonnenweise Chemiekalien in die Umwelt, scheiden Reste von Arneimitteln, hormonell wirksamen Stoffen und anderen Stoffen aus, ohne zu beachten, dass diese Stoffe Wechselwirkung zueinander treten. Daher sind auch die Grenzwerte Quatsch, jeder der Medikamente schluckt weiß, dass sich die Wirkung zusammen mit anderen Medikamenten oder sogar normalen Lebensmitteln verstärken oder abschwächen kann.