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aus Heft 41/2009 Sport

"Beim Blick auf den Mount Everest habe ich sie gefragt, ob sie mich heiraten will"

Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler (Interview)  Foto: Rafael Krötz

Gerlinde Kaltenbrunner und Ralf Dujmovits sind das berühmteste Bergsteigerpaar der Welt. Ein Gespräch über die Liebe am Limit.

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SZ-Magazin: Frau Kaltenbrunner, es gibt 14 Achttausender. Auf zwölf waren Sie schon. Kürzlich wollten Sie auf den K2, mussten aber kurz vorm Gipfel umdrehen. Wie fühlt sich das an?

Gerlinde Kaltenbrunner: Für mich ist so eine Expedition immer ein Erfolg, auch wenn ich den Gipfel nicht erreiche. Am K2 war ich nun schon zweimal, jedes Mal gab es zwei Gipfelversuche. Es war keine leichte Entscheidung.

Sie waren diesmal ohne Ihren Mann unterwegs. Denken Sie bei solch einer Entscheidung auch daran, dass er unten wartet?
Kaltenbrunner: Ja, schon. Ralf hat mich sogar für ein Paar Tage mit einem Filmteam im Basislager auf 5000 Meter besucht. Beim ersten Gipfelversuch hatten wir täglich Funkkontakt. Die Entscheidung, umzudrehen, hatte aber nichts mit ihm zu tun. Bei meinem zweiten Versuch eine Woche später war er dann ja auch wieder zu Hause in Deutschland.
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Herr Dujmovits, mit welchem Gefühl geht man ins Bett, wenn man weiß, die eigene Frau bricht gerade zum Gipfelsturm auf einen der tödlichsten Berge der Welt auf?
Ralf Dujmovits: Ich schlafe schlecht, das nimmt mich sehr mit. Auch weil ich aus eigener Erfahrung am K2 weiß, an welchen gefährlichen Stellen sie sich gerade befindet. Das ist pure Verlustangst, aber auch Angst, dass sich Gerlinde so schwer verletzen könnte, dass sie behindert wäre. Das wäre fast noch schlimmer.
Kaltenbrunner: Diese Angst kenne ich auch, allerdings kam es zum Glück bis jetzt noch nie vor, dass ich daheim wartete, während du auf Expedition warst. Als dich 2004 der Stein am Unterschenkel getroffen hat in der Südwand des Shisha Pangma – das hat mich noch lange beschäftigt.

Was war passiert?
Kaltenbrunner:
Wir waren im Alpinstil unterwegs, ohne Fixseile, zu viert in der Eiswand. Ich oben, Ralf unter mir. Da traf ihn der Stein am Unterschenkel. Ein Teamkollege und ich haben Ralf gerade noch mit den Händen zu fassen bekommen, sonst wäre er tausend Meter tief gefallen.

Wenn Sie gemeinsam unterwegs sind – streiten Sie manchmal darüber, ob Sie weitergehen sollen oder nicht?
Kaltenbrunner: Ralf wägt die Risiken analytisch ab, ich verlasse mich auf meinen Bauch. Ich spüre, ob es richtig ist, weiterzugehen. Am Annapurna waren wir unterschiedlicher Meinung. Am dritten Biwak auf etwa 6600 Meter hat er beschlossen, zurückzugehen. Ich bin weiter. Dann hat er sich anders entschieden und ist mir nachgekommen.

Hat Sie das gefreut?
Kaltenbrunner:
Ehrlich gesagt, war es nur Stress für mich. Bis zu dem Moment, als wir den gefährlichen Hängegletscher auf 6800 Meter gequert hatten und in Sicherheit waren. Ich habe ständig gebetet: Bitte, lass nichts passieren! Ich hätte mir immer die Schuld gegeben, wenn ihm was zugestoßen wäre. Als wir wieder unten waren, haben wir entschieden, dass jeder für sich seine Entscheidung trifft, sofern es dem anderen gut geht.

Man geht also nicht mit dem anderen mit, um ihn vielleicht zu beschützen oder aus Solidarität?
Dujmovits: Im Idealfall verhält man sich wie ein Bergsteiger-Team, nicht wie ein Ehepaar.
Kaltenbrunner: Natürlich wäre es schöner, immer alles zu zweit zu machen. Aber am Berg hat jeder seine eigenen Vorstellungen.

Herr Dujmovits, was geht in einem vor, wenn man seine Frau weiterziehen lassen muss?
Dujmovits: Da hoch zu schauen? Das ist der Hammer. Man gerät in die Verlierer-Position. Es gab eine andere Situation am Lhotse 2006, da standen wir um vier Uhr nachmittags 100 Meter unterm Gipfel vor blankem Eis, auf dem Pulverschnee lag. Ich war vorn und spurte, wusste aber nicht, ob der Schnee auf dem Eis halten würde, wir waren bereits zwei Stunden über die Zeit. Da bin ich umgekehrt und habe Gerlinde meine Gründe geschildert. Sie ist trotzdem weitergegangen, ich sah die Frau, die ich liebe, in diesen perfekten Himmel hinein aufsteigen. Anders war es am Annapurna. Da habe ich mich mitreißen lassen.

Und Sie, Frau Kaltenbrunner, haben Sie sich auch schon mal mitreißen lassen?
Kaltenbrunner: Ja, das war bei dem Versuch am Lhotse im Mai 2006. Ralf hatte den Rückweg angetreten, ich bin noch weiter. Doch dann habe ich meinen Versuch auch abgebrochen. Als er gesehen hat, dass ich umdrehe, hat er gewartet. Und als ich bei ihm war, da hat er geweint. Es war dann ein wunderschöner Abstieg. Es wurde dunkel, und zwanzig Minuten, nachdem ich meine Stirnlampe angeschaltet hatte, fiel sie aus. Stellen Sie sich vor, das wäre weiter oben am Berg passiert.
Dujmovits: Ich habe ihr dann hinuntergeleuchtet. Es war eine relativ warme Nacht, minus 17 Grad, und wir haben spontan entschieden, draußen vorm Zelt zu biwakieren. Matten raus, Schlafsäcke raus. Blitze erleuchteten immer wieder die Südwestwand des Mount Everest gegenüber. Und über uns die Sterne. Da habe ich Gerlinde gefragt, ob sie mich heiraten will.
Kaltenbrunner: Und dieses Jahr haben wir ihn zusammen geschafft, den Lhotse. Für Ralf war es der letzte Achttausender.

Ist es doppelt so schön, einen Berg gemeinsam zu schaffen?
Dujmovits: Solche Momente zu teilen ist großartig: Einen Riesengipfel, an dem man sich dreimal versucht hat, endlich zu schaffen – zusammen mit dem Menschen, den man liebt.
Kaltenbrunner: Auf manche Berge muss ich eben ohne ihn, weil er sie schon bestiegen hat.
Dujmovits: Da fehlt dann die Motivation und irgendwie auch die Kraft.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Über das Entspannen nach einem Achttausender und die Angst vor dem Tod am Berg.
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