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aus Heft 41/2009 Fünfzig Zeilen

Nerd

Tobias Kniebe 

Dicke Brille, Spezialgürteltasche, hochgezogene Hose: Der Nerd von heute sieht längst nicht mehr so aus.

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Die beiden Microsoft-Gründer Bill Gates (rechts) und Paul Allen im Jahr 1981Die Hose, hochgezogen bis unter den Brustkorb. Die dicke Brille, gern auch zerbrochen und mit Pflaster geflickt. Das Polohemd mit Brusttasche, mehrere Stifte darin. Die Spezialgürteltasche mit dem Minicomputer, der Diplomatenkoffer mit dem Nummernschloss. Sofort hat man dieses pubertäre Wesen vor Augen, wenn man eine Definition des Nerds versucht. Doch so einfach ist es nicht mehr. So wie aus den hochintelligenten, sexuell verdrucksten Schulstrebern à la Bill Gates irgendwann Technikgurus und Börsenmilliardäre geworden sind, so weitet sich auch der Begriff des Nerds immer mehr auch ins Positive aus. Heute umfasst er im Grunde alle, die sich in irgendeinem Feld enzyklopädisches Wissen und/oder singuläre, dem normalen Verstand nicht mehr zugängliche Expertise erworben haben – selbstverständlich auf Kosten von etwas, was man früher einmal »normales Sozialleben« nannte.

So gesehen gibt es, vergisst man mal die Computerindustrie, kaum ein Gebiet mehr, das derzeit nicht von Nerds beherrscht wird: Sie drehen Hollywood-Blockbuster und Kultfernsehserien, sie programmieren uferlose Spielewelten, sie mixen und remixen den Sound der Gegenwart; auf den Bestsellerlisten stehen sie mit dickschwartigen, detailversessenen Verschwörungsthrillern; in den Bankenzentralen programmieren sie teuflisch komplexe Derivate, die in ihrer Undurchschaubarkeit beinah das Weltfinanzsystem in den Abgrund reißen. Und vor dem Internet, dem Personal Computer und dem iPhone haben sie auch schon die Atombombe erfunden. Ja, Hiroshima könnte man fast als eine Art Gründungsmanifest der Nerdkultur bezeichnen – eine tödliche Kopfgeburt, die die Machtverhältnisse auf dem Pausenhof umkehrt und die Vorherrschaft der physisch Fitteren und handwerklich Geschickteren ein für allemal beendet.

Es ist also keinesfalls verkehrt, jetzt eine Debatte über die Rolle des Nerds in der Gesellschaft anzustoßen und wieder einmal auch nach seinem Verantwortungsgefühl zu fragen – wie zum Beispiel Frank Schirrmacher es gerade tut, im Vorgriff auf sein neues Buch Payback. Die einzige Kraft, die gegen die Weltherrschaft des Nerds noch in Stellung gebracht werden kann, ist dabei interessanterweise die Politik. Sie ist der Beliebtheitswettbewerb, den der Nerd als Eigenbrötler niemals gewinnen kann; mehr als zwei Prozent dürften für die Piratenpartei auch bei zukünftigen Wahlen nicht zu holen sein.
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In der Politik kehrt im Grunde auch die Pausenhof-Mehrheit zurück, um den brillanten Außenseiter, der mit dem Leben aller spielt, wieder in seine Schranken zu weisen. Nur wie genau das passieren soll – diese Frage kann jetzt noch spannend werden.


Foto: dpa
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