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aus Heft 53/2009 Die Gewissensfrage 4 Kommentare

Die Gewissensfrage

"Neulich forderte mich eine Bekannte auf, ihr den Fahrradreifen aufzupumpen - weil ich doch als Mann mehr Kraft hätte. Das widerspricht aber absolut meinem Verständnis der Emanzipation, deswegen lehnte ich mit dieser Begründung ab. Sie fand einen anderen Mann, der ihr half und bezeichnet mich seitdem als 'Nicht-Gentleman'. Hätte ich ihr helfen müssen?" Mark P., Berlin

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Marc Herold (Illustration)



Liegt hier überhaupt ein moralisches Problem vor? Sicherlich stellt anderen zu helfen ein moralisches Anliegen dar, ebenso die Förderung der Gleichberechtigung. Ein Konflikt entsteht aber erst dann, wenn die Hilfe einerseits moralisch geboten ist, aber andererseits die Gleichberechtigung unter ihr leidet, weil sie überkommene Rollenbilder fördert.

Tatsächlich gibt es körperliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern, und in vielen Fällen sind Männer kräftiger als Frauen. Wenn es also darum ginge, einen schweren Schrank zu tragen, könnte die Situation eintreten, dass manche Frau ihn nicht heben kann, ein danebenstehender Mann dagegen schon. Ob es klug wäre, solche Lasten zu heben, nur um sich als Kavalier zu erweisen, steht auf einem anderen Blatt; das sollte er am besten mit seinem Orthopäden klären.

Das Aufpumpen von Fahrrädern fällt jedenfalls nicht in diese Kategorie; rein körperlich können das Männer wie Frauen. Männliche Hilfe gleicht dabei also nicht Unterschiede aus, sondern bedient Geschlechterrollen in einer Inszenierung. Und obwohl das im Augenblick der Frau zugutekommt, kann es allgemein negativ sein, weil es falsche Klischees zementiert.

Der Soziologe Erving Goffman etwa meinte, »dass die wichtigste Errungenschaft der Frauenbewegung nicht die unmittelbare Verbesserung der Lebensumstände vieler Frauen ist, sondern die Schwächung derjenigen dogmatischen Überzeugungen, die ehemals die geschlechtsspezifische Arbeits- und Einkommensteilung untermauert haben«.

Nun sind Gleichberechtigung und Gender-Diskussion inzwischen glücklicherweise weiter und ermöglichen eine entspanntere Sichtweise. Beiden Beteiligten sollte heutzutage klar sein, dass sie in einer derartigen Situation Rollen spielen, die man reflektieren und vielleicht sogar humorvoll auflösen kann. Dann droht der Gleichberechtigung kein Schaden, und eine Hilfe wäre nett, wenn auch nicht unbedingt geboten.

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Literaturempfehlungen:
Erving Goffman, Das Arrangement der Geschlechter, in: ders. Interaktion und Geschlecht, herausgegeben und eingeleitet von Hubert A. Knoblauch, mit einem Nachwort von Helga Kotthoff, Campus Verlag, Frankfurt 1994, 2001
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Christina von Braun/Inge Stephan (Hrsg.) Gender@Wissen, Ein Handbuch der Gender-Theorien, 2.Aufl. Böhlau/UTB Köln, Weimar, Wien 2009
Darin zu diesem Thema insbesondere das Kapitel "Körper" von Irmela Marei Krüger-Fürhoff

Erving Goffman, Das Arrangement der Geschlechter, in: ders. Interaktion und Geschlecht, herausgegeben und eingeleitet von Hubert A. Knoblauch, mit einem Nachwort von Helga Kotthoff, Campus Verlag, Frankfurt 1994, 2001

Daneben lesenswert:
Christina von Braun/Inge Stephan (Hrsg.) Gender@Wissen, Ein Handbuch der Gender-Theorien, 2.Aufl. Böhlau/UTB Köln, Weimar, Wien 2009 Darin zu diesem Thema insbesondere das Kapitel "Körper" von Irmela Marei Krüger-Fürhoff

Haben Sie auch eine Gewissensfrage? Dann schreiben Sie an Dr. Dr. Rainer Erlinger, SZ-Magazin, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder an gewissensfrage@sz-magazin.de.

Kommentare

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  • Cornelia Pfister (0) Lieber Herr Winter, falls Sie hier noch irgendwann mal reinlesen, möchte ich Ihnen sagen, dass wir Frauen uns noch immer SEHR freuen, wenn freundlich Hilfe angeboten wird. Vielleicht sehen Sie es manchen Frauen nur nicht an; wenn Sie sagen, dass Sie keine Freude mehr daran haben, dann entnimmt man das evtl. ja Ihrem Gesichtsausdruck und dann ist die Frau verunsichert, weil sie denkt, Sie würden denken, sie müssten jetzt hilfsbereit sein, weil sie es erwartet usw. Gegenseitige Hilfe fördert jedenfalls ein gutes Zusammenleben kann sogar sinnstiftend sein und Auslegungen bestimmter Begriffe dürfen doch hinterfragt werden (womit wir auch die Philosophie wieder ein bissel dabei hätten). Und apropos Bezeichnungen: immerhin scheint ja auch einem emanzipierten Mann wie dem Fragesteller die Bezeichnung als Nichtgentlemen etwas auszumachen. Die Frage ist nur: fiel es der Dame wirklich schwer, den Reifen aufzupumpen oder mag sie diese Arbeit einfach nicht. Dann sollte sie es auch so sagen. Und umgekehrt für den Helfenden: Wenn keine triftigen Gründe vorliegen, muss man ja nur Dinge tun, die einem nichts ausmachen - und sonst sagt man das eben auch. Ich z.B. als Frau muss mich auch gelegentlich durch eine gewisse Zaunnische drängeln (nichts wirklich Kriminelles), weil männliche Freunde da meist nicht durch passen. Mach ich doch gerne. Aber wenn ich mit einer abgebrochenen Kreide auf einer alten Tafel schreiben soll, dann verweigere ich diese Hilfe konsequent, auch wenn der andere noch so eine Sauklaue hat. Und wenn mich eine Organisation bittet, bei ihnen mitzumachen oder gar zu kandidieren, damit sie ihre Frauenquote erreichen, dann werde ich trotz aller Sympathie für die Emanzipation meine Kompetenzen gaaanz genau unter die Lupe nehmen...
  • David Winter (0) Na ja. Die Luftpumpe mag ein Grenzfall sein; der Schrank oder Schrankkoffer ist es kaum. Und natürlich bietet man(n) als Vielreisender der zugestiegenen Dame auch im Jahr 2010 an, ihr Samsonite-Monstrum auf die schmale Ablage des ICE-Abteils zu hieven.

    Was mir dabei auffällt:

    Vor fünfzehn Jahren habe ich dasselbe getan, und es war eine nette Geste, die im Normalfall beiden Beteiligten ein Lächeln einbrachte: "Vielen Dank" und "Gern geschehen".

    Nachdem ich nun viele Jahre lang gehört und natürlich auch eingesehen habe, dass ich aus politisch korrekter Perspektive ein Chauvischwein, ein Gender-Dinosaurier, potenzieller Vergewaltiger und überhaupt Angehöriger der schlechteren Hälfte der Menschheit bin, stemme ich noch immer den Koffer. Aber ich habe keine Freude mehr daran, weil ich natürlich weiß, dass alleine schon ein höfliches "Darf ich Ihnen helfen?" schlimme Geschlechterklischees bedient.

    Und dem Gesicht der Dame sieht man leider allzu oft dasselbe Dilemma an: Natürlich kriegt sie den Koffer alleine nicht da hoch, irgend jemand muss da ran; aber meine Hilfe nimmt sie mit einer leicht sauertöpfischen Miene an, als täte sie *mir* damit einen Gefallen. Ein Lächeln gibt es kaum noch. Segen der Overdrive-Emanzipation.
  • Klaus Hinkelmann (0) .. der beitrag mag ohne "moralischen" wert sein - interessant ist die frage allemal. die frau fragt den mann offenbar aus einer gewissen vorstellung von männlichkeit bzw. männlicher kraft, und der lehnt ab wegen seines verständnisses von emanzipation. auf der strecke bleibt, ob die frau tatsächlich hilfe benötigt hat oder hätte. denn das scheint mir doch der erste wesentliche punkt zu sein, dass, wer um hilfe fragt, diese tatsächlich benötigt und sich - beispielsweise - die sache nicht einfach leicht machen und andere arbeiten lassen will. eine andere ebene ist dann die der nettigkeit. 'kannst du mir ein bier (mit)bringen' erscheint mir dann legitim, wenn der oder die andere ohnehin z.b. auf dem weg ist und dergleichen. da mag auch eine gewisse ökonomie ihre rolle spielen - es ist vielleicht wirklich nicht unbedingt sinnvoll, wenn zwei oder drei in den keller gehen.
    bei der konkreten frage möchte vielleicht doch eine rolle spielen, dass der mann mehr kraft hat, wenn z.b. das fahrrad resp. die reifen mit den billigen und schwergängigen standardventilen ausgestattet ist und obendrein die luftpumpe nicht viel taugt. den vorwurf, 'kein gentleman' zu sein, muss sich der fragesteller wohl gefallen lassen - aber ein wirklicher gentleman würde es gar nicht dazu kommen lassen, dass die frau überhaupt erst die frage stellen müsste.
  • Sven Thomas Karwath (1) Blödsinniger Artikel ohne jeden moralischen Wert. Der Verfasser sollte sich wirklich fragen, welchen Sinn es macht, solche Fragen angeblich philosophisch zu beantworten ...