Er glaubt zudem, die schlechten Umfragewerte seien »weit weg von der Wirklichkeit«. Doch wer der Realität so weit entrückt ist wie Kurt Beck und sich wie in einer Scheinwelt bewegt, dürfte kaum die Probleme der Welt bewältigen können. Immer mehr Menschen zumindest sehen dies inzwischen so – anders als Kurt Beck –, zumal da der SPD-Chef auch im Umgang mit der erstarkenden Linken weder Strategien noch Impulse erkennen lässt.
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Zunehmend werden zudem auch Erinnerungen an seinen glücklosen Vorgänger im Vorsitz der SPD, den ebenfalls aus Rheinland-Pfalz stammenden Rudolf Scharping wach. Auch Scharping hatte nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden im Sommer 1993 und seiner Kür zum Kanzlerkandidaten Schwierigkeiten, sich außerhalb seiner gewohnten Umgebung in Rheinland-Pfalz souverän und für die Menschen nachvollziehbar und angemessen zu verhalten. Weil er zunehmend die Realität nicht mehr wahrnehmen wollte oder konnte, bescherte er nicht nur der SPD ein Stimmungstief, sondern lähmte nach seiner Wahlniederlage 1994 die gesamte deutsche Politik. Es bedurfte damals des Sturzes durch Oskar Lafontaine auf dem Mannheimer Parteitag 1995, um die Politik aus dieser Erstarrung zu befreien. Übrigens hatte Scharping bei der Frage, wen die Deutschen als Kanzler wollen, bessere Werte als Beck heute.
Während Rudolf Scharping in seiner bundespolitischen Rolle kläglich einbrach, brachte es ein dritter Rheinland-Pfälzer, Helmut Kohl, nicht nur zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten seiner Partei, sondern auch zum Kanzler mit der bisher längsten Amtsdauer. Doch auch Kohl hatte lange Schwierigkeiten, sich außer-halb seines Heimatlandes souverän zu bewegen. Pannen und Peinlichkeiten begleiteten Kohl bis in die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft hinein. Kohl aber übernahm den CDU-Vorsitz mit 42 Jahren; Kanzler wurde er mit 52. Wollte man Kurt Beck eine ähnlich lange Lernphase zubilligen, wäre er 66 Jahre alt. Überdies ist fraglich, ob Beck aufgrund seiner bisherigen Biografie in der Berliner Republik überhaupt Chancen hätte, in die Rolle eines Kanzlerkandidaten hineinzuwachsen. Beck, in die beginnende Phase des Wirtschaftswunderlandes hineingeboren, wuchs trotz seiner Herkunft aus »kleinen« Verhältnissen letztendlich in einem behüteten Biotop auf – regional verwurzelt und sehr früh in einem von der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung geprägten Milieu verankert. Beck wurde seit seinem 23. Lebensjahr, als er freigestellter Personalratsvorsitzender wurde, von der alten, damals noch funktionierenden »Klassenerhöhungsmaschine« der SPD und der Gewerkschaft von Funktion zu Funktion getragen. Kämpfe, auch gegen seine Partei wie etwa Gerhard Schröder, musste er dabei nie austragen.
Vielleicht hindert Kurt Beck heute die Begrenztheit dieses Milieus daran, die Wirklichkeit außerhalb seiner bisherigen »heilen« Welt richtig einzuschätzen.
Foto: ddp
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