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aus Heft 01/2010 Gesellschaft/Leben

Gemachte Männer

Christoph Cadenbach und Georg Diez 

Schwule sind die Leistungsträger unserer Zeit, doch je mehr wir sie bewundern, desto mehr machen wir sie zur Minderheit.

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Schwule haben es besser. Sie sehen besser aus. Sie haben besseren Sex. Sie haben Geschmack. Sie räumen immer auf. Sie können gut kochen. Sie verdienen gut. Sie kaufen Hautcremes. Sie gehen ins Fitnessstudio. Sie sind musisch, gebildet, sensibel. Sie haben Freunde in Rio, Mailand und auf Fire Island. Sie sind manchmal Vegetarier. Sie riechen gut.

»Und sie haben in der Regel keine Kinder«, sagt der schwule Unternehmer Harald Christ. Ein Satz, der nach Wettbewerbsvorteil klingt, nach Karriereplanung und den Anforderungen des gegenwärtigen Kapitalismus. Aber weil Christ vorher lange von den Schwierigkeiten der Schwulen gesprochen hat, besonders in den Spitzenpositionen der Industrie, von Headhuntern, die Schwule nicht einmal einladen würden – davon also, dass es Schwule eben doch nicht besser haben –, hängt dieser knappe Satz mit den Kindern am Ende ein bisschen zu lange und zu traurig in der Luft, um nur das zu meinen, einen Wettbewerbsvorteil. Wir erleben momentan eine mediale Schwulenverklärung. Im Sinne von: Die Emanzipation ist geschafft. Und jetzt?

Man kann ja tatsächlich den Eindruck haben, dass alles gut läuft, wenn sich selbst Schwule über Schwule echauffieren. In einer riesigen Berliner Altbauwohnung stehen sie nach einer Vernissage des Künstlers Marcel Odenbach alle beieinander, die großen gut aussehenden Jungs, die geistreichen alten Journalisten, Filmemacher, Anwälte, und ein schwuler Mann mit österreichischem Akzent sagt zu einem schwulen Mann mit Einstecktuch: »Sind denn eigentlich alle schwul hier?« Und der antwortet: »Schrecklich, nicht, manche von denen kämpfen auch noch für ihr Recht auf freien Sex auf der Straße.«

Und ein paar Kilometer weiter steht ein Student mit Seemannsjacke und runder schwarzer Brille in der Schwulenbar »Möbel Olfe« und wundert sich über die Frage nach seinem Schwulsein: »In meinem Freundeskreis ist das überhaupt kein Thema mehr.« Die Frauen hinter der Theke hier tragen Holzfällerhemden und Schnurrbärte, die Männer auch. Manchmal kommen die Pet Shop Boys vorbei oder der Fotograf Wolfgang Tillmans; man kann ihn ansprechen, und wenn man Glück hat, wird man von ihm fotografiert. Glück haben zumeist die, die wie Skins aussehen, mit Bomberjacke und Springerstiefeln. Neben dem Klo hängt ein Plakat für das nächste Meisterschaftsspiel des türkischen Fußballvereins Türkiyemspor an der Wand, daneben klebt der Sticker »Gays against Guido«.

Ein schwuler Vizekanzler also, zwei schwule Top-Bürgermeister, eine lesbische Talkfrau; in den Modezeitschriften wird der metrosexuelle Mann gefeiert, der mit Frauen schläft, aber sonst wie ein Schwuler lebt, mit Geschmack eben und gut riechend. Schwule geben den Stil vor, sie sind Symbolfiguren unserer Zeit, sie verkörpern die Ideale der Gegenwart. Was sagt uns das? Dass wir in einer schwulen Leitkultur leben? Dass Schwule lustig sind, solange wir sie nicht anfassen müssen? Bei den Folklore-Umzügen am Christopher Street Day bleiben alte Leute mit Regenschirm stehen und lachen mit, wenn sich grell geschminkte Männer halb nackt und mit Perücken und Federboas geschmückt durch unsere Städte schieben, zuckend zur lauten Musik, stampf, stampf, schau mal, lustig, schau mal, wie schrill.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Schrill und schwul. Das ist ein bisschen so wie Nase und Jude. Oder Frauenschlagen und Moslem.)