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aus Heft 30/2007 Männer Noch keine Kommentare

»Der Papst trägt immer weiß. Auch beim Fernsehen«

Seite 5

Von Peter Seewald (Interview); Joachim Baldauf (Fotos) 




Sie nehmen es ernst.
Ja, das tue ich.
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Klingt auch ein bisschen romantisch.
Finde ich nicht. Es sind Worte, die durch das Leben eingelöst wurden, und da war das Leben nicht romantisch. Die von Ihnen zitierten Sätze aus der Predigt mögen vielleicht auf Papier etwas feierlich aussehen, aber dahinter steckt eine gehörige Portion persönlicher Erfahrung, und ich wollte dem Neupriester nicht verbergen, dass er etwas Großes vor sich hat, dass das auch etwas kostet und er es sich etwas kosten lassen muss.

1984 wurden Sie zum Priester geweiht, dann verbrachten Sie zwei Kaplansjahre im Schwarzwald. 1993 in München schrieben Sie Ihre Dissertation über »Kirchengliedschaft gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil«. Hatten Sie Momente großen Zweifels?
Ich wurde nach zwei Jahren Kaplanszeit zum Weiterstudium nach München geschickt; in ein Fach, das mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden ist: Kanonisches Recht. Nach einem halben Jahr hatte ich die Nase so gestrichen voll, dass ich mir sagte: Jetzt gehe ich zum Erzbischof und bitte ihn, mich in die Diözese zurückzuholen, weil ich es nicht aushalte.

So schlimm? Ich hatte immer gern und leicht studiert, aber das Studium des Kanonischen Rechts empfand ich so trocken wie Arbeit in einem staubigen Steinbruch, wo es kein Bier gibt. Man stirbt vor Trockenheit. Rettung kam von meinem Doktorvater, dem Kirchenrechtler Professor Winfried Aymans, der mich später auch zu seinem Assistenten machte. Er hat mir sehr geholfen, aus dieser verflixten Zwickmühle herauszukommen, indem er mir neue Perspektiven aufzuzeigen vermochte. Das hat mir wirklich sehr geholfen, den Löffel nicht hinzuschmeißen. Ich bin ihm sehr dankbar.

Immer wieder tauchen diese Urteile auf: pflichtbewusst, fromm, konservativ; ein Mann der Form und der Strenge.
Im Sinn von »mild in der Form, streng im Inhalt« kann ich das gelten lassen. Wenn ich etwas für richtig halte, halte ich daran fest. Zugegeben, Geduld ist nicht meine Stärke. Manchmal fahre ich ziemlich nah auf, das kann irritieren.

Was muss der Privatsekretär des Oberhauptes einer Kirche mit 1,1 Milliarden Mitgliedern können?
In gewisser Hinsicht sollte er ein Generalist sein, zugleich aber auch einsehen, dass er nicht alles können kann; und er sollte sich das auch nicht abverlangen. Er muss das tun, was der Papst ihm aufträgt, und das mit ganzer Kraft, mit Herz und Verstand.

Gab es anfangs eine Einweisung, etwa eine Schule für päpstliche Etikette?
Überhaupt nicht. Das Einzige, was es gab, war ein Vieraugengespräch mit meinem Vorgänger, Monsignore Stanislaus Dziwisz, dem jetzigen Kardinal-Erzbischof von Krakau. Das war etwa zwei Wochen nach der Papstwahl und dem Einzug ins Appartamento. Dabei drückte er mir einen Umschlag in die Hand, in dem sich einige Papiere und ein Schlüssel für einen Tresor befanden. Ein uralter Tresor, deutsche Markenarbeit. Er sagte nur: »Du hast jetzt eine sehr wichtige, sehr schöne, aber sehr, sehr schwierige Aufgabe. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass der Papst von nichts und niemand erdrückt werden darf. Wie das geht, musst du selbst herausfinden.« Punkt, Schluss. Mehr hat er nicht gesagt. Das war alles an Schule für päpstliche Etikette.

Und was war in dem Umschlag?
Das werde ich Ihnen nicht verraten. Es sind Dinge, die von Papstsekretär zu Papstsekretär weitergegeben werden.

Ihre Anfangsfehler?
Ich hatte bald gemerkt, dass das Tempo, das ich mir abverlangt hatte, zu hoch ist. In Poleposition starten ist das eine, über die Runden kommen und dann auch gut ans Ziel, das andere. Start mit Vollgas sozusagen! Nun galt es, das richtige Tempo herauszufinden. Ein weiterer heikler Punkt war der Umgang mit den unzähligen Bitten um Privataudienzen und anderen Begegnungen, die alle mit edlen Beweggründen versehen waren. Anfragen ohne Ende – »nur eine Minute«, »nur einmal eine Ausnahme«, »der Papst kennt mich schon seit Langem, er würde sich sehr freuen« – und fast immer mit Oberwürze geschrieben. Hier war das richtige Filtersystem gefragt. Ich musste einen stärkeren Filter einbauen.

Was enthalten Sie dem Papst vor?
Nichts von Bedeutung. Alle wichtigen amtlichen Schreiben und Dokumente, alles, was von Bischöfen und Kardinälen kommt, aus der Welt der Politik und der Diplomatie, das lege ich dem Heiligen Vater bei den täglichen Besprechungen vor. Darüber hinaus gibt’s natürlich eine Riesenmasse von Briefen, Bitten, Anfragen, Vorschlägen, die er nicht zu sehen bekommt, weil er dafür einfach nicht die Zeit hat. Da ist mir vom Papst ein Ermessensspielraum eingeräumt.

Versucht man Sie zu instrumentalisieren?
Kommt schon mal vor. Aber ich weiß mich zu wehren.

Hebt man in Ihrer Position dann schon mal ab?
Eher ist das Gegenteil der Fall, dass man nämlich erdrückt wird. Wenn es eine Gefahr gibt, dann heißt sie »Isolation«. Irgendwann meinten Freunde, ich würde mich zu rar machen und mich ihnen entziehen. Das war ein Alarmzeichen! Und ich habe sofort versucht, Zeit freizuschaufeln, um persönliche Beziehungen und bestehende Freundschaften wieder besser zu pflegen. Das ist wichtig für die Psychohygiene.

Was kann dieses Pontifikat bewirken?
Glaubensstärkung und Glaubensermutigung – und das Bewusstsein, dass der katholische Glaube etwas Großes ist, ein Geschenk Gottes, das aber nicht aufgezwungen wird, sondern freiwillig angenommen werden will. Dabei gibt es aktuelle Herausforderungen, denen sich die Kirche zu stellen hat.

Zum Beispiel?
Die Gottesfrage, die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Relativismus, der Dialog mit dem Islam, die Stärkung der eigenen Identität. Die Tatsache, dass ein Kontinent wie Europa nicht leben kann, wenn man ihm die christlichen Wurzeln abschneidet, denn damit nimmt man ihm die Seele.

Die Ankündigung der »vollen und sichtbaren Einheit« mit den orthodoxen Kirchen war die erste Sensation der Regierung Ratzinger. Ist das nicht eine ziemlich illusorische Vorstellung?
Das ist doch keine Sensation, das ist ein erklärtes Ziel von jeher. Dass ein Papst, der gerade in diesem Bereich die letzten Jahre und Jahrzehnte theologisch stark mitgeprägt hat, diese Absicht ausdrücklich formuliert, ist geradezu selbstverständlich. Vergessen wir nicht, dass die orthodoxen Kirchen in der apostolischen Sukzession stehen und damit ein gültiges Amt und die Eucharistie haben, ebenso die sieben Sakramente. Klärungsbedürftig ist die Frage nach dem Primat und der Jurisdiktion des Papstes. Aber es ist ein Skandal, dass die Christenheit noch immer gespalten ist. Die Wiederherstellung der vollen Einheit im Glauben ist ganz gewiss ein großes Ziel des Theologen-Papstes.

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