aus Heft 30/2007 Männer Noch keine Kommentare
»Der Papst trägt immer weiß. Auch beim Fernsehen«
Seite 6
Von Peter Seewald (Interview); Joachim Baldauf (Fotos)
Wird Papst Benedikt das Papsttum zugunsten der Einheit umbauen?
Die Frage ist falsch gestellt. Ökumene kann nicht auf Kosten der Wahrheit betrieben werden. Ein Papst kann das Papsttum nicht einfach umbauen, um bestimmte Ziele schneller zu erreichen. Es geht darum, dass das Papsttum hilft, dem Anspruch der Wahrheit im Hinblick auf die Einheit gerecht zu bleiben.
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Eine Wende in den Beziehungen der katholischen Kirche zu Moskau, Konstantinopel und insbesondere zu Peking würde die religionspolitische Weltkarte dramatisch verändern.Der ökumenische Dialog mit den verschiedenen orthodoxen Kirchen ist in vollem Gange und es sind auch schon beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Aber Ökumene treiben ist und bleibt ein mühsames Ringen. Das hängt auch mit vorhandenen Spannungen innerhalb der orthodoxen Kirchen zusammen. Konstantinopel und Moskau markieren zwei heikle Punkte. Alle Welt konnte via Medien dabei sein, als der Papst im vergangenen November in Istanbul den Ökumenischen Patriarchen getroffen hat. Ein Treffen mit dem orthodoxen Patriarchen von Moskau steht noch aus.
Sie sehen den Papst schon beim russischen Patriarchen in Moskau?
Ich hoffe, dass es zu einer Begegnung wo auch immer kommt.
Im Westen befindet sich die römische Kirche in einem gewaltigen Umbruch. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn spricht als Alternative zur bisherigen Volkskirche bereits von einer »Entscheidungskirche«, einer Kirche, zu der sich die Gläubigen auch wirklich bekennen. Neigt sich die Zeit des Pseudo-Christentums dem Ende zu?
Pseudo-Christentum klingt ungerecht und abwertend und wird auch der Realität nicht gerecht. Wahrzunehmen ist, dass volkskirchliche Elemente abschmelzen und sich immer mehr »Kerngemeinden« herausbilden; dieser Prozess ist seit Jahren im Gange. Kardinal Schönborn bringt das auf den Begriff der »Entscheidungskirche«. Wer heute Christ ist, der will es sein, der entscheidet sich dafür, ist entschieden, entschiedener vielleicht als in früheren Jahren. Und wer es nicht sein will, der ist es ganz einfach nicht, ohne dass ihm daraus irgendwelche persönlichen, sozialen, politischen oder was auch immer für Nachteile erwachsen würden.
Auffallend viele Priester der neuen Generation entdecken die spirituellen, kulturellen und ästhetischen Schätze der überlieferten Liturgie. Mit dem neuen Motu proprio »Summorum Pontificum«, einem apostolischen Schreiben des Papstes, wird festgehalten, dass jeder Priester die heilige Messe auch im früheren, dem tridentinischen Ritus feiern darf. Steht damit neuer Streit ins Haus?
Das Gegenteil ist Absicht und Ziel. Streit soll geschlichtet, vorhandene Entzweiungen und Spaltungen überwunden werden. Mit dem Motu proprio wird nicht wenigen Gläubigen eine geistlich-spirituelle Heimat eröffnet. Ich bin überzeugt, dass der Brief des Heiligen Vaters an die Bischöfe, der zugleich mit dem Motu proprio veröffentlicht wurde und in dem der Papst die Motive des Dokuments ausführlich erläutert, den Schlüssel zum richtigen Verständnis bietet.
Der französische Philosoph René Girard, Mitglied der Académie française, sagt eine entschiedene christliche Renaissance voraus. Wir befänden uns bereits »am Vorabend einer Revolution unserer Kultur«. Dieser Umbruch werde sogar die Renaissance des 15. Jahrhunderts verblassen lassen.
Das Religiöse genießt gegenwärtig eine Aufmerksamkeit wie kaum in den Jahren zuvor. Nach einer Phase des Indifferentismus setzt man sich heute wieder mit Religion, mit Glaubensfragen auseinander. Ich sehe, dass gerade viele junge Menschen, die eigentlich alles haben oder haben könnten, merken: Man kann eigentlich alles, man kann sogar die Welt zerstören – aber man kann die Seele nicht gewinnen, wenn das Wesentliche fehlt. Die katholische Kirche hat Schätze zu bieten, die sonst niemand zu bieten hat; Größeres und Dauerhafteres als alle politischen Heilsangebote. Allerdings geht das nicht automatisch. Der Glaube kommt vom Hören, wie der heilige Paulus sagt, er muss verkündet werden.
Bereits sechs Wochen nach Erscheinen hatte das Jesus-Buch des Papstes eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren erreicht. Man hat das Gefühl, der Papst zieht sich diesen Jesus förmlich neu an.
Das Jesus-Buch ist die Quintessenz eines Mannes, der sich als Priester, Theologe, Bischof, Kardinal und nun als Papst sein ganzes Leben mit der Gestalt Jesu von Nazareth beschäftigt hat. Es ist ein großes geistliches Vermächtnis.
Was schätzen Sie besonders an dem Werk?
Ich bin gerade dabei, es ein weiteres Mal zu lesen. Es ist ebenso tief wie verständlich geschrieben. Es ist die Lebenssumme einer bedeutenden Persönlichkeit. Das Werk reiht sich ein in die Tradition der großen Kirchenväter. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Buch viele Menschen im Glauben stärkt und zum Glauben führt, und zwar nicht nur eine bestimmte intellektuelle Schicht, sondern Menschen aller Herkunft und Bildung.
Der Theologe Joseph Ratzinger liefert eine zwingende Logik: Dieser Jesus ist jener, der alle Vollmachten hat, der Herr über das Weltall, Gott selbst, der Mensch geworden ist. Jesus von Nazareth müsste eigentlich eine Revolution auslösen.
Ja, aber ohne Blutvergießen.
Dr. Georg Gänswein, ein Mensch von geschliffenem Intellekt, geboren am 30. Juli 1956 in Riedern im Schwarzwald, ältestes von fünf Kindern eines Schmieds. Jobs als Skilehrer und Postbote; Student der Theologie, Priester, Kaplan, Promotion in München, Domvikar in Freiburg. 1995 Berufung in die Kongregation nach Rom, ein Jahr später Wechsel in die Glaubenskon-gregation unter der Leitung von Joseph Ratzinger. 2005, nach dessen Wahl zum Papst, wurde Gänswein sein Privatsekretär. Ihm obliegt die Aufgabe, das Arbeitsleben des Papstes so zu organisieren, dass dieser in Brieffluten, Terminen, Audienzen nicht untergeht.
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