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aus Heft 04/2010 Wissen 1 Kommentar

"Manchmal funktioniert eine Idee wie ein Popsong"

Aber was genau macht sie zum Hit? Ein Gespräch mit dem Bestseller-Autor Malcolm Gladwell über den richtigen Moment und ewige Missverständnisse.

Von Max Fellmann (Interview) 



SZ-Magazin: Herr Gladwell, was muss passieren, damit aus einer guten Idee tatsächlich ein Erfolg wird?
Malcolm Gladwell:
Dafür müssen, glaube ich, drei Faktoren zusammentreffen: Erstens muss die Idee etwas haben, was ich den Verankerungsfaktor nenne, sie muss das Zeug dazu haben, eine ganze Gesellschaft zu packen. Das funktioniert am besten, wenn sie auf mehreren Ebenen zugleich greift.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie die Mode: Da ist ein Trend in der Regel dann am stärksten, wenn er nicht nur in der Kleidung gilt, sondern sich auch im Design spiegelt, in der Musik, in mehreren kulturellen Bereichen also. Zweitens muss es jemanden geben, der sich zum Anwalt der Idee macht, idealerweise jemand, der innerhalb einer Gesellschaft eine besondere Rolle spielt. Solche Menschen sind leider ziemlich selten.
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Deshalb sprechen Sie in Ihrem Buch Tipping Point vom "Gesetz der Wenigen".
Genau. Und drittens muss der Moment günstig sein, die neue Idee muss auf bestimmte Bedürfnisse oder Erwartungen in der Gesellschaft treffen, ökonomisch ausgedrückt, muss es so etwas wie eine Marktlücke geben. Das nenne ich die Macht der Umstände. Es muss eine Situation gegeben sein, in der die Gesellschaft sofort bereit ist, der Idee eine gewisse Wichtigkeit zuzuschreiben.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Der ganze Bereich der »grünen Ideen«, also alles, was erneuerbare Energien angeht, neue Technologien, Elektroautos und so weiter. Man kann da beobachten, wie sich ein Bewusstsein, das erst als Spezialistentum galt, über die Jahre langsam in der Gesellschaft verbreitet. Das liegt eben daran, dass die Idee auf verschiedenen Ebenen wirkt, von der Autoindustrie bis zur Energienutzung zu Hause, von der Unterhaltungselektronik, wo immer mehr Menschen keinen Stand-by-Modus mehr verwenden, bis zur Mode, wo immer häufiger umweltschonend produziert wird.

Sie sagen, dieses Bewusstsein verbreitet sich langsam. Was müsste passieren, damit es schneller geht?
Ich glaube, man kann das nicht künstlich antreiben. Wir müssen abwarten. Oft ist es vor allem eine Frage der Zeit. Kennen Sie das Beispiel von den Faxgeräten, das ich in Tipping Point beschrieben habe?

Erklären Sie es bitte noch mal kurz.
1984 hat die Firma Sharp das erste preiswerte Faxgerät vorgestellt. Im ersten Jahr verkauften die ungefähr 80 000 Stück. In den nächsten drei Jahren wurden immer mehr davon verkauft, vor allem an Geschäfte und Firmen. Das hätte jetzt noch nicht bedeutet, dass das Faxgerät ein klarer Erfolg ist. 1987 aber war der Punkt erreicht, an dem so viele Menschen oder Firmen in den USA ein Faxgerät besaßen, dass es auch für den Rest sinnvoll war, sich eins zuzulegen. Das funktioniert wie eine Wippe: Sie kippt ganz langsam von der einen auf die andere Seite – und irgendwann mittendrin ist sie plötzlich über den entscheidenden Punkt hinaus. Das ist der Tipping Point.

Es scheint aber zu dauern, bis der im Fall der grünen Ideen erreicht ist. Bräuchte das Thema noch mehr "Anwälte"?
Auf jeden Fall. In den USA wird Energiesparen zwar von verschiedenen Interessengruppen propagiert, aber die haben nicht die nötige Durchsetzungskraft. Natürlich gibt es die Reichen und Intellektuellen an der Ostküste, da findet es gerade jeder hip, Energie zu sparen und Hybrid-Autos zu kaufen. Aber wie überzeugen Sie die Leute im Mittleren Westen davon, dass etwas passieren muss?

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Bonos Absichten sind ehrenvoll, aber man weiß nie genau, wie gut er sich tatsächlich auskennt.")

Kommentare

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  • Domingos Schmidt (0) Gladwell ist ein sehr interessanter Autor. Er ist einer der wenigen, die es schaffen, geisteswissenschaftliche Inhalte in allgemein verständliche Zusammenhänge zu stellen. Spannend ist es, wie er viele Untersuchungen von Fachwissenschaftler ausgräbt und sie verständlich präsentiert. Er hat auch ein schönes Buch über die Macht der Intuition geschrieben, das so manchem die Augen öffnet, Blink, hier ein Bericht dazu:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...