Fünfzig Zeilen | Heft 05/2010

Gesundheit

Dieser Tage wurden viele Versicherte von ihren Krankenkassen mit einer Beitragserhöhung überrascht. Prostestiert wurde dagegen nicht. Warum auch? Tragen wir doch alle etwas zu dem Gesundheitsdilemma bei.

Von Georg Diez 



Zehn Euro, fragten die Rentner entsetzt und starrten in die Kameras, die sie dabei filmten, wie sie zögerlich ihren verkrumpelten Geldschein über den Tresen schoben, wo eine, so hieß das früher jedenfalls mal, Sprechstundenhilfe saß und ihnen die Praxisgebühr, ein Wort aus unserer Zeit, abnahm. Das eine Wort beschreibt eine Welt, als ein Arzt noch, meistens, ein Mann war, der, meistens, älter war und einem freundlich zuhörte und zunickte. Das andere Wort ist Teil jenes Gängelsystems, als das sich das sogenannte Gesundheitswesen immer mehr darstellt.

Es gab damals, 2004, als die Praxisgebühr eingeführt wurde, viel Wehklagen und Kopfschütteln, weil diese Maßnahme in ihrer offensichtlichen Einfachheit so wirkte, als würde man einen komplizierten Formel-eins-Wagen, der nicht mehr läuft, mit etwas Tesafilm reparieren. Was es damals nicht gab, das waren Proteste, echte Proteste, Rentner-Randale zum Beispiel oder Hartz-IVer-Blockaden. Und auch jetzt wird es das nicht geben, da die Krankenkassen in einer fast kartellrechtlich auffälligen Einmütigkeit acht Euro pro Monat mehr verlangen.

Aber wogegen soll man auch protestieren? Und bei wem? Wir sind ja das System. Wir sind selbst Gesundheitswesen. Wir haben die Bedürfnisse geschaffen, die wir nun nicht mehr bezahlen können. Der medizinisch-industrielle Komplex, der mit Milliardengeldern gefüttert wird, ist durch unseren Beitrag an die Macht gekommen.
Es geht nicht um acht Euro. Es geht um unsere Sehnsüchte, es geht darum, wie wir uns unser Leben vorstellen, wie lange und wie gut es sein soll. Was technisch möglich ist, wird auch gemacht, das gilt besonders für die Gesundheit. Wir haben ein System, das an Selbstüberforderung krankt und an den Widersprüchen scheitert, die es erst geschaffen haben.

Gesundheit ist im späten Kapitalismus nichts mehr, was mit Schicksal oder Fügung zu tun hat, ist nichts Individuelles oder Biografisches mehr – Gesundheit ist zu einer Dienstleistung geworden und Teil eines umfassenden Glücksversprechens. Wir haben Anspruch auf Gesundheit. Die Moderne hat dazu geführt, dass wir immer länger leben. Die Spätmoderne hat das Problem, dass wir uns das nicht mehr leisten können. Die alternde Gesellschaft ist zu teuer. Mehr gibt es immer weniger, heißt es. Stimmt das?

Es geht nicht um acht Euro. Es geht um die Frage, ob es in der Krise eine neue Lehre gibt, die die Bedürfnisse klein halten hilft. Eine Doktrin der Demut.

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